BARBAROSSA UND DER EURO : EUROPA IN DER GOSLARER KAISERPFALZ
Friederich Mielke
„Fruchtbar und weit umfassend ist das Gebiet der Geschichte;
in ihrem Kreise liegt die ganze moralische Welt.“
(Friedrich Schiller)
Das Hartgeld des Euro klimpert. Fremde Münze zu Anfang
2002. Europa rückt enger zusammen: Nach offenen Grenzen,
Wirtschaftsunion, Europaparlament und Brüsseler Kommission
greifen die Europäer zu neuen Scheinen und Hartgeld.
Der Euro bringt eine neue Zeit - fern nationaler Geldstücke,
Grenzen und Zölle. Aufbruch in Europa, welcome to Euroland!
Europa wächst politisch und wirtschaftlich, die europäische
Geschichte trennt die Nationen: Es gibt kein „europäisches
Volk“. Der alte Kontinent beschreibt Irrungen und Wirrungen
seiner Kinder. Griechen, Römer und Germanen kämpfen
mit- und gegen einander; Franzosen, Italiener, Spanier, Briten
und Deutsche leben diesseits und jenseits der Pyrenäen,
hinter den Felsen von Dover, vor und über den Alpen.
Sie erzählen ihre Geschichte, sprechen ihre Sprache,
pflegen eigene Kultur, Identität und ethnisches Wesen.
Russen, Polen, Kroaten und Serben verständigen sich als
Slawen; Iren kämpfen gegen Briten; Korsen, Basken und
Bretonen gegen Mächte in Paris und Madrid, während
Preußen, Sudeten, Böhmen, Mähren, Schlesier
und Pommern in der Erinnerung zu Europa gehören. „Neu-Europäer“
wie Balten, Griechen, Zypern oder die fernen Türken ringen
um eine europäische Identität. Zum europäischen
Kulturkreis wollen alle gehören.
Die europäischen Völker leben, atmen und schnaufen
im Gleichklang - mit und gegen einander. Das „Europa
der Vaterländer“ steht gegen den europäischen
Staatenbund oder die bundesstaatliche Union. Denker und Intellektuelle
greifen die gesamteuropäische Idee auf. „Große“
Kämpfer für den Europagedanken wie Heinrich Heine,
Victor Hugo, Romain Rolland, Heinrich Mann, Gustav Stresemann
oder Graf Coudenhove-Kalergi haben nach europäischer
Identität und Einheit gestrebt. Sie hätten den hell
klingenden Euro als Verwirklichung ihrer Träume gestreichelt
und bewundert.
Deutsche Geschichte ist europäische Geschichte
Deutschland liegt im Herzen Europas. Es ist mit neun Nachbarn
durch eine lange und kleinstaatliche Geschichte verbunden.
Wie soll man Deutschland definieren? Sprachlich, literarisch,
politisch, „kulturell“? Das „Land der Dichter
und Denker“ hatte keine nationale Identität, keine
Zentralgewalt, keine festen Grenzen, keine Hauptstadt. Der
Deutsche Bund (1815-1848) bestand aus 11 Fürstentümern,
10 Herzogtümern, sieben Großherzogtümern,
einem Kurfürstentum, fünf Königreichen und
einem Kaiserreich. Die politische Einheit wurde erst 1871
mit Gründung des wilhelminischen Kaiserreichs erwirkt.
Das neue Imperium bestand aus Königreichen, Großherzogtümern,
Fürstentümern und freien Städten. Das „zweite
deutsche Reich“ ging unter, ebenso die erste deutsche
Republik, und das „Dritte Reich“ war weder monarchisch,
demokratisch, humanitär, oder parlamentarisch wertvoll;
es landete 1945 auf der Müllhalde der europäischen
Geschichte.
Linguistisch lässt sich das Deutschtum durch die Sprache
definieren - das Alemannische, das Bairische, Ostfränkische,
Westfränkische, Rheinfränkische und Altsächsische.
Das „erste deutsche Buch“ war eine bairische Glossierung
eines lateinischen literarischen Lexikons. Das „Hildebrandslied“
wurde 833 in Fulda aufgezeichnet, der „Heliand“
entstand 850 als altsächsisches Bibeleopos, die „Straßburger
Eide“ auf Latein und Fränkisch.
Und dann? Althochdeutsch, Mittelhochdeutsch, Neuhochdeutsch
– die Sprache entwickelt sich von altgermanischer Dichtung
über das Nibelungenlied zum Gudrunlied. Karl der Große
arbeitet an einer Grammatik des Deutschen. Die „Kaiserchronik“
schildert die Geschichte der Kaiser von Cäsar bis Konrad
III. um 1147 – ritterlich-politische Dichtung, die das
christliche Ethos mit dem ritterlichen Kulturideal verbindet.
Historisch-politisch definiert sich Deutschland als erstes,
zweites, „drittes Reich“ und erste und zweite
Republik. Nur welches war das erste Reich? Karl der Große?
Friedrich Barbarossa? Friedrich der Zweite? Karl der Fünfte?
Das erste Reich war Fiktion, das zweite Realität und
das dritte ein Alptraum. Und dennoch gab es das „Heiligen
Römische Reich“ und das „Heilige Römische
Reich Deutscher Nation“. Es hat ein „politisches“
Deutschland gegeben. Die Bundesrepublik verwaltet ihr Erbe.
Der Euro klingt als bare Münze in den Ländern Europas.
Die deutsche Geschichte ist kompliziert: Die sechs „deutschen“
Stämme – Bayern, Alemannen, Thüringer, Sachsen
und Franken – kamen erst 1871 unter einen Hut, als der
preußische König Wilhelm I. deutscher Kaiser wurde.
Deutschland wurde Nationalstaat. Bis dahin war „Deutschland“
ein Konglomerat aus Hansestädten, Städtebünden,
Herzogtümern, Markgrafentümern, Bistümern,
Erzbistümern, Großherzogtümern, Fürstentümern
und Königreichen. Germania est divisa in partes multiples,
oder mit Germaine de Staël: Les Allemands sont Saxons,
Prussiens, Bavarois, Autrichiens – sie kennen keinen
Patriotismus, der sie vereint. „Der Patriotismus der
Nationen muss egoistisch sein“, meint die Gegenspielerin
Napoleons: Les Allemands ont trop de considérations
pour les étranger et pas assez de préjugés
nationaux.
Die Kaiserpfalz Goslar im Kontext europäischer Geschichte
Die Geschichte eines Kontinents lässt sich in Lehrbüchern
und historischen Romanen nachvollziehen. Wer Geschichte zum
Anschauen erleben will, kommt in Goslar auf seine Kosten.
Die Wandbilder im Kaisersaal von Goslar sind dramatische Illustrationen
der deutschen und europäischen Geschichte. Hier hat der
Maler Wislicenus von 1879 bis 1897 seine historische Vision
des Kaiserreiches im Kaiserhaus gemalt.
Goslar ist Ort der Reichstage der salischen Kaiser im Hochmittelalter.
53 Bilder illustrieren die Meilensteine der deutsch-europäische
Geschichte. Auswahl, Stil und Ideologie der Bilder sind Ausdruck
deutscher und europäischer Geschichte. Die Kaiserpfalz
zu Goslar wirkt als Bilderbuch der europäischen Geburt
bis 1871. Während sich die Europäer an das Scheppern
der Euro-Münzen gewöhnen, können sie ihre religiöse,
politische, militärische, künstlerische und dichterische
Biographie im Goslarer Kaiserhaus studieren.
Jedes Bild provoziert, regt an zu Assoziationen, Interpretationen,
Vergleichen. Jedes Bild weckt Neugier nach historischen Fakten
und Zusammenhängen. Welches Gesamtbild ergibt diese Auswahl?
Ist die deutsche Geschichte „Universalgeschichte“
im Sinne Schillers? Mit jedem Bild ist es „ein groß
Ergetzen, sich in den Geist der Zeiten zu versetzen; zu schauen,
wie vor uns ein weiser Mann gedacht, und wie wir’s dann
zuletzt so herrlich weit gebracht.“
Goethes Wagner ist Archetyp des historisch Interessierten.
In Goslar kann er seine Neugier befriedigen. Zwar bleiben
die „Zeiten der Vergangenheit ein Buch mit sieben Siegeln,“
denn „was ihr den Geist der Zeiten heißt, das
ist im Grund der Herren eigner Geist, in dem die Zeiten sich
bespiegeln...“ In den Gemälden von Goslar spiegelt
sich der Geist der Herren Bismarck, Wilhelm I., Moltke, Roon,
Schlieffen und Tirpitz.
Das „zweite“ deutsche Kaiserreich brauchte eine
Ideologie, eine historisch-politische Rechtfertigung. Was
sich als deutsche Geschichte in romantisch verklärtem
Stil darstellt, ist bebilderte europäische Historie –
eine Kurzversion historischer Wendepunkte aus Sicht der imperialen
Ideologie der Hohenzollern, die 1871 die deutschen Stämme
zum deutschen Reich vereinten.
Der Maler Hermann Wislicenus arbeitete 18 Jahre im Kaisersaal.
Er diente den Berliner Hohenzollern, um Glanz und Gloria des
wilhelminischen Kaiserreiches zu verewigen. Was als nationalistische
Verherrlichung deutscher Tradition geplant war, kann auch
als europäische Selbstdarstellung verstanden werden:
Karl der Große, Investiturstreit, der Gang nach Canossa,
Kreuzzüge, Friedrich II. und Martin Luther auf dem Reichstag
zu Worms sind europäische Phänomene. Die Genese
des deutschen Kaisertums 1871 resultiert aus der gesamt-europäischen
Geschichte. Sie muss im europäischen Kontext bleiben:
Die Kaiserpfalz ist Symbol deutscher und europäischer
Entwicklung.
Die 53 Historienbilder zeigen Episoden der ideologisch und
historisch singuläre Geschichte Europas: Karl der Große
zerstört die „Irminsäule“ der Sachsen,
er empfängt maurische Gesandte und tauft Wittekind und
Alboin. Heinrich II. jagt in Goslar, er wird in Pavia zum
König der Lombarden und in Rom zum Kaiser gekrönt.
Heinrich III. entscheidet auf der Synode von Sutri über
den Machtstreit zwischen drei Päpsten. Sein Sohn, Heinrich
IV., ist dekadent; er verspielt die kaiserliche Macht und
büßt vor dem Papst in Canossa. Der Machtkampf zwischen
Papst und Kaiser spitzt sich zu.
Heinrich V. setzt seinen Vater gefangen; Konrad III. bricht
zum Kreuzzug auf, Welfen und Hohenstaufen geraten in Streit:
Barbarossa fällt vor Heinrich dem Löwen auf die
Knie, der wiederum bittet in Erfurt um Verzeihung. Barbarossa
unterwirft Mailand und siegt in der Schlacht von Ikonium gegen
Muslime, er ertrinkt im Fluss Kalykadnus; Friedrich II. krönt
sich in Jerusalem, er hält Hof in Palermo, sein Nachfolger
Konradin wird hingerichtet. Abschließend steht Luther
auf dem Reichstag zu Worms vor Kaiser Karl V. Die Reformation
verbreitet sich durch Europa. Der Dreißigjährige
Krieg verwüstet Deutschland und hinterlässt etwa
300 Kleinstaaten, Aufmarschgebiet für die Armeen Ludwigs
XIV., der französischen Revolution und Napoleons Hegemonie.
Für die preußischen Hohenzollern ist die deutsch-europäische
Geschichte Vorlauf und Vorbereitung der Kaiserproklamation
und des lang ersehnten Einheitsstaates. Der Bogen spannt sich
von Karl dem Großen über Heinrich den Dritten und
Friedrich den Zweiten zu Wilhelm dem Ersten – eine verkürzte,
historisch konstruierte und daher falsche Interpretation europäischer
Geschichte. Karl der Große war nicht „deutsch“;
das „Heilige Römische Reich“ war ebenso wenig
„deutsch“ wie der Hof Friedrich des Zweiten in
Palermo. Charlemagne und Friedrich der Zweite sind Europäer.
Und die Reformation ist eine europäische Bewegung; sie
beginnt zwar im Herzen Deutschlands, verbreitet sich aber
schnell durch das damalige Europa.
Karl der Große als europäischer Kaiser
Das europäische Kaiserreich beginnt mit Karl dem Großen.
Auf dem Bild „Karl der Große zerstört die
Irminsäule“ blickt der Kaiser auf die unterwürfigen
Sachsen. Vom „hohen Ross“ nimmt er die Huldigungen
der Germanen entgegen. Ein Mönch hält das christliche
Kreuz, die heidnische „Irminsäule“ wird fortgeschleift,
Karl triumphiert über die Sachsen.
Als Sieger über die Germanen geht Karl der Große
ins kollektive Gedächtnis der Deutschen ein – als
„erster deutscher Kaiser“ oder als „Sachsenschlächter“.
Für die Ideologie der Hohenzollern war er der erste deutsche
Kaiser – und Wilhelm der Erste Nachfolger Karls des
Großen auf dem deutschen Kaiserthron. Diese verkürzt-nationalistische
Interpretation europäischer Geschichte übersieht
und verdrängt die gesamteuropäische Dimension des
karolingischen Imperiums:
Territorial umfasste das Frankenreich das heutige Frankreich
und Teile Italiens und Deutschlands. Von Aachen aus herrschte
Carolus Magnus über Aquitanien und Burgund, das Königreich
Italien, über Alamannien und Friesland. Zum Reich gehörten
Erzbistümer in Bordeaux, Mailand, Salzburg, Mainz und
Köln, Klöster in Fontenay, St. Gallen und Fulda
und Kaiserpfalzen in Aachen, Herstal, Diedenhofen und Ingelheim.
Es war ein gesamteuropäischer Flickenteppich.
Karl wählte Aachen zur Residenz. Den Titel römischer
Kaiser führte er ungern; er wollte den oströmischen
Kaiser von Byzanz nicht provozieren. Die Distanz zu Italien
und Konstantinopel ermöglichte ein christlich-fränkisches
Reichsbewusstsein. Der oströmische Kaiser fühlte
sich vom fränkisch-christlichen Kaiser Karl nicht bedroht.
Das karolingische „vereinte Europa“ war mit dem
Ostrom in Byzanz verbunden und pflegte Kontakte zum Hof des
Kalifen Harun-al Raschid.
Die moderne Europaidee bezieht sich gern auf Carolus Magnus.
Karls Reich war nicht das „römische Reich“;
er war „Imperator“ über Gallien, Italien
und Germanien und „Kaiser von Europa.“ Der Versuch
der Hohenzollern, Carolus Magnus 1871 als Urahn deutscher
Kaiser einzuvernehmen, ist eitel und historisch anmaßend:
Karl der Große ist ebenso Urvater der Franzosen, Italiener,
Belgier, Niederländer, Luxemburger, Schweizer und Österreicher.
Und das macht ihn zum „europäischen“ Kaiser.
Alles andere wäre ein Affront gegen die benachbarten
Europäer.
Für Heinrich Heine gehört Karl der Große
zum Erbe der Romantik. Im „Wintermärchen“
ironisiert er humorvoll den Mythos vom Frankenreich. Er schreibt:
„Zu Aachen, im alten Dome, liegt
Carolus Magnus begraben.
(Man muss ihn nicht verwechseln mit Karl
Mayer, der lebt in Schwaben.)
Ich möchte nicht tot und begraben sein
Als Kaiser zu Aachen im Dome;
Weit lieber lebt‘ ich als kleinster Poet
Zu Stukkert am Neckarstrome.“
Heine hat die Bilder von Goslar nie gesehen; die Verherrlichung
der Aristokratie und Verankerung des autoritären Staates
hätte ihn abgestoßen. Als „Republikaner“
und „Demokrat“ wurde er von der Zensur verfolgt
und als „Jungdeutscher“ bespitzelt. Heines Gesamtdeutschland
hätte mehr demokratischen Geist und weniger preußische
Luft geatmet.
Die Salier waren Europäer
Die „salischen“ Könige und Kaiser sind
gleichfalls europäische Gestalten. Das Wandbild über
die „Rückkehr Heinrich III. über die Alpen“
1047 folgt auf die Synoden von Sutri und Rom im Jahre 1046.
Das Reich Heinrich III. (1039-56) umfasst das Königreich
Burgund, das Herzogtum Niederlothringen, das Herzogtum Bayern
und das Markgrafentum Tuscien (Toskana), Böhmen und Ungarn
sind deutsche Lehen – wieder große Teile der Niederlande,
Belgiens, Frankreichs, Italiens, Österreichs und der
Schweiz. Als Heinrich III 1047 zum Kaiser in Rom gekrönt
wird, besteht das „Heilige Römische Reich“
aus gesamteuropäischen Teilen.
Heinrich III. gewinnt den Machtkampf zwischen weltlicher
und geistlicher Gewalt auf der Synode von Sutri (1046). Der
Kaiser setzt drei Päpste ab - Gregor VI, Benedikt IX
und Sylvester III – und ernennt Bischof Clemens II.
zum Papst. Clemens II. krönt Heinrich III. zum Kaiser.
Heinrich fühlt sich als Weltherrscher: Kaiser und Papst
regieren den Erdkreis, das „Imperium christianum“
entsteht.
Heinrich III. triumphiert im Machtkampf zwischen Kaiser und
Papst. Er reitet an der Spitze seines Heeres über die
Alpen. Er kehrt erfolgreich aus Italien zurück und lässt
den gefangenen Papst Gregor VI. nach Deutschland tragen. Aber
Achtung! Der Mönch Hildebrand wandert grimmig dem Papst
voraus: Der Mönch ist der spätere Papst Gregor VII.
Er wird Heinrichs Sohn mit dem päpstlichen Bann belegen
und ihn 1077 vor Canossa erniedrigen.
Dem Gang nach Canossa folgt der Gang über die Alpen.
Der Mönch sinnt auf Rache; innerhalb weniger Jahre geht
die Macht vom Kaiser auf den Papst über. Dem strahlenden
Sieger Heinrich III. folgt der „unglückliche“
Heinrich VI. Die Machtverschiebung zwischen Kaiser und Papst
könnte nicht dramatischer sein.
Der Maler Wislicenus hätte den Gang nach Canossa gern
als Großbild dargestellt. Er wollte die Bedrohung des
Kaisertums durch das Papsttum veranschaulichen. Doch der preußisch-wilhelminische
Zeitgeist war dagegen. 1877 tobte der „Kulturkampf.“
Bismarck formulierte Preußens kompromisslose Haltung
gegenüber dem Vatikan: „Nach Canossa gehen wir
nicht!“ Ein Kritiker der Wandgemälde schleuderte
Wislicenus pathetisch entgegen: „Nach Canossa gehen
wir nicht – auch auf dem Bilde nicht!“
Das Konzept hätte Preußen und Deutschland verraten.
Der Gang nach Canossa wurde als kleines Nebenbild verharmlost
dargestellt. Kaiser Wilhelms protestantisches Preußentum
siegt über die katholische Kirche.
Das nächste Bild – die „Schlacht von Ikonium“
– passt in den gesamteuropäischen Kontext. Kaiser
Friedrich „Barbarossa“ kämpft 1189 gegen
die Muslime, die 1187 Jerusalem und das heilige Grab in ihren
Besitz gebracht hatten. Die Kreuzzüge sind eine europäisches
Phänomen. Als Papst Urban II. sein „Deus lo volt“
am 26. 11. 1095 auf der Synode von Clermont spricht, gewinnt
er die abendländischen Ritter und Fürsten. Pilgerschaft
ins Heilige Land und Heiliger Krieg gegen die Heiden werden
zum gesamteuropäischen Gedankengut:
„Thanne longen folk to goon on pilgrimages“,
schreibt der Engländer Geoffrey Chaucer über Pilger
in London. Die mittelalterlichen Menschen, die er in der „Tabard“-Schänke
beschreibt, hatten oft Canterbury, Santiago und Jerusalem
besucht. Chaucers „Canterbury Tales“ sind dichterischer
Ausdruck des Pilgergeistes im Hochmittelalter – ein
Geist, der das gesamte damalige Abendland erfasste.
Kreuzzüge sind europäische Invasionen, Kreuzfahrer
Europäer, und Kreuzfahrt-Fürsten europäische
Aristokraten. Nationales Gedankengut kam später.
Im dritten Kreuzzug (1189-92) stellt sich Kaiser Friedrich
I. Barbarossa an die Spitze des abendländischen Unternehmens.
Es wird der größte Versuch, das Heilige Land und
Jerusalem wiederzugewinnen. Der englische und französische
König reiten mit, ebenso Fürsten aus ganz Europa.
Der „römische Kaiser“ Barbarossa führt
das Heer. Bei Ikonium trifft es auf die Muslime und vernichtet
den Gegner.
Das Bild veranschaulicht die Konfrontation zwischen Christentum
und Islam. Es gehört in die lange Reihe von Schlachten,
Kriegen, Verhandlungen, Verträgen, Versöhnungen
und Bündnissen zwischen Christen und Muslimen vom achten
bis ins zwanzigste Jahrhundert.
Die Schlacht von Ikonium markiert die endlose Geschichte
des Macht- und Kulturkampfes zwischen Abendland und Morgenland:
auf Ikonium folgen der Kreuzzug Friedrichs II. (1228-1229),
der „Kreuzzug von Smyrna“ (1344-1346), der Angriff
der Genueser auf Tripolis (1355), die Schlacht auf dem Amselfeld
(1389), die osmanische Eroberung Konstantinopels (1453), die
katholische Eroberung von Granada (1492), die türkische
Eroberung von Belgrad (1521), die Türken vor Wien (1529),
die Seeschlacht von Lepanto (1571), erneute türkische
Belagerung von Wien (1683) und der türkisch-venizianische
Krieg (1715). „Ruhe“ kehrt nie ein.
Seit dem 11. September 2001 wird das Thema von allen Seiten
erneut beleuchtet. Das Rad der christlich-islamischen Konfrontation
wird neu erfunden. Das Bild in Goslar ist eine Darstellung
christlich-muslimischer Konfrontationen.
Während des dritten Kreuzzuges rühren sich im corpus
christianorum nationale Identitäten. Die Ritter sind
zwar durch gemeinsame Gelübde vereint; doch sie tragen
jetzt Kreuze in verschiedenen Farben: die Franzosen rot, die
Engländer weiß, die Flamen grün. Nationale
Rivalitäten brechen 1191 vor Akkon aus. Philipp von Frankreich
und Richard von England geraten in Streit. Franzosen und Engländer
beginnen einen Jahrhunderte langen Machtkampf. Es ist der
Beginn nationaler Identitäten und Rivalitäten.