EUROPA UND AMERIKA SIND AUCH 2005 NICHT
AUF GLEICHEM KURS
Friederich Mielke
2004 war unser Blick intensiv auf die Vereinigten Staaten
gerichtet. Für Deutsche und Europäer sind die USA
eine permanente Herausforderung – diplomatisch, militärisch,
wirtschaftlich und kulturell. Inzwischen arbeiten über
100 deutsche Auslandskorrespondenten in den USA. Nachrichten
und Analysen über die Entwicklung Amerikas dominieren
die Agenda deutscher und europäischer Medien. Der US-Wahlkampf
hat uns 2004 fasziniert. Europa und die Welt haben auf einen
neuen Geist im Weißen Haus gehofft. Die US-Rolle in
der UNO, im Irakkrieg und in der internationalen Politik wird
in Europa ernst genommen. Die Frage nach Aufstieg und Fall
der Weltmacht USA beschäftigt viele: Hat sich Amerika
„überdehnt“? Hat es seine Mittel und Macht
militärisch und wirtschaftlich verschleudert? Haben die
USA ihren Höhepunkt überschritten?
Das Interesse der Europäer an den USA wird umgekehrt
kaum erwidert. Amerikaner kennen und schätzen Europa
immer weniger. Während im Kalten Krieg Berlin und Deutschland
in Amerika bekannt waren, ist heute das Interesse an Europa
stark gesunken. „Europe“ ist nur e i n Teil der
Welt – neben Lateinamerika, Asien, dem Nahen Osten und
Afrika. Und in Europa steht Großbritannien an erster
Stelle: London ist die kulturelle Heimat. Hier sprechen Amerikaner
ihre Sprache und entdecken ihre kulturellen Wurzeln –
in Religion, Literatur, Geschichte und Sprache. Shakespeare
ist Engländer, doch seine Dramen sind Teil des kollektiven
Bewusstseins der Amerikaner. Und trotz deutscher Wurzeln von
22 Prozent der US-Bürger bleibt Goethe den meisten fremd,
Shakespeare nicht.
Der Durchschnittsamerikaner interessiert sich wenig für
Europa. Transatlantisch engagierte Amerikaner sind Diplomaten,
Geschäftsleute, Austauschschüler, Studenten, Hochschullehrer,
Militärangehörige und Journalisten. Nur zwei Prozent
aller Amerikaner verlassen im Laufe ihres Lebens die kontinentalen
Vereinigten Staaten – und dies sind fast nur die Eliten.
Auch der transatlantische Tourismus leidet: Europa ist teuer;
der niedrige Dollarkurs schreckt ab. Lateinamerika und Großteile
Asiens sind weitaus günstiger. Das US-Militär setzt
den Abzug aus Deutschland fort; die wichtigste Stütze
der transatlantischen Bindung wird schwächer.
Besonders klein ist die Rolle Europas in den US-Medien. Die
10 wichtigsten Themen der US-Presse berühren Europa im
Jahr 2004 nur marginal: Präsidentschaftswahl, Irakkrieg,
Sturmkatastrophen in Florida, irakischer Folterskandal, Bericht
zum 11. September, gleichgeschlechtliche Ehe, Tod von Arafat,
Tod von Ronald Reagan und Beslan-Terror waren Topgeschichten;
der Terroranschlag von Madrid wurde nur relevant, weil er
zum Krieg gegen den Terrorismus gehört. Vor dem 11. September
hatten die US-Medien zunehmend ihre Auslandsberichterstattung
reduziert. Heute ist die weite Welt in Washington wieder wichtig
– aber nur dort, wo sie den Krieg gegen den Terror berührt
– im Nahen Osten, Pakistan, Afghanistan, Saudi-Arabien
und Israel. Deutschland und Europa zählen nur, soweit
sie als Alliierte oder Partner ernst genommen werden.
Wayne Merry vom „American Foreign Policy Council“
hat die amerikanischen West- und Südstaaten bereist und
nach dem Image Europas in Idaho, Utah, Wyoming, Kansas, Oklahoma,
Alabama und Tennessee gefragt. Die transatlantischen Wirtschaftsbeziehungen
sind auch dort wichtig. Doch das europäische Interesse
an amerikanischer Macht und Einflussnahme hätte in Amerika
kein Echo, schreibt Merry in der „New York Times“:
„Seit dem Fall der Mauer und dem Untergang der Sowjetunion
ist Europa kein Thema mehr. Der Kalte Krieg gehört zur
Vergangenheit. Das Interesse am US-Bürgerkrieg ist weitaus
größer als an Vietnam und Berlin.“ Die Amerikaner
würden sich für große Probleme der Welt interessieren
– den Nahen Osten, Nordkorea, Afrika, Terrorismus, Weiterverbreitung
von Atomwaffen, Aids, die Umwelt und zukunftsorientierte Länder
wie Indien und China. Europa sei keine Problemzone. Europa
sei Vergangenheit und teuer. Außer Tony Blair seien
europäische Politiker uninteressant. Jacques Chirac wird
als Störenfried empfunden. Außerdem sollten sich
die Europäer intensiv um ihr eigene Sicherheit kümmern.
Die Amerikaner, so Wayne Merry, sehen Europa im Niedergang
– demographisch, wirtschaftlich und sicherheitspolitisch.
Europa werde zunehmend von Asien herausgefordert. Außerdem
definieren Amerikaner und Europäer die Aufgaben des 21.
Jahrhunderts unterschiedlich: Amerikaner teilen das europäische
Interesse an Umweltschutz, Gesundheitsfürsorge und den
Kampf gegen Armut. Den Terrorismus nehmen die Amerikaner jedoch
ernster, und sie fühlen sich von Atomwaffen und „Schurkenstaaten“
bedroht.
2005 bietet eine Chance, das weitere Auseinandertreiben von
Amerika und Europa verstärkt zu verhindern: Das Weltwirtschaftsforum
trifft sich in Davos, die Wehrkundetagung kommt nach München,
Bush besucht Europa, in England wird gewählt, und im
Juli übernimmt Großbritannien die EU-Präsidentschaft.
Wer den euro-atlantischen Kulturkreis bejaht und die gemeinsamen
Interessen gemeinsam durchsetzen will, sollte die transatlantische
Gemeinschaft verstärken. Ein Abdriften in permanente
Rivalitäten und Konflikte schwächt beide Blöcke
und stärkt die asiatische Konkurrenz. Für transatlantische
Europäer wird die Bush-II-Regierung jedoch zum Problem:
Bush, Rice und Rumsfeld dulden keinen Widerspruch. Sie haben
eine feste Agenda, die sie abarbeiten wollen. Die Aussicht
auf Lösung der transatlantischen Konflikte ist auch für
2005 nicht günstig. Das sollte jedoch niemanden entmutigen,
beharrlich an der euro-atlantischen Klammer weiterzuarbeiten.