DIE AMERIKANER ERWÄGEN DEN RÜCKZUG
AUS DEM IRAK
Friederich Mielke
Der amerikanische Präsident hält demnächst
zwei wichtige Reden. Er wird am 20. Januar zur Einführung
seiner zweiten Amtszeit sprechen, Ende Januar wird sein Bericht
zur Lage der Nation erwartet. Amerika fordert ein klares Wort
zum Irakkrieg. Die Horrornachrichten aus Bagdad haben den
Kongress, die Presse und selbst Regierungskreise zunehmend
verunsichert. Immer mehr Stimmen fordern den Rückzug
aus dem Irak. „Nach den Wahlen sollten sich die USA
zurückziehen“, fordert der Kolumnist Joseph Galloway:
„Nach dem 30. Januar sollten wir einen Sieg verkünden
und den Rückzug einleiten.“
In Washington zirkulieren Gerüchte, das Pentagon habe
einen Plan für den Rückzug. Hohe Regierungsbeamte
meinen jedoch, das US-Verteidigungsministerium habe Pläne
für alles – vom Krieg in Korea bis zu Hilfsmissionen
in Afrika. Die Gerüchte seien substanzlos. Fest steht:
Die Kritik am Irakkrieg wächst. Die US-Regierung gibt
monatlich 4,5 Milliarden Dollar für den Irak aus, das
Militär wird schwer gefordert, 1.340 Soldaten sind bereits
gestorben, 10.252 wurden im Kampf verwundet, und über
12.000 sind krank oder verletzt. Die Hälfte der Verletzten
bleibt dienstuntauglich. Da die Bush-Regierung zusätzliche
100 Milliarden Dollar für unvorhergesehene Kriegskosten
fordert, steigt die Gesamtrechnung auf 230 Milliarden Dollar.
Diese Kosten verunsichern die Amerikaner zunehmend. Selbst
Bush-treue Senatoren und Abgeordnete fordern den Rückzug.
Und das Weiße Haus fürchtet eine zweite Bush-Amtszeit,
in der allabendlich die Opfer des Irakkrieges gezählt
werden.
Washington fragt sich heute, wann und wie der Irakkrieg beendet
wird. Davonlaufen geht nicht. Die USA fühlen sich den
Irakern verpflichtet. Die Meinung setzt sich jedoch zunehmend
durch, dass die USA keinen Tag länger als nötig
in Bagdad bleiben sollten. „Die US-Armee ist überfordert“,
sagt der oppositionelle Senator Joseph Biden. „Unsere
Strategie und unsere Taktik sind äußerst schlecht.“
Brent Scocroft, Sicherheitsberater von Bush-Vater, hält
die Wahl im Irak für bedenklich. „Die Wahl könnte
den Konflikt verschärfen“, meint Scocroft: „Wir
können am Anfang eines Bürgerkrieges stehen.“
Scocroft will, dass Bush den Europäern im Februar die
Wahrheit sagt: Ohne fremde Hilfe könnte der Irak zusammenbrechen.
Doch George W. Bush ließ sich von Scocrofts Kritik nicht
beeindrucken: “Im Gegenteil”, sagt Bush,„das
irakische Volk wird die Wahl als unglaublich großes
Zeichen der Hoffnung annehmen.“
Inzwischen kritisieren auch Republikanische Senatoren die
Irak-Politik der Bush-Regierung. Nach dem Wahlkampf scheint
die Wahrheit ans Licht zu kommen. Kerry hat verloren, jetzt
kann Tacheles geredet werden. Die Senatoren John Warner, Chuck
Hagel und John McCain sind skeptisch geworden. Der Abgeordnete
Newt Gingrich, ein Erzkonservativer der 90er Jahre, sagt jetzt
öffentlich: „Im Irak müssen wir uns aus einem
tiefen Loch herausgraben.“ Verteidigungsminister Rumsfeld
will keine frischen Truppen entsenden „Wir würden
zunehmend als Besatzungstruppe dastehen“, meint der
Verteidigungsminister. Andere Spitzenbeamte fürchten,
dass die 150,000 US-Soldaten die Insurrektion zusätzlich
provozieren.
Generäle und Regierungsvertreter hoffen, die irakische
Regierung werde die Amerikaner nach der Wahl zum Rückzug
auffordern. Sollte dies nicht geschehen, könnte die USA
die Iraker unter Druck setzen: Entweder sie übernehmen
Verantwortung für ihre Sicherheit, oder die USA ziehen
sich schrittweise zurück. „Die Lage muss irakisiert
werden“, meint ein US-Spitzenbeamter laut „New
York Times.“ Doch die Regierung ist sich nicht sicher.
Der Kommandeur der Irakinvasion, General Tommy Franks, sagte
noch am 9. Dezember im US-Fernsehen: „Wir werden militärisch
noch drei, fünf oder vielleicht zehn Jahre im Irak engagiert
bleiben.“
Die „New York Times“ meint, der Irakkrieg sei
bereits verloren. Die Kriegsziele seien nicht mehr realisierbar
– eine weltliche, marktwirtschaftlich orientierte und
demokratische pro-amerikanische Regierung mit Modellfunktion
im Nahen Osten: „Amerikas Image wurde zu sehr beschädigt,
der Aufstand ist zu groß, und die Übergangsregierung
ist unglaubwürdig.“ Die Aufständischen seien
keine kleine Gruppe von Terroristen. Ihre Feindschaft richte
sich primär gegen die Vereinigten Staaten – nicht
gegen die neue irakische Regierung. Eine Lösung wäre
der schrittweise politische und militärische Rückzug
der USA und ein klarer Bruch der irakischen Regierung mit
den USA. Die neue irakische Regierung müsse Gesetze und
Verträge für nichtig erklären, die während
der Besatzungszeit von früheren irakischen Staatsorganen
erlassen und anerkannt wurden. Die US-Regierung solle aufhören,
den Irak als „Front“ im Krieg gegen den Terrorismus
zu bezeichnen. Der neue irakische Staat müsse sich teilweise
durch eine anti-amerikanische Orientierung definieren. Für
die Amerikaner sei dies eine schwierige und undankbare Situation.
„Die Sunniten hassen die Übergangsregierung als
ein amerikanisches Produkt“, schreibt Joseph Galloway:
„Der Vietnamkrieg sollte uns lehren, dass es Orte und
Menschen gibt, die so lange kämpfen, bis auch die mächtigste
Nation der Welt nicht mehr töten und sterben will.“
Sollte die Bush-Regierung ihren Kurs nicht ändern, würden
Tausende amerikanischer Soldaten sterben. Angesichts des bevorstehenden
zweiten Jahrestages der Irakoffensive sollten die Amerikaner
endlich darüber nachdenken, was ihnen dieser Krieg nützt
und was sie verloren haben. Die Reden von George W. Bush werden
erweisen, ob es einen Kurswechsel gibt oder ob die US-Regierung
weiterhin mit dem Kopf durch die Wand geht.