AMERIKANER SIND STOLZ AUF IHRE GESCHICHTE
Friederich Mielke
Die Bush-Ära steht im Zeichen konservativer Werte. Dazu
gehören Individualismus, Freiheitsethos, Eindämmung
staatlicher Gewalt, Patriotismus, Religiosität und eine
pro-militärische Haltung. Konservativ ist auch, wer die
amerikanische Geschichte in positivem Licht sieht. Unabhängig
von konservativer oder liberaler Grundeinstellung lieben die
meisten Amerikaner ihre Geschichte. Die Revolution gegen England,
die verfassungsgebende Versammlung, die Eroberung des Westens
oder der Aufstieg zur Weltmacht prägen das Geschichtsbewusstsein.
Historische Vereine pflegen das geschichtliche Erbe der Nation:
In Massachusetts wohnen Pilgerväter in Holzhütten
und sprechen das Englisch des 17. Jahrhunderts, in Florida
wird die älteste Schule von Nordamerika gezeigt, und
am Strand von Oregon steht das Fort der Entdecker, die 1805
zum ersten Mal den Kontinent zu Fuß durchquerten. Washington
und Philadelphia sind Wallfahrtsorte für Schüler
und Patrioten. Schulklassen picknicken auf den Treppen des
Kapitols, und stolze Eltern reisen mit ihren Kindern zu den
Stätten nationaler Identität – nach Washington,
Philadelphia oder Boston.
Der Besuch von Washington ist für Amerikaner fast ebenso
wichtig wie die Pilgerreise der Muslime nach Mekka. Amerikanische
Geschichte ist Pflichtfach an den Schulen, bei patriotischen
Paraden werden historische Uniformen getragen, und jeder kennt
die Geschichten vom Diplomaten und Erfinder Benjamin Franklin,
vom Rhetoriker Patrick Henry und der Patriotin Betsy Ross,
die das erste Sternenbanner nähte. Alle kennen die „großen“
Präsidenten George Washington, Thomas Jefferson, Abraham
Lincoln und Franklin Roosevelt. Ihre Köpfe wurden als
gigantische Steinskulpturen in den Felsen von Mount Rushmore
in South Dakota gemeißelt. Ein Besuch von Mount Rushmore
ist patriotische Pflicht.
Der europäische Gedanke, Amerika sei eine „junge“
Nation, ist in den USA nicht verbreitet. Die ersten Einwanderer
kamen im frühen 17. Jahrhundert. Die Harvard University
wurde bereits 1636 gegründet. Sie hat Galileo eine Professur
angeboten. 1787 unterzeichneten die „Gründungsväter“
die amerikanische Verfassung. Deutschland und Italien waren
damals noch nicht vereinigt. Die USA sind die älteste
Republik, die älteste Demokratie und der älteste
Bundesstaat der Welt. Die Demokratische Partei kann zu Recht
behaupten, die älteste politische Partei der Welt zu
sein. Im Vergleich dazu erlebte Frankreich seit 1789 fünf
Republiken, mehrere Monarchien, ein Direktorium, eine „Kommune“
und eine faschistische Diktatur. Als sich die USA als demokratischer
und rechtsstaatlicher Bundesstaat konstituierte, war das „Heilige
Römische Reich Deutscher Nation“ in Königreiche,
Hansestädte, Herzogtümer und Bistümer zerstückelt.
Die Vergangenheit ist in Amerika gern präsent: Historische
Paraden, nachgestellte Schlachten, Gedenktage und Umzüge
mit „Yankee Doodle“ sind beliebt. „Uncle
Sam“ paradiert bei Volksfesten. Selbst der blutige Bürgerkrieg
wird nicht verdrängt. Die Schlachten von Gettysburg und
Vicksburg werden gern nachgespielt. In Atlanta erinnert ein
gigantisches Rundbild an den Bürgerkrieg in Georgia,
als Scarlet O’Hara und Rhett Butler vom Winde verweht
wurden. Amerikaner schämen sich nicht für ihre Geschichte
– trotz brutaler Episoden wie Indianerkriege, Bürgerkrieg,
Sklaverei oder rassistische und sozialen Unruhen. In Montana
erinnert ein Museum an die Indianerschlacht am Little Big
Horn, ein blutiges Kapitel der US-Geschichte, das Europäer
den Amerikanern gelegentlich vorhalten.
Der historisch-patriotische Geist lebt besonders am Unabhängigkeitstag
oder Waffenstillstandstag. US-Präsident, Akademiker und
Vertreter von Veteranenvereinen halten Festtagsreden, und
in historischen Städten wie Williamsburg, Washington
und Philadelphia defilieren die Uniformierten. „Unsere
Geschichte wird von Kontinuität und Beharrlichkeit geprägt“,
schreibt der Historiker Daniel Boorstin. Beim Umgang mit Tradition,
Geschichte und nationaler Identität sind Amerikaner konservativ.
Hier zeigt sich ein Gegensatz von alter und neuer Welt: Während
die vergleichsweise junge Geschichte Amerikas eine „alte“
politische Tradition begründet, steht Europa erst am
Anfang seiner politischen Identität. Europäische
Einheit und Verfassung sind junge Phänomene. Das „alte“
Europa hat eine junge Tradition: Der Vertrag von Maastricht
ist erst ein Teenager, die gemeinsame Währung steckt
in den Kinderschuhen, und die europäische Verfassung
bleibt umstritten. Amerikaner streiten sich nicht über
ihre Verfassung; sie verehren sie.
Der Stolz Amerikas auf die eigene Geschichte entspringt dem
Gedanken, ein ausgewähltes und privilegiertes Land zu
sein. Die „Stadt auf dem Hügel“ bietet ein
„neues Jerusalem“, eine außergewöhnliche
Chance in der Geschichte der Menschheit. Amerikas Ideale –
Freiheit, Demokratie, Kapitalismus, Religiosität –
sind konservative Werte. Sie werden von links-liberalen oder
radikalen Gedanken nicht bedroht. Auch progressiv denkende
Amerikaner – so genannte „Liberale“ –
sind Patrioten. Sie halten Amerika für das demokratischste,
freiheitlichste und fortschrittlichste Land der Welt. Ein
amerikanischer Patriot ist fest davon überzeugt, im Gemeinwesen
mit der besten Staatsform und freiesten Verfassung zu leben.
Da die eigene Vergangenheit positiv erscheint, ist niemand
zur Aufarbeitung der Vergangenheit verpflichtet. Was Europäern
selbstgerecht oder idealistisch verbrämt vorkommt, ist
für die meisten Amerikaner eine Selbstverständlichkeit.
Der stark konservative Umgang mit Geschichte, Patriotismus
und Tradition kennzeichnet ein Land, dessen politische und
staatliche Geschichte ungebrochen erscheint.