DER NOMINIERUNGSKONVENT DER DEMOKRATEN BEGINNT MIT EINEM PAUKENSCHLAG

Friederich Mielke

John Kerrys Wahlkampf gegen Bush spitzt sich zu. Mit dem Nominierungskonvent von Boston beginnt die heiße Phase des Kampfes ums Weiße Haus. Noch liegen Bush und Kerry fast gleichauf. In Boston wird Kerry nun der großen Öffentlichkeit vorgestellt. Die Delegierten der Demokratischen Partei präsentieren und feiern ihren Kandidaten. Viele Amerikaner haben den Wahlkampf bisher kaum verfolgt. Jetzt flimmern jeden Abend die Bilder aus Boston durchs Land. Der Nominierungskonvent 2004 demonstriert Einheit und Entschlussfreudigkeit: Seht her, jubeln die Delegierten, wir haben den besseren Kandidaten! Vorbei sind die Rivalitäten des Vorwahlkampfes. Kerrys Ex-Gegner Gephardt, Dean, Kucinich oder Clark preisen ihren Spitzenkandidaten. Die Delegierten klatschen und jubeln. Amerika soll wissen, warum John Kerry besser geeignet ist, die Vereinigten Staaten zu führen.

Der Nominierungskonvent von Boston begann mit einem Paukenschlag. Die Polit-Elite der Demokraten gab den Ton an: Al Gore, William Perry, Jimmy Carter, Hillary Clinton und Bill Clinton feierten die Errungenschaften der Demokratischen Führung. Und sie feierten die Politik und den Charakter ihres Spitzenkandidaten: „John Kerry hat viel Erfahrung und beste Kenntnisse in Sicherheitsfragen“, sagte Ex-Verteidigungsminister William Perry. „Kerry weiß, dass Amerika seine internationale Führungsrolle zurückgewinnen muss. Ohne starke Unterstützung durch Alliierte und Partner können wir unsere Sicherheit nicht garantieren.“ Al Gore erinnerte daran, dass jede Stimme zählt. Als Ex-Vizepräsident und glückloser Kandidat von 2000 warf er sein rhetorisches Gewicht in die Debatte: „John Kerry und John Edwards kämpfen für uns und für alle Amerikaner. Jetzt müssen wir für sie kämpfen!“ Der Applaus für Gore sollte Wunden heilen und daran erinnern, dass vier Jahre nach Florida die Zeit der Abrechnung gekommen ist. Die Demokraten wollen den Kampf wiederaufnehmen und diesmal gewinnen.

„Ich werde alles in meiner Macht tun, um John Kerry ins Weiße Haus zu bringen“, versprach Jimmy Carter. Der 81-jährige Staatsmann und Nobelpreisträger nannte Kerry „aufrichtig und ehrlich“. John Kerry werde keine Kriege vom Zaun brechen. Er werde die Sicherheit der Nation mit Reife und Urteilskraft schützen, weil er die Schrecken des Krieges kennt. „Die Bush-Regierung hat der Welt durch die unselige Präventivkriegsstrategie vor den Kopf gestoßen. Überall wachsen anti-amerikanische Gefühle. Dies muss ein Ende haben. Wir können nicht führen, wenn uns die Politiker verführen. John Kerry wird die globale Allianz gegen den Terrorismus stärken und überflüssige Kriege vermeiden. Die Seele Amerikas steht auf dem Spiel.“

Die Auftritte der Clintons waren der Höhepunkt des ersten Abends in Boston. Hillary und Bill Clinton sind die Lieblinge der Delegierten. Hillary Clinton strahlte Selbstvertrauen, Kraft und rhetorische Sicherheit aus. „Vor zwölf Jahren brauchte Amerika eine neue Führung“, begann sie ihre Rede: „Die Amerikaner wählten einen Demokraten, der uns acht Jahre Frieden, Wohlstand und Glauben an die Zukunft schenkte. Heute möchte ich über den nächsten großen Demokratischen Präsidenten sprechen – über John Kerry.“ Die Senatorin und Ex-First Lady stellte Kerry als „ernsten Mann für einen ernsten Job“ vor. „Ich kann eine Führungspersönlichkeit erkennen, wenn ich sie sehe“, rief Hillary und lobte Kerry als Politiker, der die Welt „führen und nicht verführen, das Defizit verringern und nicht vergrößern und Arbeitsplätze schaffen und nicht abschaffen wird.“ Hillarys Auftritt war professionell und gekonnt. Sie wäre fähig, als erste Präsidentin der USA ins Weiße Haus einzuziehen. Doch angeblich liebt sie ihren Posten als Senatorin des Staates New York und lehnt es ab, über die Präsidentschaft zu spekulieren. Ihr Job in Boston: Volle Unterstützung für John Kerry. Es ist ihr gelungen, und die Delegierten dankten mit frenetischem Applaus.

Bill Clintons Auftritt stellte alle bisherigen Reden in den Schatten. Es war ein historischer Augenblick. Charismatisch, beschwingt und humorvoll vernichtete er die Politik der Bush-Regierung und rühmte John Kerry und John Edwards: „Stärke und Weisheit bilden keinen Widerspruch“, rief er den Delegierten zu: „John Kerry hat beides.“ Clinton nannte Kerry einen „echten Patrioten aus Neuengland“. Amerika hätte einen John Adams hervorgebracht und einen John Kennedy. Jetzt würde ein John Kerry US-Präsident werden – „ein guter Mann, ein großer Senator und eine Führungspersönlichkeit mit Visionen.“ Clinton unterstrich Kerrys Bereitschaft, seinem Lande zu dienen – in Vietnam und im Senat, wo er in unbequemen Ausschüssen gearbeitet hat. „Send me!“ sei Kerrys Devise: „Schickt mich!“ Als Clinton sein „send me!“ wiederholte, schallte der Saal: „Send me!“ Der kurze Imperativ erinnerte an den Vorwahlkampf: „Bring it on!“ war Kerrys Kampfruf in Iowa und New Hampshire. Jetzt ertönte das „send me!“ aus Tausenden von Kehlen in der Kongresshalle von Boston.

Clintons 25-minütige Rede auf dem Nominierungskonvent war der perfekte Paukenschlag. Der Beifall brauste, und er verließ schnell das Podium. Niemand will, dass Bill Clinton John Kerry die Schau stiehlt. Aber alle sollen sehen, wie Intelligenz, Charisma, Charme und Professionalität mit Bill Clinton im Weißen Haus regierten. Die Republikaner sind gewarnt: Die Demokraten stehen hinter Kerry, und sie sind wild entschlossen, die Wahl am 2. November zu gewinnen und die US-Regierung zurückzuerobern.