BUSH II WILL DEN AUFSTIEG DER EU EINDÄMMEN

Friederich Mielke

George W. Bush kommt nach Europa. Er will Brüssel besuchen und die „Allianz stärken“. Eine gute Nachricht für alle, die transatlantische Kooperation dem Hickhack der letzten zwei Jahre vorziehen. Bush weiß, dass er zu weit gegangen ist. Sein Goodwill in Europa ist schwer beschädigt. Jetzt will er um gutes Wetter bitten.

Doch Bush hat eigennützige Interessen: Die US-Regierung fürchtet den schwindenden Einfluss in Europa, wo die NATO und die EU den Ton angeben. US-Diplomaten bangen um die Rolle der NATO, wenn die EU ihre Außen- und Sicherheitspolitik verwirklicht und die EU-Verfassung die Allianz bedroht: Artikel 15 (1) der EU-Verfassung schreibt eine gemeinsame Sicherheitspolitik vor. Die Mitgliedstaaten werden auf die EU-Position in internationalen Organisationen eingeschworen. Die EU fordert Loyalität. Der Konflikt mit der NATO ist vorprogrammiert, da Loyalität zur EU-Sicherheitspolitik keine Treue zur NATO zulässt.

Washington ist besorgt: Sollte Artikel 15 nicht geändert werden, müssten die USA und Europa getrennte Wege gehen. Die These des US-Politologen Charles Kupchan würde sich bewahrheiten. In seinem Buch „Die europäische Herausforderung“ schreibt Kupchan, dass Washington die Vormachtrolle nicht abgeben will. Die USA würden sich gegen den Reifungsprozess der EU wehren, ein friedlicher Übergang zu einer multipolaren Welt mit europäischer Rolle sei unwahrscheinlich. Die Vereinigten Staaten verpassen die Gelegenheit, den wachsenden europäischen Einfluss zu kanalisieren. Sie sollten die europäische Integration – einschließlich der Verteidigung – begrüßen und strategische Zurückhaltung üben.

Der britische „Economist“ meint, die Alleingänge der zweiten Bush-Regierung könnten die europäische Vereinigung beschleunigen. Europas Elite fordert eine „Unabhängigkeitserklärung von den USA“. Europa möchte autonom werden – auch in der Sicherheitspolitik. Die Kupchan-These vom Aufstieg der EU zur alternativen Weltmacht könnte sich bewahrheiten: Die gemeinsame Ablehnung der Bush-Politik werde die integrativen politischen, diplomatischen und militärischen Kräfte Europas stärken. „Doch die Europäer müssen sich beeilen“, schreibt der „Economist“, „wenn China oder der radikale Islam nach der Weltherrschaft greifen, werden Versuche zur Eindämmung der USA unsittlich.“

Für den US-Juristen Jeffrey Cimbalo ist die Lage der USA ernst. In der Zeitschrift „Foreign Affairs“ fordert Cimbalo eine umfassende Änderung der EU-Verfassung. Referenden in Großbritannien, Dänemark, Irland oder Portugal sollten die sicherheitspolitischen Klauseln der EU aufweichen. Die engsten NATO-Partner Amerikas – Großbritannien, Polen und Dänemark - sollten Neuverhandlungen anführen. Großbritannien habe immer verlangt, eine gemeinsame europäische Sicherheitspolitik dürfe nicht in Konkurrenz zur USA treten. Doch Tony Blair befürwortet inzwischen die EU-Verfassung, der spanische Ministerpräsident Zapatero verbündet sich in der Verfassungsfrage mit Deutschland und Frankreich, und Polen sieht sich zunehmend isoliert. Nur Dänemark will die Verfassung ablehnen und die enge NATO-Bindung nicht aufgeben.

Bush kommt nach Europa, um die US-Vorherrschaft in Eurasien zu zementieren. Die EU soll daran gehindert werden, die amerikanische Hegemonie herauszufordern und die USA in eine bipolare Welt zurückzuführen. Da nicht alle EU-Staaten NATO-Mitglieder sind, stehen einige Europäer zwischen den Stühlen: Österreich, Finnland, Irland und Schweden sind keine NATO-Länder. Und die EU ist als internationale Organisation kein NATO-Mitglied. Norwegen, die Türkei und die USA wiederum gehören nicht zur EU.

Die europäische Außen- und Sicherheitspolitik wird stark von Paris und Berlin bestimmt. Der Franzose Valéry Giscard d’Estaing hat die EU-Verfassung entworfen, die von Deutschland mitgetragen wird. Die deutsch-französische Achse will die Rüstungsexportbeschränkungen für China aufheben, die NATO aus Afghanistan und dem Irak heraushalten und eine unabhängige Rolle in der Iran-Politik spielen. „Ohne Amerika“ ist bereits deutsch-französischer Konsens. Wird jetzt die EU-Verfassung verabschiedet, ist die Inkompatibilität mit der NATO vorprogrammiert. Die USA verlieren dann ihre Macht in Europa. Der Aufstieg der EU zur globalen Wirtschafts- und Militärmacht wird die US-Hegemonie herausfordern.

Die transatlantische Kooperation hatte bisher eine wirtschaftliche, politische, diplomatische, militärische und kulturelle Komponente. Sollte Bush II seine unilaterale Außenpolitik fortsetzen, wird die Rückkehr zur transatlantischen Harmonie im Rahmen der Wertegemeinschaft unmöglich. Die Europäer müssten sich dann zwischen Brüssel und Washington entscheiden. Der „Westen“ könnte auseinander brechen. Wenn Bush II wider Erwarten einlenkt, ließe sich „der Westen“ nicht nur kulturell und wirtschaftlich retten: Das Modell einer Weltgemeinschaft von Spitzendemokratien könnte verwirklicht werden, die gemeinsam die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts annimmt.

Viele Berater und Analysten plädieren emphatisch für den gemeinsamen Weg. Voraussetzung dafür: Die USA müssen aufhören, sich als „exzeptionelle Weltmacht“ zu definieren. Sie müssen „primus inter pares“ werden und sich in die Gemeinschaft der Weltdemokratien einfügen. Die USA, Kanada, die EU, Australien und Neuseeland könnten als Spitzendemokratien zusammenarbeiten und Verantwortung für den gemeinsamen Kampf gegen die Bedrohungen des 21. Jahrhunderts übernehmen: Aids, Terrorismus, Verelendung durch Globalisierung, Weiterverbreitung von Massenvernichtungswaffen, Nord-Süd-Gefälle, Treibhauseffekt und Kulturkampf.