BILL CLINTONS BIBLIOTHEK: WAHRZEICHEN DES AMERIKANISCHEN TRAUMS

Friederich Mielke

Amerikanische Präsidenten lassen nach ihrer Amtszeit eine „Bibliothek“ einrichten, in der ihre Fotos, Briefe, Dokumente, Protokolle und andere Memorabilia untergebracht werden. Diese „presidential libraries“ sind Gedenkstätte, Museum, Bibliothek und Boutique unter einem Dach. Es gibt 12 derartige Bibliotheken in den USA. Sie sind Pilgerstätten für historisch interessierte Amerikaner. Jimmy Carters Bibliothek steht in Atlanta. Eine Kopie des „Oval Office“ im Weißen Haus schenkt dem Besucher die Illusion, im Zentrum der amerikanischen Macht zu stehen. Ronald Reagans Bibliothek in Simi Valley in Kalifornien enthält auch ein „Oval Office“. Hinzu kommt eine Ausstellung mit Exponaten aus dem Kalten Krieg mit Fotos von Mauer, Stacheldraht und Fluchtautos - und das berühmte Stück der Berliner Mauer, das Ronald Reagan nach Kalifornien verfrachten ließ. Jetzt steht es bunt und frech vor der Bibliothek und erinnert an Reagans Appell an Gorbatschow in Berlin: „Herr Gorbatschow, öffnen Sie dieses Tor! Herr Gorbatschow, reißen Sie die Mauer ein!“

Bill Clinton ist der jüngste Präsident, der in die US-Geschichte eingeht. Seine Bibliothek wurde jetzt in Little Rock in Arkansas eingeweiht. Bei strömendem Regen waren vier US-Präsidenten gekommen, um Clintons Präsidentschaft zu feiern: George W. Bush, Bill Clinton, George Herbert Walker Bush und Jimmy Carter. „Herzlich willkommen bei der verregneten Einweihung meiner Bibliothek“, sagte Clinton tapfer vor etwa 15,000 Leuten, während die Präsidenten in trauter Eintracht mit ihren Frauen unter Regenschirmen zuschauten. Zu den Gästen gehörten Caroline Kennedy, Barbra Streisand, John Forbes Kerry mit Frau Teresa, Robin Williams, Al Gore, Shimon Peres und die Kinder von Yitzhak Rabin.

Die William Jefferson Clinton Bibliothek hat 165 Millionen Dollar gekostet. Sie enthält zwei Millionen Fotos, 80 Millionen Dokumente, eine Kopie des „Oval Office“, viele interaktive Exponate und fünf Saxophone, die dem Präsidenten der Blues-Generation geschenkt wurden. In 14 Sälen werden die Höhepunkte der Clinton-Präsidentschaft gewürdigt. Der Sex-Skandal und das Amtsenthebungsverfahren werden nicht übergangen. Das berühmte blaue Kleid von Monica Lewinsky ist jedoch nicht zu sehen. Ein Schild mit dem Spruch „I like Socks“ erinnert an die „First Cat“ im Weißen Haus. Besonders beeindruckend: die Geschenke der Staatsgäste. Ein perlenbesetztes „Abendmahl“ wurde den Clintons von Jassir Arafat überreicht. Ein Zitat aus der Amtseinführungsrede 1993 prangt über der Bibliothek: „Es gibt nichts Schlechtes in Amerika, das nicht durch etwas Gutes in Amerika in Ordnung gebracht werden könnte.“ Alle Exponate sind jetzt im Besitz des amerikanischen Volkes.

Historiker meinen, dass es etwa 20 Jahre dauern wird, bis sie den Stellenwert der Clinton-Präsidentschaft abschließend würdigen können: „Clinton hat Amerika und der Welt acht Jahre Frieden und Wohlstand geschenkt“, meint der Historiker Michael Beschloss. Clintons Präsidentschaft ließe sich mit der Eisenhower-Ära vergleichen: „Er wird als Friedensstifter und Brückenbauer in die Geschichte eingehen. Clinton war ein Mann des Volkes. Er interessierte sich für die Minoritäten, für den kleinen Mann, die Schwarzen und die Rechte der Frauen. George W. Bush hat auch Schwarze und Latino-Amerikaner in die Regierung genommen. Doch Clintons Interesse war echt.“

Hillary Clinton ist von der Bibliothek ihres Mannes begeistert. Sie hätte gelacht und geweint, als sie beim Anblick der Exponate acht Jahre ihres Lebens Revue passieren ließ. „Bill wird weiterarbeiten“, sagte sie im ersten Fernsehinterview seit den US-Wahlen. „Er wird bei der Konfliktregulierung gebraucht – in Nordirland, auf dem Balkan, im Nahen Osten. Und er will alles tun, um das Leben der Menschen zu verbessern – beim Kampf gegen AIDS oder beim Schlichten religiöser Konflikte.“ Politik sei das ständige Ringen um Möglichkeiten, das Leben der Menschen zu verbessern, meint Hillary Clinton und lässt alle Optionen offen, 2008 den Kampf um die US-Präsidentschaft aufzunehmen. Im Jahr 2006 will sie sich erneut um den Sitz im US-Senat (für New York) bewerben. Ob die USA reif für eine Frau im Weißen Haus sind, bleibt eine umstrittene Frage.

Die vier anwesenden Präsidenten demonstrierten Eintracht und Harmonie. Jimmy Carter fasste die Stimmung zusammen: „Am Ende eines sehr schweren Jahres soll die Welt sehen, wie zwei Demokraten und zwei Republikaner hier stehen und gemeinsam unser großartiges Land ehren.“ George W. Bush lobte Clintons verstorbene Mutter, und Bush-Vater sagte: „Bill Clinton ist einer der talentiertesten Politiker der Neuzeit. Das musste ich leidvoll erfahren. Er konnte Wähler natürlich und leichtfüßig gewinnen. Ich habe ihn deswegen oft gehasst. Doch Präsident Clinton hat unser Land optimistisch und mit großer Sympathie für das amerikanische Volk geführt. Und diese Zuneigung ist erwidert worden.“

Die harmonische Zeremonie in Little Rock wirkte irreal. Politische Feinde gaben vor, befreundet zu sein und sich zu mögen. Das ging einigen Kritikern zu weit. „Die Ex-Präsidenten gehören zu einer Art Familie“, meint Hillary Clinton: „Wer Stress, Verantwortung und den Druck in diesem Amt überlebt hat, gehört zu einer besonderen Klasse von Mensch.“ Clintons Auftritt half, die Demokraten nach der verlorenen US-Präsidentschaftswahl wieder aufzurichten. Sein Charisma, seine Intelligenz und erfolgreiche politische Agenda lassen Nostalgie nach einer Zeit aufkommen, als Amerika in der Welt respektiert wurde und keine Soldaten in „fremden Kriegen“ starben.