BUSH IN EUROPA: DIE TRANSATLANTISCHE WERTEGEMEINSCHAFT AUF DEM PRÜFSTAND

Friederich Mielke


George W. Bush ist in Europa, die transatlantische Allianz steht auf dem Prüfstand. „Die Amerikaner kommen“, schreibt die „New York Times.“ Der Schaden an den euro-amerikanischen Beziehungen sei enorm. Bankette und Reden könnten nicht darüber hinwegtäuschen, dass viele Probleme ungelöst bleiben – Irak, Iran, Syrien, Nordkorea, China, Afrika, das Kyoto-Protokoll, der Internationale Strafgerichtshof und viele Themen, über die amerikanische und europäische Politiker, Diplomaten, Militärs und Publizisten an einander geraten. Selbst die Frage, ob „der Westen“ noch fortbesteht, bleibt umstritten.

„Wir glauben, dass es den Westen noch gibt“, meint die „New York Times“. US-Präsident Bush nutzt jede Gelegenheit, die transatlantische Wertegemeinschaft herauszustreichen. Er versucht beharrlich, eine neue euro-atlantische strategische Partnerschaft aufzubauen, die auf gemeinsamen politischen, diplomatischen, militärischen und kulturellen Interessen basiert. Die transatlantische Allianz wird auf die Ebene einer kollektiven Wertewelt gehoben: USA und EU, USA und NATO hätten gemeinsame historische, philosophische und kulturelle Wurzeln. Der euro-atlantische Kulturkreis, so würde der Politologe Samuel Huntington sagen, erleichtere gemeinsames Denken und strategisches Planen. Europa und Amerika hätten mehr Bindeglieder als Gegensätze.

Bush hat in seiner Rede am 21. Februar in Brüssel versucht, die transatlantische Allianz zusammenzuhalten. Die Wertegemeinschaft spielte dabei eine wichtige Rolle. Europäer und Amerikaner hätten totalitäre Ideologien bekämpft, den europäischen Kontinent durch demokratische Werte vereint und der Freiheit zum Sieg verholfen – „vom D-Day zur Befreiung der Todeslager zu den Erfolgen der Freiheit 1989.“ Die transatlantische Allianz hätte die Strategie von Diktatoren durchkreuzt, den höchsten Ideale der Menschheit gedient und „ein gewaltsames Jahrhundert auf einen neuen Kurs gebracht. Mit wachsendem Abstand dürfen wir unsere gemeinsamen Erfolge nicht vergessen.“

Als philosophischer oder historischer Kitt zwischen Europa und Amerika ist die Wertegemeinschaft umstritten. Oft wird sie als Phrase oder barockes Beiwerk abgetan. Politische Substanz sei von Gemeinplätzen nicht zu erwarten. Die Gegner der Wertegemeinschaft fahren obendrein schwere Geschütze auf: Armut in amerikanischen Großstadtgettos, Todesstrafe, „Cut-Throat-Kapitalismus“, kommerzialisierte Medienkultur oder fundamentalistisches Sektenwesen seien Phänomene der US-Gesellschaft, die sich mit europäischen Werten reiben. Befürworter der Wertegemeinschaft halten dagegen: Freiheit, Gleichheit, Individualismus, Republikanismus und Rechtsstaatlichkeit seien Werte, die Amerika und Europa seit dem 18. Jahrhundert verbänden. Die amerikanische Verfassung basiere auf europäischen Idealen. Die US-Staatsform sei Vorbild an Rechtsstaatlichkeit, Demokratie und Gewaltenteilung für alle Demokratien der Welt.

Die transatlantische Wertegemeinschaft wird auf der Website der französischen Botschaft in Washington beschworen, der deutsche Bundeskanzler betont sie in außenpolitischen Reden, und in Brüssel meint US-Präsident Bush, die amerikanisch-europäische Freundschaft sei für Frieden und Wohlstand auf der Welt sehr wichtig: „Keine temporäre Debatte, keine vorübergehende Differenz zwischen Regierungen, keine Macht der Welt wird uns trennen.“ Die euro-amerikanische Wertegemeinschaft basiere auf der Würde der Selbstbestimmung, auf Gerechtigkeit und der friedlichen Lösung von Meinungsverschiedenheiten: „Wenn Europa und Amerika zusammenhalten, kann kein Problem gegen uns stehen.“

Die politische Rede des US-Präsidenten ist gespickt mit Hinweisen auf kulturelle und philosophische Gemeinsamkeiten. Im Vergleich zu den großen Kulturkreisen der Welt – in Asien, in Nahost, Afrika oder Lateinamerika – gibt es tatsächlich mehr Verbindendes als Trennendes. Die kulturellen Unterschiede zwischen Amerika und Europa sind sekundär, die Gemeinsamkeiten überwiegen – in der Staatsphilosophie, im politischen Liberalismus, bei Religionsfreiheit, Grundrechten, Demokratie oder Republikanismus. Trotz der Unterschiede stehen die USA als „angewandte Aufklärung“ (Ralf Dahrendorf) den Europäern näher als Ägypten, Indien, Korea, China oder Nigeria. „Der Westen“ lebt weiter. Er besteht aus den Spitzendemokratien der Welt – inklusive USA und Kanada –, und er trägt gemeinsame Verantwortung für die Lösung der Probleme des 21. Jahrhunderts.

Bush will die Hegemonialmacht USA als „primus inter pares“ in die Gemeinschaft der Spitzendemokratien zurückführen. Sollte er dies ernst meinen, sollte er seine Außenpolitik tatsächlich auf die Basis von Multilateralismus, vernünftiger Diplomatie und transatlantischer Kooperation stellen, könnte man diesseits und jenseits des Atlantiks aufatmen. Ein Paradigmenwechsel wäre angesagt. Die arrogante, rücksichtslose und militante Außenpolitik von Bush-I wäre Geschichte.

Man wird Bush an seinen Taten messen, nicht an seinen Reden. Das Misstrauen gegenüber einer entfesselten US-Regierung sitzt tief. Im Juni 2003 warnten europäische Intellektuelle vor einer militanten Hegemonialpolitik der USA. Habermas, Muschg, Eco, Derrida und andere meinten, die Europäer sollten sich dem amerikanischen Anspruch auf weltweite Vorherrschaft widersetzen. Der hegemoniale Unilateralismus der USA müsse „ausbalanciert“ werden. Sollte sich Bushs Angebot auf transatlantische Kooperation als Trojanisches Pferd erweisen, wird der europäische Widerstand gegen die US-Hegemonialpolitik wachsen. Meint er es ernst, würde die Stunde der transatlantischen Allianz wieder schlagen. Europa und Amerika könnten endlich wieder auf einander zugehen.