BUSH JUNIOR IN MAINZ: SOHN AUF VATERS SPUREN

Friederich Mielke


US-Präsident Bush besucht Deutschland. Seine Außenministerin Dr. Rice hat im Vorfeld um gutes Wetter gebeten. Rice, Rumsfeld und Bush wollen die leidige transatlantische Krise überwinden. Washington geht auf die Europäer zu: „Präsident Bush ist fest entschlossen, die transatlantischen Beziehungen zu stärken“, sagte Rice in Paris. Und sie zitierte Bush: "Alles, was wir auf der Welt erreichen wollen, erfordert eine weiterhin enge Partnerschaft zwischen Amerika und Europa."

Es ist der zweite Besuch des US-Präsidenten in Deutschland. Im Mai 2002 hatte Bush vor dem Bundestag die transatlantische Wertegemeinschaft beschworen: „Die Vereinigten Staaten und die Nationen Europas sind mehr als militärische Verbündete; wir sind mehr als Handelspartner; wir sind die Erben der gleichen Zivilisation“. Damals warb Bush um den Schulterschluss im „Krieg“ gegen den Terror. Die Stimmung war gut. Abgeordnete von links bis rechts lobten die Rede des Präsidenten.

Dann kam die deutsch-amerikanische Krise - der kalkulierte Antiamerikanismus im deutschen Wahlkampf 2002. Die Kritik am militanten Unilateralismus der Bush-Regierung verfestigte sich. Die USA wurde zunehmend als militaristische, imperiale und rücksichtslose Weltmacht gesehen. Gegenseitigen Anwürfe und Beschuldigungen vergifteten die Atmosphäre. Die „Adolf Nazi Krise“ brachte den Tiefstpunkt: Deutsche und Amerikaner liebten sich nicht mehr. Während Washington von „deutscher Undankbarkeit“ sprach, verweigerte die Schröder-Fischer-Regierung ein Engagement im Irak – auch dann, wenn eine UN-Resolution eine Militärintervention gefordert hätte. Damals glaubte man, die deutsch-amerikanischen Beziehungen seien hoffnungslos zerrüttet.

Inzwischen gab es deutsch-amerikanische Sympathiebekundungen, Proklamationen und Versöhnungsversuche. Außenminister Fischer hielt Kontakt zu US-Außenminister Powell. Auf der Arbeitsebene sei angeblich alles normal. Die Gelegenheit ist günstig, einen Neuanfang in den deutsch-amerikanischen Beziehungen zu finden. Bush junior geht nach Mainz, wo sein Vater 1989 eine leidenschaftliche Rede gehalten hat und bejubelt wurde. Mainz ist das Symbol der Führungspartnerschaft zwischen den USA und Deutschland. Bush und Kohl fuhren im Mai 1989 auf einem Rheinschiff, 3000 Gäste klatschten in der Rheingoldhalle, und die Wiedervereinigung lag in der Luft. Mit US-Außenminister Baker, Sicherheitsberater Scowcroft und der Russlandexpertin Condoleezza Rice entstand eine US-Außenpolitik, die den Kalten Krieg beendete. In Mainz forderte Bush-Vater ein ungeteiltes freies Europa: „Amerikaner und die Bundesrepublik waren immer enge Freunde und Verbündete. Heute übernehmen wir noch eine gemeinsame Aufgabe – als Partner in der Führungsrolle.“ Kohl und Genscher hatten endlich das Angebot, als Partner auf gleicher Augenhöhe akzeptiert zu werden.

Psychologen könnten im Februar 2005 behaupten, Bush junior würde sich unbewusst nach dem gleichen Erfolg wie sein Vater sehnen. Wo der Vater geliebt wurde, kann man den Sohn nicht hassen. Kohl hatte Bush senior am 31. Mai 1989 herzlich umarmt. „Es war ein denkwürdiger Tag“, schreibt Sicherheitsberater Scowcroft in seinen Memoiren. „Er fand in der Ansprache des Präsidenten in der Rheingoldhalle in der historischen Stadt Mainz seinen Höhepunkt.“ Condoleezza Rice beschreibt in „Sternstunde der Diplomatie“, wie Bush senior in Mainz an eine Lösung der deutschen Frage glaubte: „Zweifellos hatte der Präsident den Sinn der neuen Konzepte verstanden und nicht nur die Worte seiner Berater nachgeplappert“, schreibt Rice.

Bush, Rumsfeld und Rice setzen in Europa ein Zeichen: Die militante Bush-Doktrin soll entschärft und von Europa mitgetragen werden. Bush speist mit seinem Rivalen Jacques Chirac, und in Mainz soll deutsch-amerikanische Gemütlichkeit entstehen – Normalität mit einem Hauch Nostalgie. Der US-Verteidigungsminister spricht vom „alten Rumsfeld“ und relativiert das Bild vom „alten Europa.“ Nach der Charme-Offensive der US-Außenministerin ist atmosphärisch vieles vorbereitet, um einen europäisch-amerikanischen Konsens zu ermöglichen. Zwar belauern sich beide Seiten weiterhin – die „Achse des Bösen“ bleibt unvergessen, doch der gute Wille zu Kooperation und Kommunikation ist ersichtlich. Die Bush-Regierung hat erkannt, dass sie militärisch, finanziell, politisch und diplomatisch die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts nicht im Alleingang bewältigen kann. Und die Europäer verstehen, dass die transatlantische Wertegemeinschaft mehr ist als eine Phrase: Europäer und Amerikaner sitzen im gleichen Boot – bei der Weiterverbreitung von Massenvernichtungswaffen, im Kampf gegen den Terror oder beim Umgang mit gescheiterten Staaten.

Die linksliberale „New York Times“ klagt inzwischen, Kanzler Schröder habe die ausgestreckte Hand der Amerikaner zurückgewiesen. Seine Rede auf der Münchener Sicherheitskonferenz habe die Amerikaner beschämt. Die Rede sei eiskalt und ambitioniert und hätte Russland mehr Wärme geschenkt als den Vereinigten Staaten. Die Bush-kritische „New York Times“ lässt aufhören: Schröder sei wieder im (schleswig-holsteinischen) Wahlkampf. Bush junior trifft in Mainz auf einen Kanzler, der im Umgang freundlich aber in der Sache hart bleibt. Der US-Präsident lässt erkennen, dass er zur Kursänderung bereit ist. Jetzt kommt es auf die Europäer an, dieses Angebot zu prüfen und auf die Amerikaner zuzugehen. So herzlich wie in Mainz 1989 wird es nimmer; doch das Kriegsbeil kann begraben werden. Amerikaner und Europäer können einen neuen transatlantischen Konsens finden. Dies wäre im amerikanischen u n d im europäischen Interesse.