DIE UMSTRITTENE ROLLE VON BILL CLINTON IM US-VORWAHLKAMPF

Friederich Mielke

Der US-Vorwahlkampf spitzt sich zu. Am 3. Januar findet die erste Vorwahl in Iowa statt, eine Woche später wird in New Hampshire gewählt. Hillary Clinton gilt bei den Demokraten als aussichtsreichste Kandidatin, doch Senator Barack Obama aus Illinois holt auf. In den USA werden die Präsidentschaftskandidaten direkt vom Parteivolk gewählt. Im Vorwahlkampf fällt somit eine wichtige Entscheidung über die Präsidentschaftswahl im November 2008.

Bill Clinton unterstützt seine Frau Hillary nach Kräften. Dennoch ist seine Rolle schwierig: Zeigt er sich zu offensiv, steht Hillary in seinem Schatten; distanziert sich die Senatorin von ihrem Mann, könnte sie den Bonus seiner Beliebtheit verlieren. Clinton gilt als charismatisch und politisch äußerst versiert. Die Beziehung zwischen Hillary und Bill Clinton könnte somit über ihre Kandidatur entscheiden.

Wie verhält sich Bill Clinton? Der Ex-Präsident ist engster Berater seiner Frau. Er bestimmt die Wahlkampfstrategie, unterstützt das Team der Senatorin, schreibt Pressemitteilungen und verhält sich wie ein potentieller Vizepräsidentschaftskandidat. Clinton hat die Rolle des Angreifers übernommen: Er attackiert Hillarys Gegner und ermöglicht seiner Frau, sich „positiv“ zu verhalten und die Gegner zu schonen. Dennoch ist seine Rolle umstritten: Seine Präsidentschaft wird durch das Amtsenthebungsverfahren getrübt, das die Republikaner wegen der so genannten Lewinski-Affäre angestrengt hatten. Zwar waren die Clinton-Jahre wirtschaftlich und außenpolitisch erfolgreich, die Affären und Skandale haben seinem Ansehen jedoch geschadet. Clintons Gegner halten ihn für opportunistisch, unberechenbar und unzuverlässig. Die Republikaner nutzen jede Gelegenheit, die Clinton-Präsidentschaft zu schmähen und zu verhöhnen.

Der Politstratege Robert Shrum hält Clinton für strategisch „brillant“ aber menschlich zu ehrgeizig und unberechenbar. „Die Wähler wollen nicht in die Zukunft zurückkehren“, meint Shrum, der 2004 den Wahlkampf von John Kerry leitete. „Sie wollen in die Zukunft schauen, ohne von der Vergangenheit eingeholt zu werden“. Hillary Clintons Berater sind zerstritten: Sie kritisieren Clintons Behauptung, von Anbeginn gegen den Irakkrieg gewesen zu sein. Diese These schade seiner Frau, die für den Irakkrieg gestimmt hatte und deshalb scharf kritisiert wird. Der Dissens könnte Streit im Clinton-Lager offen legen. Einige Berater halten den Ex-Präsidenten für ungeduldig und übereifrig; andere begrüßen den Applaus, den Clinton bei gemeinsamen Auftritten mit seiner Frau erntet. Bei einer Wahlveranstaltung letzten Sonntag wurde Clinton frenetisch gefeiert, als seine Frau den Ex-Präsidenten ankündigte.

Weil Bill der Präsidentschaftskandidatin Hillary die Schau stehlen könnte, vermeiden die Clintons gemeinsame Auftritte im Wahlkampf. Die Senatorin erscheint häufig in Begleitung von Tochter Chelsea, während Bill meistens allein agiert. Die Anwesenheit von Tochter Chelsea unterstreicht Hillarys Rolle als Mutter und ihren Einsatz für Amerikas Kinder. Frau Clinton ist erfolgreiche Autorin eines Buches über Kindererziehung – ein politisches Thema, das die Republikaner nicht angreifen können. Trotz der Strategie „getrennt marschieren und vereint schlagen“ will sich Hillary nicht zu sehr von ihrem Mann distanzieren. Er wird weiterhin bei vielen demokratischen Wählern bewundert und verehrt. Der Versuch, Bill Clinton in den Hintergrund zu schieben, wäre ein strategischer und politischer Fehler.

Das Team von Hillary Clinton hat „Wandel“ und „Neuanfang“ auf seine Fahnen geschrieben. Viele Amerikaner bezweifeln jedoch, dass eine Rückkehr der Politveteranen Hillary und Bill Clinton echten Wandel bedeuten würde. Nach 20 Jahren Bush-Dynastie und acht Jahren Clinton-Präsidentschaft ist Amerika reif für einen Neubeginn. Diese Situation nutzt der „Jungdynamiker“ Barack Obama, der ohne „Leichen im Keller“ ins Rennen geht. Obama ist ein unbeschriebenes Blatt; seine Wahl wäre ein echter Neubeginn und die Wiederbelebung der amerikanischen Demokratie. Zwar kann Obama wenig politische Erfahrung vorzeigen, sein Charisma und seine rhetorische Brillanz überzeugen jedoch viele Wähler, die sich einen echten Neubeginn wünschen. Obama – wie Jimmy Carter im Jahre 1976 – gilt als Hoffnungsträger für alle, die der politischen Machtelite in Washington die rote Karte zeigen wollen. Und Umfragen ergeben, dass nur drei Prozent der amerikanischen Wähler gegen einen schwarzen Präsidenten stimmen würden. Ein Grund mehr für Hillary Clinton, den jungdynamischen Rivalen ernst zu nehmen.