„BIRDGATE“: EIN JAGDUNFALL MIT POLITISCHEN KONSEQUENZEN
Friederich Mielke
Die US-Vizepräsidentschaft ist ein wichtiges Amt. Beim
Tode des US-Präsidenten wird der Vizepräsident automatisch
zum Nachfolger. Der Vizepräsident sei nur ein Herzschlag
von der Präsidentschaft entfernt, heißt es in Washington.
Als Bush-Vater den jungen Daniel Quayle zum Vizepräsidenten
ernannte, witzelte man über Quayle als Bushs „Lebensversicherung“.
So lange Bush-Vater lebt, könne Quayle nicht Präsident
werden; und Bush-Vater werde alles tun, um am Leben zu bleiben.
Vizepräsident Cheney gilt als einflussreicher Politiker.
Analysten nennen ihn den mächtigsten Vizepräsidenten
in der Geschichte Amerikas. Nun hat Cheney auf der Jagd einen
Mitjäger versehentlich angeschossen. Das Opfer liegt
im Krankenhaus und ringt um sein Leben. Jagdunfälle sind
in Amerika nicht ungewöhnlich. Wer in freier Natur auf
die Pirsch geht, trifft vereinzelt Menschen. Das ist bedauerlich
aber verzeihlich. Unverzeihlich ist die arrogante Art, wie
der Vizepräsident mit dieser Affäre umging.
Nach dem Unfall wartete Cheney 14 Stunden, bis er die Presse
informierte. Seine Argument: Der Unfall sei eine private Angelegenheit,
die Öffentlichkeit sei nicht involviert. Erst als Cheneys
Gastgeberin die Presse informiert hatte, rührte sich
das Weiße Haus. Was normalerweise durch den Pressesprecher
des Vizepräsidenten verkündet werden müsste,
war somit privat an die Medien gesickert. Kritiker sprachen
von Vertuschung und Verhüllung. Und hier sind Amerikaner
sensibel.
Als Senator Edward Kennedys Mitfahrerin 1969 bei einem Autounfall
ertrank, hatte Kennedy die Presse zu spät informiert.
Dieser Vertuschungsversuch wurde ihm später zur Last
gelegt. Kennedy wurde nie US-Präsident, weil seine Verhüllungstaktik
nach dem Autounfall als feige galt. Der fatale Fehler von
Cape Cod kostete Kennedy das Präsidentenamt. Bis heute
bereut der Senator aus Massachusetts seinen Fehler. Vertuschungen
werden von der amerikanischen Öffentlichkeit geahndet.
Wer die Wahrheit sagt, gilt als mutig und glaubwürdig.
Wer lügt und verheimlicht, gilt als unglaubwürdig
und feige. Cheneys Sündenfall ist nicht der Jagdunfall
aber das Zögern, die Öffentlichkeit sofort zu informieren.
Die US-Medien erwarten eine Pressekonferenz und die restlose
Aufklärung des Jagdunfalles. Wenn der amtierende Vizepräsident
einen Menschen anschießt, geht dies die ganze Nation
an. Zurzeit überschwemmt eine Welle von Humor und Schadenfreude
das Land, doch ernste Stimmen sind besorgt: Wer so fahrlässig
mit der Wahrheit umgeht, könnte auch in wichtigeren Fragen
unglaubwürdig sein. Ein Vizepräsident sollte mehr
Integrität und Mut haben.
„Dick“ Cheney ist umstritten. Hartnäckige
Republikaner lieben seinen ruppigen und mürrischen Stil,
die meisten Demokraten bekämpfen seine Politik. Cheney
gilt als personifizierte Arroganz der Macht. Kommentatoren
meinen, der Jagdunfall sei eine Metapher für den Zustand
Amerikas unter der Bush-Cheney-Regierung: Es werde schnell
geschossen (im Irak), die Regierung schaue nicht genau aufs
Ziel (die Massenvernichtungswaffen), sie treffe die Falschen
(die Zivilisten im Irak), und das Land läge verletzt
im Krankenhaus und habe eine unsichere Zukunft (der Ausgang
des Irakkrieges).
Inzwischen geht das Wort vom „Birdgate“ durch
Washington – eine Anspielung auf den Watergate-Skandal,
als Richard Nixon den Watergate-Einbruch vertuschen wollte.
Die „Birds“ sind Wachteln, die Richard Cheney
schießen wollte. Clinton hatte ein „Hairgate“.
Er saß im Flugzeug und ließ sich die Haare schneiden,
während die Linienflüge nach Los Angeles storniert
wurden. Das „Hairgate“ verlief im Sande.
Auch das „Birdgate“ wird ohne Konsequenzen bleiben.
Aber es zeigt Amerika und der Welt, dass viele Amerikaner
die Arroganz der Macht leid sind. Der Ruf nach mehr Transparenz
wird lauter. Amerika wünscht sich eine offene und ehrliche
Regierung. Die vielen politischen Skandale, CIA-Vertuschungen
und Lügen über angebliche Massenvernichtungswaffen
haben die Glaubwürdigkeit der US-Regierung beschädigt.
Das Wahljahr 2006 bietet Amerika die Chance, der Bush-Regierung
die rote Karte zu zeigen. Cheneys Geheimnistuerei nach dem
Jagdunfall entspricht seiner diffusen Informationspolitik.
Das „Birdgate“ ist Symbol des Niedergangs der
neokonservativen Macht im Weißen Haus. Die Zeit der
Geheimniskrämerei läuft ab.