Offener Brief an Günter Grass
NICHT JEDER KRIEG IST EIN VERBRECHEN
Friederich Mielke
Sehr geehrter Herr Grass,
Ihre Rede vor Schriftstellern des PEN-Clubs ist einseitig,
inhaltlich zum Teil falsch und ideologisch fragwürdig.
Ihr kompromissloser Ton verletzt den Geist der Völkerverständigung
und, das ist das schlimmste, ignoriert die moralische Pflicht
von Menschen und Staaten, Tyrannen und staatsterroristische
Verbrecher zu bekämpfen. Sie sind ein Meister der Sprache
– der poetischen Form - aber nicht der logischen Argumentation.
Prosa und Lyrik sind Ausdruck künstlerischer Gestaltungskraft,
keine philosophischen Traktate. Als Literatur mag Ihre Rede
gelten, als philosophisch-politisches Manifest überzeugt
sie nicht. Dies ist zu begründen:
1. Ihr Satz „immer war Krieg“ ist unrichtig.
Frieden gehört ebenso zur Weltgeschichte wie Krieg. Auf
jeden Krieg kommen zehn diplomatische Schlichtungen. Die Diplomatiegeschichte
ist voll von gelungenen Friedensverhandlungen: Sparta und
Athen schenkten sich dreißig Jahre Frieden, Rom und
Karthago schlossen Frieden, selbst England und Frankreich
konnten den Hundertjährigen Krieg friedlich beenden.
Da der Mensch ein aggressives und zugleich friedliches Wesen
ist, kann er sich für Krieg und Frieden entscheiden.
Insofern „ist nicht immer Krieg“ – ebenso
wenig „ist immer Frieden“. Krieg und Frieden wechseln
sich ab; sie koexistieren, vernichten sich gegenseitig und
bauen sich wieder auf. Der Mensch „erbauet und zerstöret“,
schreibt Matthias Claudius. Das steht auch schon in der „Ilias“.
Ihr einseitiges kriegerisches Menschenbild ist verkürzt.
Ihr Gedanke bleibt an der Oberfläche und ignoriert die
Vielschichtigkeit der menschlichen Existenz.
2. Die These, die USA hätten nach dem Ende des Zweiten
Weltkrieges „jede rechtsgerichtete Militärdiktatur
auf der Welt“ unterstützt und in vielen Fällen
hervorgebracht, ist unhaltbar. Es ist historisch und moralisch
unredlich, die „Hunderttausende von Toten“ in
Indonesien, Griechenland, Uruguay, Brasilien, Paraguay, Haiti,
der Türkei, den Philippinen, Guatemala, El Salvador und
„natürlich“ Chile „der US-Außenpolitik
zuzuschreiben“. Selbstverständlich waren die USA
außen-, sicherheits- und wirtschaftspolitisch in diesen
Staaten engagiert. Die „Zuschreibung“ –
d.h. die Verantwortung – für die innenpolitischen
Krisen dieser Länder würde die Macht und den Einfluss
der USA stark überschätzen. Wer den USA diese Macht
andichtet, gehört ins Lager der Verschwörungstheoretiker.
Selbst im unseligen Vietnamkrieg war es den USA nicht gelungen,
das südvietnamesische Regime an der Macht zu halten.
Die Türken würden sich heftig gegen die These wehren,
ihre periodischen Militärdiktaturen seien von den USA
eingesetzt worden. Jedes dieser Länder hatte eigene innenpolitische
Krisen. Die Rolle der USA war dabei unterschiedlich erfolgreich
oder erfolglos. Die pauschale Behauptung, die USA seien stets
der Täter hinter dem Täter, passt zur einseitig
anti-amerikanischen Gesinnung des Redners und erinnert an
die diffamierende Propaganda der Sowjetzeit.
3. Zum Anti-Amerikanismus: Kritik an außenpolitischen
Positionen der USA ist berechtigt und vernünftig; sie
ist die Pflicht mündiger Bürger. Die pauschale,
dämonisierende und einseitige Ablehnung der USA ist anti-amerikanisch.
Wer die USA als Kulturnation insgesamt ablehnt, ihr pauschal
Imperialismus, Militarismus und Ausbeuterei unterstellt, entlarvt
seinen Antiamerikanismus von links, eine ideologische Heimat,
die in Deutschland und Europa verkniffen fortlebt. Wer den
Vereinigten Staaten „systematische, konstante, infame
und unbarmherzige Verbrechen“ vorwirft, ist auf einem
Auge blind: Er übersieht die gewaltigen militärischen
Anstrengungen, die die USA im Namen von Freiheit, Demokratie
und Völkersouveränität im Ersten Weltkrieg,
im Zweiten Weltkrieg, in Korea, im Kalten Krieg, vor Sarajewo
oder im Kosovo geleistet haben. Die USA haben zweifellos Blut
an den Händen; zugleich haben sie sich oft selbstlos
und idealistisch geopfert. Auch hier ist – wie beim
Menschenbild – das Amerikabild einseitig verkürzt
und somit ungerecht.
4. Der schwerste Vorwurf betrifft die Leugnung des gerechten
Krieges. Die Dämonisierung der USA als „Verbrecherstaat“
ignoriert den Verteidigungs- und Befreiungskrieg (2. Weltkrieg),
die „humanitäre Intervention“ und die Rolle
der USA während und nach dem Kalten Krieg. Nicht jeder
Krieg ist verbrecherisch, Herr Grass! Oder hätten Sie
Frankreich und England 1939 empfohlen, sich nach Hitlers Poleninvasion
zurückzuhalten? Ohne die amerikanische Intervention würde
Europa heute unter der Knute des Stalinismus stehen. Ohne
das US-amerikanische Engagement vor und während der Wiedervereinigung
wäre die deutsche Einheit heute undenkbar.
Wo standen Sie, als die Bundeswehr im NATO-Krieg gegen Jugoslawien
flog? Als die „humanitäre Intervention“ zur
Rettung der Kosovaren durch einen völkerrechtswidrigen
Angriffskrieg gestartet wurde und Tausende Zivilisten in Serbien
starben? Als die Europäer bei der Befriedung Jugoslawiens
kläglich versagt hatten und Madeleine Albright an den
Holocaust erinnerte? Damals forderten die Deutschen den Krieg.
Waren die US-Interventionen im 1. Weltkrieg, im 2. Weltkrieg,
in Bosnien und im Kosovo auch „verbrecherisch“?
Sie müssen sich dem Vorwurf des einseitigen, Völker
aufhetzenden Anti-Amerikanismus stellen. Ihre Argumentation
ist verkürzt, ideologisch einseitig und intellektuell
unredlich.
Tony Blair und George W. Bush mögen den Irakkrieg falsch
begonnen und schlecht geführt haben, lächerlich
sind sie nicht. Das irakische Volk ist glücklich, den
Diktator abgeschüttelt zu haben. Schillers Damon (die
Bürgschaft), sein Wilhelm Tell oder Zuckmayers Teufels
General sind nicht „lächerlich“. Wer die
Stadt vom Tyrannen befreit, wer dann für Freiheit, Volkssouveränität
und Demokratie kämpft, mag moralisch, rechtlich und militärisch
umstritten handeln. Lächerlich und gefährlich ist,
wer den gerechten Krieg pauschal ablehnt und die Tyrannei
der Ordnung des Rechtes vorzieht. Und wer undifferenziert
die Völkerverständigung gefährdet. So nicht,
Herr Grass! Ihre Thesen zwingen zum Widerspruch.