BUSH BESCHÖNIGT DAS THEMA WIRTSCHAFT IM WAHLKAMPF
Friederich Mielke
George W. Bush macht es sich leicht: Er will als Kämpfer
im Krieg gegen den Terrorismus bestätigt werden. Angst
vor einem Anschlag soll die Wähler dazu bringen, ihren
Oberkommandeur wiederzuwählen. Er, so Bush, sei bestens
geeignet, Amerika und die Welt zu sichern. „Wir werden
eine sichere Welt und ein hoffnungsfrohes Amerika schaffen,
und nichts wird uns aufhalten“, rief Bush den Delegierten
des Republikanischen Nominierungskonventes in New York zu.
Das Thema Sicherheit soll den Wahlkampf dominieren. Im Krieg
gegen den Terrorismus sei Bush zuverlässiger und entschlussfreudiger
als sein Herausforderer John Kerry.
Während US-Soldaten im Irak sterben, lässt sich
Bush als starker Oberkommandeur von den Parteifreunden feiern.
Seine Rede hat den Irakkrieg nur gestreift und wenig Substanz
zur Wirtschafts- und Arbeitsmarktpolitik gebracht. Die Republikaner
versuchen, das außen- und sicherheitspolitische Thema
so zu forcieren, dass es innen- und wirtschaftspolitische
Fragen überdeckt. Doch diese Strategie ist bedenklich.
Sie setzt voraus, dass sich der amerikanische Wähler
„im Krieg“ fühlt und die Kriegführung
seiner Regierung billigt. Die Bush-Gegner haben diese Strategie
durchschaut und mit John Kerry einen Kandidaten präsentiert,
der militärische und außenpolitische Erfahrung
bietet. John Kerry weiß, dass die innen- und wirtschaftspolitischen
Fragen genauso wichtig wie die Sicherheitspolitik sind. Umfragen
ergeben, dass die Wähler auch 2004 zuerst an die Wirtschaft
denken – an Arbeit, Geldwert, Wirtschaftswachstum und
den Lebensstandard. Und hier hat die Bush-Regierung wenig
zu bieten.
Amerikaner interessieren sich nur für Außen- und
Sicherheitspolitik, wenn ihre Soldaten in einem heißen
Krieg kämpfen. Das trifft heute zu, allerdings ist die
Notwendigkeit, Durchführung und zukünftige Führung
dieses Krieges umstritten. Ähnlich wie im Vietnamkrieg
prallen die Meinungen aufeinander. Der Präsident soll
die USA schützen; ob er dafür Präventivkriege
führen muss, ist auch in Amerika umstritten. Sollten
die USA vor dem 2. November von Terroristen massiv angegriffen
werden, rücken die Wähler Richtung Bush. Wenn nicht,
gelten die normalen Gesetze des Wahlkampfes: Der Präsident
wird nur wiedergewählt, wenn die Wirtschaft in Ordnung
ist.
Doch die Wirtschaft ist nicht in Ordnung. Im Dezember 2003
sagte die US-Regierung voraus, es werde 2004 zu einem monatlichen
Wachstum von 216.000 Arbeitsplätzen kommen. Erreicht
wurden 104,000 Arbeitsplätze pro Monat – eine schwache
Zahl, da die Bevölkerung allein jeden Monat um 150,000
Menschen wächst. Das Wirtschaftswachstum hängt von
einer Kredit-gestützten und durch Steuererleichterungen
gestärkten Nachfrage ab. Doch die Steuerrückzahlungen
sind verbraucht, die Zinsen steigen, Lohn- und Gehaltssteigerungen
sind nicht abzusehen, die Nachfrage stagniert, das Vertrauen
der Verbraucher sinkt, und die Umsätze fallen. Kerry
sagt, dass 1,6 Millionen Arbeitsplätze unter der Bush-Regierung
verloren gingen. „Das ist eine sehr schlechte Nachricht
für Bush“, meint Kerrys Wirtschaftsberater Jason
Furman.
Die Zahlen vom Arbeitsmarkt sind im Wahlkampf wichtig. Laut
einer Umfrage von „New York Times/ CBS“ halten
die Amerikaner Arbeitsmarktpolitik und Arbeitslosigkeit für
dreimal so wichtig wie den Irakkrieg und für fünfmal
wichtiger als den Terrorismus. Da die Wahl 2004 in den so
genannten „swing states“ (Staaten mit Wechselwählern)
gewonnen wird, entscheidet die Wirtschaft die Wahl in diesen
Staaten. Im so genannten „Rostgürtel“ Amerikas
– zwischen Michigan, Ohio und Pennsylvania – gingen
die meisten Arbeitsplätze verloren. Wenn Kerry in diesen
„Wechselstaaten“ gewinnt, hat er Bush geschlagen.
„Die Republikaner wollen den Wahlkampf fast nur mit
dem Krieg gegen den Terrorismus bestreiten“, sagt der
Kerry-Stratege Tad Devine. „Die Republikaner verharmlosen
das Thema Wirtschaft“, meint der Wirtschaftsexperte
Ervin Stelzer vom Hudson Institute. Der Grund dafür ist
klar: Nur 37 Prozent der Wähler stimmen für die
Wirtschaftspolitik der Bush-Regierung, 54 Prozent sind unzufrieden.
Beim Thema Wirtschaft gelten die Gesetze des „Elendsfaktors“
– Arbeitslosigkeit und Inflation. Unterm Strich wird
der Zustand der US-Wirtschaft zurzeit kritisch gesehen. Und
das ist die größte Wunde der Bush-Regierung.
Die Republikaner haben die Amerikaner eine Woche lang in
New York daran erinnert, dass sie am 11. September angegriffen
wurden. „Wir wissen, dass Bush mit einer Flüstertüte
auf den Trümmern des WTCs stand“, schreibt die
New York Times: „Wir brauchen keine zusätzlichen
Rechtfertigungen der Irak-Invasion. Es steht fest, das der
Krieg ein Fehler ist.“ Die Strategie der Republikaner,
das Thema Wirtschaft zu verharmlosen, könnte nach hinten
losgehen: „Es ist die Wirtschaft, Du Simpel“,
sagten Clinton und Gore 1992, als sie Bush-Vater aus dem Amt
setzten. In Colorado, New Mexico, Wisconsin oder Michigan
ist nicht jeder Wähler davon überzeugt, dass der
Krieg notwendig und unabdingbar war. Die „pocketbook
voters“ (Geldbörsenwähler) werden Bush am
2. November fragen: Was wurde für unsere materielle Sicherheit
getan? Wo sind unsere Arbeitsplätze? Warum sind Studiengebühren
und Krankenkassenprämien so hoch? Und warum ist das Benzin
so teuer?
John Kerry ist immer dann besonders stark, wenn er hinten
liegt. Seit einigen Tagen verschärft sich sein Ton im
Wahlkampf. In der Außen- und Sicherheitspolitik kommt
er aus der Defensive, doch in der Innen- und Wirtschaftspolitik
liegt er vorn. Kerry ist auf der Zielgeraden. In den „Wechselstaaten“
zählt die Wirtschaft. Und bei diesem Thema ist Bush in
der Defensive.