BUSH KÄMPFT GEGEN LINKSRUTSCH IN LATEINAMERIKA
Friederich Mielke
Vor 11 Jahren hatte Bill Clinton einen Traum: Er wollte eine
Freihandelszone von Alaska bis Feuerland schaffen. Um diesen
Traum zu verwirklichen, war jetzt US-Präsident Bush nach
Lateinamerika gefahren. Die „Free Trade Area of the
Americas“ (FTAA) sollte 850 Millionen Menschen bis 2005
wirtschaftlich, politisch und kulturell näher bringen.
Doch auf Clintons Spuren kam Bush zu spät. Der Optimismus
von 1994 ist geschwunden.
Damals begrüßten 33 lateinamerikanische Regierungschefs
den Plan. Sie verabschiedeten eine Agenda mit 150 „Aktionspunkten“.
Die USA wollten ihre Wirtschafts-, Gesundheits-, Frauen- und
Umweltpolitik mit den Lateinamerikanern koordinieren. Nur
Kubas Fidel Castro machte nicht mit. Das war nicht anders
zu erwarten.
Inzwischen ist dieser Traum verpufft. Die FTAA ist gescheitert.
Die Teilnehmer des jüngsten FTAA-Planungsgipfels haben
den Konferenztisch im Streit verlassen. Die Beziehung zwischen
den USA und ihren Nachbarn hat sich verschlechtert. Viele
südamerikanische Regierungen werfen der Bush-Regierung
vor, soziale Ungleichheit und Armut durch Freihandelspolitik,
offene Märkte, Privatisierungen und Haushaltskürzungen
verschärft zu haben. Der Gipfel von Mar del Plata ging
ohne einen Zeitplan für die FTAA zu Ende. Der Einfluss
der „linken“ Regierungen hat die Pläne der
USA gebremst.
Die Gegengipfel und linken Demonstrationen in Argentinien
sind Ausdruck einer allgemeinen Enttäuschung: Lateinamerika
fühlt sich von Bush vernachlässigt. Die FTAA werde
die Probleme Lateinamerikas nicht lösen, glauben Venezuelas
Präsident Hugo Chavez und seine Freunde. Brasilien, Argentinien,
Venezuela, Paraguay und Uruguay widersetzen sich der FTAA.
Venezuelas Chavez gilt als Wortführer der Oppositionellen.
Seine Vision eines „Sozialismus für das 21. Jahrhundert“
wird nicht von allen lateinamerikanischen Politikern geteilt.
Auch ist vielen seine anti-amerikanische Rhetorik zu provokant.
Doch hinter den Kulissen wird gemunkelt, dass Chavez’
interventionistische Wirtschaftspolitik und sein soziales
Ausgabenprogramm begrüßt wird. Chavez gewinnt an
Einfluss.
Lateinamerika rückt nach links. Laut neuster Umfragen
werden Wahlen in Bolivien und Mexiko linke Kandidaten an die
Macht bringen. Beim letzten Lateinamerika-Gipfel stimmte nur
Venezuela gegen die FTAA. Inzwischen ist die Zahl der oppositionellen
Länder auf fünf gestiegen. Lateinamerika verlässt
zunehmend den Weg des Freihandels, der offenen und global
privatisierten Märkte. Der linke Virus, den der Venezolaner
Chavez verbreitet, kann sich zunehmend vermehren – in
Argentinien, Bolivien, Paraguay und auch in Brasilien.
Präsident Bush versucht, den brasilianischen Staatspräsidenten
für die FTAA und seine wirtschaftsliberale Politik zu
gewinnen. Brasilien ist das fünftgrößte Land
der Welt und ein wichtiger Handelspartner der USA. Der brasilianische
Staatspräsident da Silva ist Bush-freundlich, doch seine
politische Haltung steht auf der Kippe. Auch er lässt
sich verstärkt von der Chavez-Fraktion in Lateinamerika
beeinflussen. Sollten den Amerikanern auch in Brasilien die
Felle wegschwimmen, wären die USA zunehmend in ihrer
Hemisphäre isoliert.
Der gescheiterte Gipfel von Mar del Plata wirkt in Washington
wie ein Weckruf. Seit Jahren hat die Bush-Regierung primär
den „Krieg“ gegen den Terrorismus geführt
und ihre Hemisphäre vernachlässigt. Ursprünglich
war Bush mit der Absicht angetreten, die Beziehungen zu Lateinamerika
zu pflegen. Denn neben Kanada ist Mexiko der größte
Handelspartner der USA. Der Güteraustausch mit den lateinamerikanischen
Ländern ist für die USA wichtiger als Handel mit
Europa oder Asien.
Wenn Lateinamerika wieder zur Chefsache erklärt wird,
haben die USA langfristig noch eine Chance in ihrer Hemisphäre.
Wenn nicht, werden sich die Visionen von Che Guevara, Fidel
Castro und anderen Ideologen verwirklichen: Die USA werden
als „Klassenfeind“ und „Imperialisten“
abgelehnt und bekämpft. Für die Bush-Regierung ist
es somit höchste Zeit, den Linksrutsch Lateinamerikas
zu verhindern.