BUSH IN SÜDASIEN: SPAGAT ZWISCHEN VERFEINDETEN NACHBARN

Friederich Mielke

George W. Bush ist in ein diplomatisches Minenfeld gereist. Indien und Pakistan sind verfeindet: Kaschmirkonflikt, nukleare Rivalität, ethnischer Streit und islamistische Gewalt belasten die indisch-pakistanische Beziehung. Doch Bush braucht beide Staaten. Indien soll als anti-chinesisches Bollwerk dienen, Pakistan soll Islamisten bekämpfen und im „Krieg gegen den Terror“ helfen. Geostrategische, wirtschaftliche und politische Gründe zwingen Bush, gute Beziehungen zu beiden Staaten zu unterhalten. Amerika übt den diplomatischen Spagat.

Indien und Pakistan sind Atommächte. Angeblich besitzt Indien 100 Atomsprengköpfe, Pakistan soll über 50 Atombomben verfügen. Als Nuklearmacht hat Indien 1974 seine erste Atomwaffe gezündet und den Nichtverbreitungsvertrag umgangen. Pakistan steht im Verdacht, Nukleartechnologie an Nordkorea, Libyen oder Iran weiterzugeben. Der pakistanische Wissenschaftler Abdul Kadir Khan wurde als „Vater der islamischen Bombe“ diskreditiert. Der ungelöste Kaschmirkonflikt macht einen Atomkrieg zwischen Indien und Pakistan denkbar. Die USA unterstützen vertrauensbildende Maßnahmen zwischen Indien und Pakistan und leisten Vermittlungsdiplomatie. Doch beide Staaten lehnen Einmischungen von außen ab. Und beide Staaten fühlen sich als Atommächte aufgewertet.

„Indien und Amerika haben eine strategische Partnerschaft, die auf gemeinsamen Werten basiert“, sagte Bush in Neu Delhi. Bush will Indien konzedieren, was er dem Iran verbietet – die zivile Nutzung von Atomenergie. Die US-indische Beziehung habe sich dramatisch gewandelt, sagte Bush; Handel mit Indien sei im amerikanischen Interesse. Obwohl Indien den Nichtverbreitungsvertrag ignoriert, solle die indische Atomwirtschaft ausgebaut werden – mit amerikanischer Nukleartechnologie. „Die Zeiten ändern sich“, sagte der Präsident; der US-Kongress müsse die Bedeutung des Nukleardeals einsehen. Indien müsse zwischen ziviler und militärischer Atomtechnologie unterscheiden. Doch Indien wehrt sich gegen die Kontrolle des Kernenergieprogramms durch fremde Inspektoren. Der „Deal“ zwischen Indien und Amerika bleibt offen.

Beim Bush-Besuch in Delhi ging es um handfeste Wirtschaftsinteressen. Die US-Exportwirtschaft ist auf den „Nukleardeal“ erpicht; US-Firmen drängen auf den indischen Markt. Die amerikanische Geschäftswelt ist zwar primär an China interessiert, doch man schätzt die 20 Milliarden Dollar Außenhandel mit Indien. Da Indien die USA wirtschaftlich nicht bedroht, fürchtet Amerika den Subkontinent weniger als China und Japan. Und Indien kauft US-Rüstungsgüter in großen Mengen.

Für US-Diplomaten ist Pakistan ein Sorgenkind: Weiterverbreitung, Terrorismus, islamistische Gewalt, Menschenrechtsverletzungen und das Kaschmirproblem belasten die US-pakistanische Beziehung. Osama bin Laden soll in Pakistan leben, und viele Pakistanis hegen anti-amerikanische Gefühle. Ein US-Experte sagte jüngst im Kongress, Pakistan sei das „anti-amerikanischste Land der Welt“. Aus geopolitischen Gründen wünscht sich Washington ein stabiles, demokratisches und wirtschaftlich starkes Pakistan. Doch General Musharraf ist kein Vorzeigedemokrat; sein Kurs zwischen pro-amerikanischer Allianz und pakistanisch-muslimischer Solidarität ist gefährlich. „Nach mir kommen die Mullahs“, sagt er amerikanischen Diplomaten, wenn sie Demokratiedefizite oder Menschenrechtsverstöße kritisieren.

Als „Nicht-NATO-Alliierter“ Amerikas erhält Pakistan amerikanische Militär- und Wirtschaftshilfe. Washington befürchtet das Abgleiten des Landes in eine islamistische Theokratie und tut alles, diesen Alptraum zu verhindern. Als Bollwerk im „Krieg“ gegen den Terrorismus soll Pakistan die islamistische Gewalt eindämmen. Doch Beobachter fürchten, General Musharraf würde den Krieg gegen die Islamisten nur halbherzig führen. US-UNO-Botschafter Negroponte meinte jüngst, Pakistan würde Indien, Afghanistan und die USA bedrohen; Pakistan bleibe ein Rückzugsgebiet für islamistische Terroristen, die Afghanistan und Kaschmir unterwandern.

Die geostrategische Eindämmung Chinas und der „Krieg“ gegen den Terror können nur gelingen, wenn Indien und Pakistan Amerikas Alliierte bleiben. Doch die pakistanisch-indische Rivalität ist gefährlich und könnte die US-Ambitionen torpedieren. Und Pakistan ist ein Pulverfass. Ein schwerer Gang für George Bush.