BUSH UND PUTIN: GLEICHKLANG MIT MISSTÖNEN

Friederich Mielke


Am 9. Mai fliegt George W. Bush nach Moskau. Er nimmt an den Feierlichkeiten zum 60. Jahrestag der Kapitulation von Hitler-Deutschland teil, und er trifft sich erneut mit Wladimir Putin. Putin will der Welt ein starkes Russland präsentieren. Er will den historischen Anlass nutzen, um russische Ambitionen auf einen Großmachtstatus zu demonstrieren. Die Verklärung der sowjetischen Heldentaten soll der Welt den gewaltigen Beitrag Russlands beim Krieg gegen den Faschismus zeigen. Die idealisierte Vergangenheit mit 25 Millionen Opfern soll auch von den Problemen der Gegenwart ablenken.

Wie reagiert das offizielle Washington auf die Demonstration alter sowjetischer Macht? Zunächst herrscht Einvernehmen: Als sich am 26. April die Begegnung von sowjetischen und amerikanischen Truppen in Torgau zum 60. Mal jährte, verkündeten Putin und Bush gemeinsam: „Während die Partnerschaft von Russland und den Vereinigten Staaten immer enger wird, erinnert uns die Begegnung an der Elbe an die großen Vorteile gemeinsamer Lösungen von weltweiten Problemen. Russland und die USA können diese Chancen für Fortschritt und Kooperation gemeinsam nutzen.“

Bush bemüht sich intensiv um gute Beziehungen zu Putin. Die US-Interessen liegen auf der Hand: Bush braucht Putins Hilfe beim Kampf gegen die Weiterverbreitung von Massenvernichtungswaffen, Amerika will die Energiequellen Russlands nutzen, und die USA wollen im „Krieg gegen den Terrorismus“ unterstützt werden. Die USA verlassen sich auf die Sicherung russischer Nuklearraketen. Russisches Plutonium und anderes spaltbares Material könnte von Terroristen für den Bau einer „schmutzigen Bombe“ genutzt werden. Als Ölexportland kann Russland Amerikas Abhängigkeit vom nahöstlichen Öl verringern. Im „Krieg gegen den Terrorismus“ kann Russland seine engen Beziehungen zum Iran und Nordkorea nutzen. Putin hat sich nach dem 11. September hinter Bush gestellt; er hat nicht gegen die NATO-Osterweiterung protestiert und die US-Militärstützpunkte in Zentralasien hingenommen. Putin, so sieht es Bush, habe sich als gefälliger und kooperativer Partner erwiesen.

Doch die Beziehung ist nicht unbeschwert. Bei ihrer letzten Begegnung in Bratislava hat Bush Putin öffentlich an das Rechtsstaatsprinzip erinnert, an Pressefreiheit und demokratische Werte. Putin stand versteinert neben Bush. Er musste die Einmischung in die inneren Angelegenheiten Russlands über sich ergehen lassen. Seitdem sich Putin mit Frankreich und Deutschland gegen die Irak-Invasion gestellt hat, ist die Beziehung nicht mehr so unbeschwert wie vor vier Jahren. Washington ist misstrauisch, weil Russland Iran beim Bau ziviler Nuklearfähigkeiten hilft und mit Syrien über die Lieferung russischer Waffen verhandelt. Wegen der Missachtung von Demokratie in Russland haben die Senatoren John McCain und Joe Liebermann gefordert, Russland aus der Gruppe der G-8-Staaten auszuschließen; und „neokonservative“ Strategen in Washington rufen nach stärkerem Druck auf Russland in der Demokratiefrage.

Mitte April hat US-Außenministerin Rice Moskau besucht und Russland einen „strategischen Partner“ genannt. Bush und Putin werden am 9. Mai über den Kampf gegen den Terrorismus sprechen, über regionale Stabilität und wirtschaftliche Entwicklung. Im Interview mit dem Sender Echo Moskau sagte Rice, die strategische Partnerschaft beziehe sich auf den Kampf gegen die Weiterverbreitung von Atomwaffen. Russland sei auch ein Partner im Nahen Osten und auf dem Balkan. Rice beruhigte die Russen: Trotz Rückschlägen bei der Demokratisierung gebe es keine Hinweise darauf, dass Russland wieder totalitär werden könne. Die USA seien kein Gegner Russlands. Die USA würden die demokratischen Entwicklungen in Georgien und der Ukraine nicht für eigene Zwecke ausnutzen.

Die offizielle Darstellung der US-russischen Beziehung prallt auf Skepsis in den USA und in Russland. So fragt der Kolumnist Eugene Robinson in der „Washington Post“, warum Präsident Bush über Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und Transparenz predigen dürfe, wenn die USA das Völkerrecht und internationale Verträge ungestraft missachten könnten: „Welche Botschaft hört Vladimir Putin, wenn sich die USA in Afghanistan, im Irak und in Guantanamo über die UN-Konvention gegen Folter hinwegsetzen dürfen?“ Linksliberale Stimmen werfen Bush und Putin außerdem vor, die Tschetschenien-Frage zu ignorieren und die Tschetschenen als „Terroristen“ leichtfertig abzutun. Und in Moskau wächst Skepsis gegenüber der geostrategischen Einkreisung von Russland durch US-Militärbasen. Nationalistische und expansionistische Stimmen fordern die Wiederherstellung Russlands als Großmacht. Durch die US-Einkreisungsstrategie ist dies nicht möglich.

Angesichts des chinesischen Aufstiegs im Osten, der feindlichen Muslime im Süden und der wirtschaftlichen Schwäche Russlands hat sich Putin für die Zusammenarbeit mit den USA entschieden. In einer „Erklärung über die neue strategische Beziehung“ vom 24. Mai 2002 unterstreichen Bush und Putin die „gemeinsamen Interessen an Stabilität, Souveränität und territorialer Integrität in Zentralasien und im Südkaukasus.“ Für diese Politik muss Russland auf eine Hegemonie in Zentralasien verzichten, sich der US-Globalpolitik unterwerfen und eine zweitrangige Rolle als Regionalmacht akzeptieren. Putin scheint verstanden zu haben, dass eine langfristige Bindung an USA, NATO und EU den russischen Interessen mehr entspricht als der Versuch, Russland als Gegenmacht zu den USA aufzubauen. Diese Politik lässt die Machtdemonstration am 9. Mai als historisches Schauspiel erscheinen. Russlands Einbindung in die US-Globalstrategie ist auch im europäischen Interesse. Sie kann den Weltfrieden im russisch-amerikanischen Spannungsfeld nicht gefährden.