US-PRÄSIDENT GEORGE W. BUSH HAT DIE UNTERSTÜTZUNG
DER EIGENEN PARTEI VERLOREN
Friederich Mielke
Wenn George W. Bush diese Woche Heiligendamm besucht, trifft
er nicht nur im Ausland auf Kritik. Selten war ein US-Präsident
so unbeliebt. Immer weniger Amerikaner sind mit Bush zufrieden.
Ex-Präsident Jimmy Carter nannte Bush „den schlechtesten
Präsidenten der amerikanischen Geschichte“. Das
Wort von der „gescheiterten Präsidentschaft“
geistert durch Washington, wo politische Berater zunehmend
von Schadenskontrolle sprechen, anstatt den erfolgreichen
Einzug in die amerikanische Geschichte zu planen. Die „lahme
Ente“ Bush – der Präsident darf nicht wiedergewählt
werden – wird wahrscheinlich als tragische Figur in
den Geschichtsbüchern auftauchen.
Inzwischen rücken die eigenen Parteifreunde vom Präsidenten
ab: Die Republikaner fürchten die Rache des Wählers
bei den Präsidentschaftswahlen im November 2008.
Das Parteivolk ist verärgert, weil die Republikaner die
Zwischenwahlen 2006 verloren haben, politische Skandale die
Stimmung vergiften, republikanische Prinzipien vernachlässigt
wurden und der Irakkrieg in Blut und Chaos versinkt. „Diese
Regierung ist arrogant und inkompetent“, klagt der ehemalige
republikanische Abgeordnete Mickey Edwards. „Der Präsident
hält sich für einen Monarchen, und das macht mir
Angst“. Auch die republikanischen Präsidentschaftskandidaten
distanzieren sich von Bush. Heute kann nur die Wahl gewinnen,
wer gegen und nicht mit Bush antritt. Die Lage ist mit dem
französischen Präsidentschaftswahlkampf vergleichbar:
Sarkozy stellte sich gegen Chirac und gewann. Die Republikaner
verhalten sich ähnlich. So propagiert der republikanische
Präsidentschaftskandidat Rudolph Giuliani bewusst links-liberale
und progressive Meinungen und Werte. Die erzkonservative Stimme
Amerikas verstummt.
In republikanischen Kreisen ist die Stimmung schlecht. „Wenn
die Demokraten nächstes Jahr nicht gewinnen, werden sie
nie das Weiße Haus besetzen“, urteilt David Keene,
Vorsitzender der amerikanischen Konservativen Union. Die innerparteilichen
Schuldzuweisungen richten sich primär gegen Karl Rove,
den republikanischen „Präsidentenmacher“.
New Gingrich, der konservative Sieger der Zwischenwahlen von
1994, hält Bush für vergleichbar inkompetent und
tragisch wie Jimmy Carter. Damals wurde Amerika von Inflation,
Geiseldrama und schwacher Führung gequält, heute
sei die republikanische Partei zusammengebrochen, der Wähler
sei frustriert und enttäuscht. Dies sei die schlimmste
Krise der Republikaner seit Watergate, mein Gingrich. Amerika
brauche einen charismatischen Präsidentschaftskandidaten,
der sich deutlich von George W. Bush unterscheidet. „Sarkozy
hat sich gegen eine attraktive Gegnerin und eine zwölfjährige
Chirac-Präsidentschaft behauptet“, meint Gingrich.
Er rückt von ultrakonservativen Werten ab und propagiert
progressive Themen wie Erderwärmung, Energiepolitik und
politische Modernisierung als die zukünftige Strategie
der Konservativen. Das sind neue Töne im konservativen
Lager.
Richard Viguerie, der Gründer der modernen konservativen
Bewegung, wirft George W. Bush Verrat an republikanischen
Werten vor. Bush habe die Regierungsgewalt missbraucht und
den Haushalt überzogen. „Dieser Präsident
hat einen großen Fehler“, klagt Viguerie: „Weil
er und seine Leute keine Kritik ertragen, war die Partei unterwürfig“.
Auch der republikanische Abgeordnete Jeff Flake wirft der
Bush-Regierung fahrlässigen Umgang mit Steuergeldern
vor. Er fordert die Rückkehr von republikanischen Prinzipien,
die von Bush vernachlässigt wurden: Wirtschaftsfreiheit,
begrenzte staatliche Intervention und die Eigenverantwortung
des Individuums. Doch angesichts der Krise sei es unwahrscheinlich,
dass die Republikaner wieder an Boden gewinnen könnten.
Der Pessimismus der republikanischen Bush-Kritiker ist verständlich,
er kann sich aber als vergänglich erweisen. Den Republikanern
ist es oft schnell gelungen, Misserfolge zu überwinden.
In Amerika verändert sich die politische Stimmung schnell.
So hat Richard Nixon 1968 gewonnen, nachdem Barry Goldwater
1964 kläglich gescheitert war, und Ronald Reagan konnte
1980 siegen, obwohl Gerald Ford 1976 gegen Jimmy Carter unterlag.
Amerika hat weiterhin eine starke konservative Basis, und
die Demokraten sind selten vereint und geschlossen. Das Scheitern
der Bush-Regierung bedeutet nicht das Ende des amerikanischen
Konservativismus. Die Republikaner werden sich wieder erneuern
und verändern, auch wenn sie heute mit dem Rücken
zur Wand stehen.