PATHOS DER FREIHEIT:
RECHTFERTIGUNG DER BUSH-DOKTRIN
Friederich Mielke
Die zweite Antrittsrede von George W. Bush kann als idealistisches
Pathos gelesen werden – oder als Rechtfertigung der
militanten Bush-Doktrin. Idealistisch ist die Ankündigung,
dass „die beste Hoffnung für Frieden in unserer
Welt in der Ausbreitung von Freiheit überall in der Welt“
liege. Bush will „die Tyrannei in der Welt beenden.“
Seine zweite Antrittsrede strotzt vor idealistischem Optimismus:
„Alle, die in Tyrannei und Hoffnungslosigkeit leben,
sollen wissen: Die Vereinigten Staaten werde Ihre Unterdrückung
oder die Ausflüchte Ihrer Unterdrücker nicht hinnehmen.
Wenn Sie für Ihre Freiheit einstehen, stehen wir an Ihrer
Seite.“
Dieser Idealismus – die globale Verbreitung der Freiheit
– prallt auf den militanten Realismus der Bush-Doktrin:
Seit dem 11. September wollen die USA die Hoffnung der Demokratie,
der Entwicklung, der freien Marktwirtschaft und des Freihandels
„in jede Ecke dieser Welt bringen.“ Für die
globale Befreiung und Demokratisierung steht die gesamte militärische
Macht der Vereinigten Staaten zur Verfügung. Die Bush-Doktrin
erklärt: Wer sich der US-Globalpolitik entgegenstellt,
gilt als Terrorist. Das Ziel dieser Doktrin ist liberal: Verbreitung
von Demokratie und Freiheit. Die Strategie ist militant: Eine
Präventivpolitik soll es den USA erlauben, die amerikanische
Weltordnung notfalls mit Waffengewalt durchzusetzen.
Die Bush-Doktrin enthält zwei Kerne, schreibt der Politologe
Ernst-Otto Czempiel: „den Anspruch der USA auf eine
unilaterale Weltordnung und das Recht zur Gewaltanwendung.“
Dieser Doppelkern der Bush-Doktrin müsse sehr ernst genommen
werden. Die Antrittsrede vom 20. Januar enthält nur den
weichen Kern, die idealistische Verbreitung der Freiheit:
„Neu gestärkt, erprobt, aber nicht ermüdet,
sind wir bereit für die größten Errungenschaften
in der Geschichte der Freiheit.“ Vom harten Kern der
Bush-Doktrin war keine Rede – von Präventivkriegsdoktrin,
missionarischem Realismus, Macht und Mission.
Doch die idealistische Komponente der „pax americana“
hat einen militanten Teil: Sollte die Sicherheit der USA oder
der Verbündeten bedroht sein, dürfe die US-Regierung
militärisch präventiv intervenieren. Die derzeitige
Iran-Diskussion belegt die Aktualität dieser militanten
Strategie: Wer sich als „Schurke“, Demokratie-Feind
oder Terrorist den USA widersetzt, wird bombardiert. Der US-Journalist
Seymour Hersh hat die Strategie der „Falken“ und
„Neokonservativen“ in Washington zusammengefasst:
„Bush verfolgt den aggressiven und ehrgeizigen Plan,
die Macht der Geheimdienste und des Militärs in seiner
zweiten Amtszeit zu nutzen – gegen die Mullahs in Iran
und gegen andere Ziele im anhalten Krieg gegen den Terrorismus“,
schreibt Hersh.
Bush hat seinen Freiheits-Idealismus angekündigt, ohne
die „Achse des Bösen“ (Irak, Iran, Nordkorea)
zu erwähnen. Die zweite Antrittsrede kann als Rechtfertigung
der Irakintervention verstanden werden. Kriegsgrund war der
angebliche Besitz von Massenvernichtungswaffen. Saddam Hussein
sollte daran gehindert werden, Israel oder die USA mit Atomwaffen
anzugreifen. Sicherheitsberaterin Condoleezza Rice sprach
vom drohenden Atompilz. Bush und Vizepräsident Cheney
hatten die amerikanische Öffentlichkeit hypnotisiert.
Als keine Massenvernichtungswaffen im Irak gefunden wurden,
schob die Bush-Regierung das ideale Ziel der Befreiung und
Demokratisierung des Nahen Ostens nach. Der US-Politologe
Charles Kupchan, Autor des Buches „Die europäische
Herausforderung: Vom Ende der Vorherrschaft Amerikas“,
nannte dieses Argument „absoluten Unsinn.“
George W. Bush hat in seiner Antrittsrede versucht, Amerika
und die Welt vom Idealismus seiner Ziele zu überzeugen.
Nach der Irakinvasion sind viele skeptisch: Die Rechtfertigung
des Präventivkrieges stößt auf Misstrauen
und Ablehnung. Der Menschenrechtler Aryeh Neier schreibt am
24. Januar in der „New York Times“, im Nahen Osten
würde man Bushs Freiheitspathos nicht glauben: Der Freiheits-Idealismus
sei ein vorgeschobenes Argument zur Rechtfertigung von Machtpolitik.
Die illegalen Praktiken der Amerikaner auf Guantanamo und
in Abu Ghraib hätten das Bild Amerikas als Land der Freiheit
vernichtet. Das Bild des verkabelten Opfers in Abu Ghraib
hätte das positive Image der Freiheitsstatue verdrängt.
Da sich die Vereinigten Staaten dem internationalen Strafgerichtshof
verschließen, seien sie kein Leuchtturm der Freiheit.
Außerdem würden die USA mit „Freiheit“
auch den freien Waren- und Kapitalverkehr meinen: Freihandel
sei ein „moralisches Prinzip“. Dies, so Neier,
stünde ausdrücklich in der Nationalen Sicherheitsstrategie
vom September 2002, die als Präventivkriegsdoktrin in
die Geschichte eingeht.
Das Freiheitspathos der Bush-II-Regierung kann als Fensterrede
abgetan oder als Verfestigung der militanten US-Weltordnungspolitik
gedeutet werden. Zu Beginn der Bush-II-Regierung will man
wissen, ob Bush zum Kurswechsel bereit ist – vom militanten
Unilateralismus zum gemäßigten Multilateralismus,
von arroganter Selbstherrlichkeit zu diplomatischer Einbindung.
Die Begegnung von Außenminister Fischer und Außenministerin
Condoleezza Rice soll die harte US-Außenpolitik mit
der gemäßigten deutsch-europäischen Position
versöhnen. Viele Beobachter sind skeptisch. Dennoch verdienen
die ersten 100 Tage der Bush-II-Regierung einen Vertrauensbonus:
Nach dem Bericht zur Lage der Nation Anfang Februar und dem
Europabesuch des US-Präsidenten Ende Februar wird der
Kurs der Bush-II-Außenpolitik dann endgültig erkennbar.