CONDOLEEZZA RICE: EINE DEUTSCHLANDEXPERTIN WIRD US-AUßENMINISTERIN
Friederich Mielke
US-Sicherheitsberaterin Condoleezza Rice wird Außenministerin.
Als Nachfolgerin von Colin Powell ist ihr Ruf in Europa umstritten.
Viele halten ihren Einfluss auf George W. Bush für bedenklich:
Rice hat die „nationale Sicherheitsstrategie“
geschrieben, die als Präventivkriegsdoktrin den Irakkrieg
rechtfertigt; sie hat den militanten Unilateralismus der Bush-Regierung
bejaht und die UNO missachtet: „Sollen wir mit Leuten
wie Fidel Castro verhandeln?“ klagt sie über die
UNO. Als Chefideologin der Bush-Regierung hat Rice die „Achse
des Bösen“ befürwortet, sie fordert den Anti-Raketenschirm
für Amerika und verfichtt den harten außenpolitischen
Kurs der „Falken.“
„Condi“ gilt als „Bushs charmanter Colt“
mit entwaffnendem Lächeln. Die „intellektuelle
Geheimwaffe“ der Bush-Regierung setzt auf Machtpolitik,
auf militärische Stärke und Sicherung der US-Hegemonie.
Trotz ihrer machtpolitischen Unnachgiebigkeit will sie die
USA nicht isolieren. Im Juni 2003 sagte sie in London: „Die
Vereinigten Staaten, ihre NATO-Partner, ihre Nachbarn in der
westlichen Hemisphäre und Verbündeten, Japan und
die Verbündeten in Asien und Afrika teilen eine umfassende
Verpflichtung zu Demokratie, Rechtsstaatlichkeit, Marktwirtschaft
und Freihandel… Die Vereinigten Staaten können
ohne die stetige Zusammenarbeit mit ihren Verbündeten
und Freunden wenig Bedeutsames in der Welt ausrichten.“
Vor dem Irak-Krieg hatte Rice das Bedrohungsszenario aufgebauscht.
„Es gibt eindeutig Kontakte zwischen Al-Qaida und dem
Irak“, behauptete sie beharrlich. Sie widersprach dem
Vorwurf, der Präsident habe Geheimdienstinformationen
über Massenvernichtungswaffen im Irak übertrieben.
Als Rice in der Irakfrage von einigen europäischen Staaten
nicht unterstützt wurde, ging sie auf Konfrontationskurs.
Den Deutschen warf sie vor, das Klima vergiftet zu haben.
Nach der „Adolf-Nazi-Krise“ mit Justizministerin
Däubler-Gmelin klagte Rice: „Wie kann ein Deutscher
so etwas tun, in Anbetracht der Hingabe der Vereinigten Staaten,
als es darum ging, die Deutschen von Hitler zu befreien.“
Nach dem Irak-Krieg lehnte Rice eine zentrale Rolle der UNO
beim Wiederaufbau des Iraks ab: „Es ist nur natürlich
zu erwarten, dass die USA, die Leben und Blut für die
Befreiung Iraks gegeben hat, die zentrale Rolle übernimmt.“
Als „Falke“ wird Rice im Außenamt den militanten
und offensiven außenpolitischen Stil von George W. Bush
durchsetzen. Mit Colin Powells Rücktritt werden die Kräfte
der „Tauben“ im State Department geschwächt.
Rice ist die konsequente Dienerin ihres Herrn. Sie schreibt
und überarbeitet seine Reden, hört ihm zu, bestätigt
seine ideologisch gefärbte Außenpolitik und gilt
als streng loyal. Ein Kurswechsel der US-Außenpolitik
ist vom Bush-Rice-Team nicht zu erwarten. Dennoch kann auf
eine verbesserte transatlantische Beziehung gehofft werden.
Bush hat eine Reise nach Europa angekündigt und versprochen,
sich um die euro-amerikanischen Beziehungen zu kümmern.
Es ist möglich, dass Condi Rice diese Initiative angeregt
hat.
Denn die zukünftige US-Außenministerin ist Europa-Expertin.
Unter Bush-Vater war Rice für die Sowjetpolitik zuständig.
Sie bewegte sich souverän zwischen Bush und Gorbatschow,
analysierte die sowjetische Situation und war an den „Zwei-plus-vier-Gesprächen“
beteiligt, die das Ende der deutschen Teilung vorbereiteten.
In dem Buch „Sternstunde der Diplomatie“, das
sie mit dem Politologen Philip Zelikow schrieb, fasste Condoleezza
Rice den dramatischen Verlauf der Wiedervereinigungsverhandlungen
zusammen. Die Briten wollten einen Friedensvertrag, die Franzosen
sträubten sich; und Bush Senior beruhigte Gorbatschow,
die NATO werde eine stabilisierende Kraft für Deutschland
sein, die Deutschen werden ihre Nachbarn nicht bedrohen oder
eigene Atomwaffen besitzen wollen.
Condoleezza Rice war an dieser „Sternstunde der Diplomatie“
maßgeblich beteiligt. Sie hatte Zugang zu allen Dokumenten,
Vertragsentwürfen, Verhandlungen und Protokollen und
beriet Bush Senior in den entscheidenden Fragen der Wiedervereinigung:
„Mit Diplomatie, gutem Willen und großer Sachkenntnis
hatte Rice an dem beispiellosen Marathon der Zwei-plus-vier-Gespräche
teilgenommen und sich in der politischen Arena zwischen den
mächtigsten Männern der Welt profiliert“,
schreibt Erich Schaake in seiner Biografie der US-Sicherheitsexpertin.
„Durch ihren brillanten diplomatischen Stil, ihre Professionalität
und ihre dynamische Persönlichkeit trug Rice in der Bush-Administration
zum Erfolg der Zwei-plus-vier-Gespräche bei und hat ein
wenig auch sich selbst ein Denkmal gesetzt.“
Rice gilt als Super-Frau. Sie war Verwaltungschefin der Stanford
University, Politikchefin im US-Außenministerium, Aufsichtsratsmitglied
von Chevron Texas und US-Sicherheitsberaterin. Ihre Kindheit
wurde durch Bildung und Disziplin geprägt – durch
klassische Musik, Ballett, Literatur, Sprachen und Sport.
Ihr politischer Mentor war Josef Korbel, der Vater von Madeleine
Albright, die von 1997 bis 2001 unter Clinton als erste Chefin
im US-Außenministerium diente. Für viele ist Rice
eine unheimliche „Terminatrix“ im Zentrum der
amerikanischen Weltmacht – immer kontrolliert und perfekt
gekleidet, kühl und kompromisslos. Sie strebt nach absoluter
Macht und Sicherheit und schreckt nicht davor zurück,
Gewalt als sicherheitspolitisches Handlungsinstrument anzuwenden.
Als Kind hatte sie weiße Gewalt gegen Schwarze erlebt.
Demütigung und Lebensbedrohung waren ihr Alltag. Diese
Erfahrung hätte den Wunsch nach Herrschaft und Kontrolle
genährt, sagt der Psychologe Eckhart Neumann. Jetzt wird
sich die Welt mit der US-Außenministerin Condoleezza
Rice auseinander setzten müssen.