DER RADIKALE US-MORALISMUS BEDROHT DIE TRANSATLANTISCHE WERTEGEMEINSCHAFT


Friederich Mielke

Amerika erlebt zurzeit eine leidenschaftliche moralische Debatte. Das Schicksal der Komapatientin Terri Schiavo erregt Politiker, Theologen, Medien, Ärzte und Juristen. Schiavo, die seit 15 Jahren künstlich ernährt wird, sollte auf Wunsch ihres Mannes vom Schlauch genommen werden. Ein Richter in Florida hatte die „Aushungerung“ der Patientin genehmigt. Doch die Eltern der Patientin widersprachen; sie fordern die Weiterversorgung ihrer Tochter. Die als Sterbehilfe autorisierte Aktion stößt bei strenggläubigen Katholiken und konservativen Christen auf Widerstand. Die „Recht auf Leben“-Bewegung steht lautstark auf Seiten der Eltern. Der US-Kongress hat jetzt ein Gesetz verabschiedet, das die Revision der Eltern beim obersten Bundesgericht (Supreme Court) zulässt. Amerika ist in Aufruhr: Die „moralische Mehrheit“ des Landes läuft Sturm gegen die Sterbehilfe.

Seit der Wiederwahl von Präsident George W. Bush wird in Amerika vom Sieg der „konservativen Rechten“ gesprochen. Die Wertedebatte über Abtreibung oder gleichgeschlechtliche Ehe sei 2004 wichtiger gewesen als Irakinvasion, Arbeitslosigkeit und Haushaltsdefizit. George W. Bush habe gegen John Forbes Kerry gewonnen, weil die „Wertekonservativen“ die „Liberalen“ mehrheitlich schlugen. Die Debatte um Terri Schiavo beweise den Triumph der moralischen Rechten über die Linksliberalen. Texas und Florida siegen über Kalifornien und New York.

Das Sondergesetz, das im Schiavo-Fall die Revision vor dem obersten Bundesgericht erlaubt, wurde im Eilverfahren vom Kongress angenommen. Präsident Bush war zur Unterzeichnung des Gesetzes nach Washington geeilt. Demonstrativ hatte der Präsident seine Unterstützung „für das Leben“ bekundet und alle Befürworter von Abtreibung und Sterbehilfe in die Schranken verwiesen: Amerikas Mehrheit denkt konservativ.

Der dominante Moralismus Amerikas bedroht die transatlantische Wertegemeinschaft. Dieses Konstrukt eines gleichen moralischen, politischen, rechtlichen und religiösen Fundamentes basiert auf der Überzeugung, die USA und die europäischen Demokratien würden die gleichen Werte teilen: Demokratie, Freiheit, Rechtstaatlichkeit und Freihandel seien universale Werte, die weltweit und diesseits und jenseits des Atlantiks gelten. Amerika und Europa würden eine Kulturgemeinschaft bilden, einen euro-atlantischen „Kulturkreis“ in der Terminologie von Harvard-Professor S. Huntington.

Die amerikanische Sterbehilfe-Debatte bedroht die Einheit dieses Kulturkreises, wenn sie radikal-fundamentalistisch geführt wird. Der Richter, der Frau Schiavo vom Ernährungsschlauch trennen wollte, wird von radikalen Moralisten als „Mörder-Richter“ beschimpft. Befürworter der Fristenlösung bei Abtreibungen werden als „Totschläger“ diskriminiert, und Abtreibungskliniken werden bombardiert. Der Tod von Ärzten und Schwestern wird dabei billigend in Kauf genommen. Amerikanische Fundamentalisten polemisieren gegen Verhütung und Kondome, während die Teenage-Geburtenraten von 13- und 14-jährigen in den USA steigen. Bei ethisch-moralischen Fragen zeigen sich die USA als Land der unbegrenzten Widersprüche: Hier größter medizinischer Fortschritt, dort fundamentalistische Rückständigkeit beim Umgang mit moralischen Fragen. Die radikal-christlichen Werte des 17. und 18. Jahrhunderts werden ins 21. Jahrhundert transportiert. Die puritanischen Pilgerväter leben weiter.

Amerikaner gehören zur transatlantischen Wertegemeinschaft, doch ihre Kultur ist qualitativ und quantitativ konservativer als die Kultur der meisten europäischen Staaten. Auch Europa ist nicht konform-homogen: Polen, Irland und Portugal sind ebenso wertekonservativ wie die USA; die Mehrheit der europäischen Länder denkt jedoch gemäßigt liberal – für eine Fristenlösung, gegen die Todesstrafe, gegen Teenage-Schwangerschaften, für die Liberalisierung der Homo-Ehe und für eine aktive und rechtlich kontrollierte Sterbehilfe - wenn der Patient medizinisch „austherapiert“ ist und einwilligt. Der Hippokrates-Eid verbietet den deutschen Ärzten die Sterbehilfe. Es sei jedoch dahingestellt, ob die Deutschen ähnlich laut protestiert hätten, wenn ein Gericht nach 15-jährigem Koma den Ernährungsabbruch erlaubt hätte.

Die linksliberalen Medien Amerikas laufen Sturm gegen die radikal-konservative Stimmung im Lande. Bush, den Republikanern und den konservativen Medien wird die Ausnutzung des Schiavo-Falles für politisch-strategische Interessen vorgeworfen. Bush würde seine Wahlversprechen bei den christlichen Fundamentalisten einzulösen. Diese Folgerung liegt auf der Hand. Für Beobachter außerhalb Amerikas zeigt sich erneut, dass ethisch-moralische Themen in Amerika ernster diskutiert werden als in Europa. Die transatlantische Wertegemeinschaft gerät in Gefahr, wenn wir die fundamentalistische Wertewelt Amerikas überbetonen und verdrängen, dass 48 Prozent der US-Wähler 2004 für John Forbes Kerry bestimmt haben – und gegen die Todesstrafe, für die Fristenlösung und für Sterbehilfe nach Einwilligung.

Amerika erlebt einen Kulturkampf. In der Wertedebatte zwischen Konservativen und Liberalen haben die Konservativen die Nase vorn. Doch je nach ethnischer, regionaler, sozialer und religiöser Zugehörigkeit denken auch Amerikaner unterschiedlich über Sterbehilfe und Abtreibung. So eindimensional und fundamentalistisch-verbrämt, wie man hier gern annimmt, sind Amerikaner nicht. Ein New Yorker Professor denkt anders als ein Farmer aus Iowa. Die Pluralität und Heterogenität der amerikanische Gesellschaft gewähren, dass die transatlantische Wertegemeinschaft trotz konservativer Mehrheiten zusammenhalten und überleben kann.