CORETTA KING: FIRST LADY DER US-BÜRGERRECHTSBEWEGUNG
Friederich Mielke
US-Präsident Bush ehrt Coretta King als „First
Lady der Bürgerrechtsbewegung.“ Er hält die
Trauerrede für Martin Luther Kings Witwe. Bush will helfen,
die Wunden von Rassentrennung und Demütigung zu heilen.
Coretta Kings Tod erinnert Amerika an die schlimme Zeit, als
Schwarze keine Bürgerrechte hatten und Rassismus und
Diskriminierung das Land peinigten. Das Leben von Coretta
King ist Symbol für die Befreiung der unterdrückten
schwarzen Minderheit in der amerikanischen Gesellschaft.
Coretta King war Zeugin einer Zeit, in der amerikanische
Regierungssystem noch kein Diskriminierungsverbot kannte.
Bis 1964 galt nur für Weiße, was Thomas Jefferson
1776 in der Unabhängigkeitserklärung verkündet
hatte: „Wir erachten folgende Wahrheiten als selbstverständlich,
dass alle Menschen gleich geschaffen sind…“ Das
Herzstück des Amerikanismus – Freiheit und Gleichheit
für alle – galt nicht für Schwarze. 1863 schaffte
Präsident Lincoln die Sklaverei ab, doch die Freigelassenen
erhielten keine Bürgerrechte: Sie durften nicht wählen,
öffentliche Ämter bekleiden oder mit Weißen
am gleichen Tisch essen. Erst die Bürgerrechtsbewegung
der 50er und 60er Jahre erzwang das Diskriminierungsverbot.
Demonstrationen, Protestmärsche, polizeiliche und rassistische
Gewalt begleiteten die Versuche der Bürgerrechtler, gleiches
Recht für alle durchzusetzen.
Coretta und Martin Luther King waren sich 1952 in Boston
begegnet. King schrieb seine Doktorarbeit in Philosophie,
Coretta studierte Musik. Beide waren im Süden aufgewachsen
– Coretta in Alabama, King in Atlanta. Sie heirateten
1953 und zogen nach Montgomery in Alabama, wo King eine Pastorenstelle
antrat. In Montgomery kamen sie mit Rosa Parks in Kontakt,
die 1955 als schwarze Frau im „weißen“ Teil
der öffentlichen Busse saß und damit bundesweit
Aufsehen erregte.
Als Coretta und Martin Luther King in den Sog der Protestbewegung
gerieten, litten sie unter der rassistischen Gewalt. Kings
Feinde zündeten sein Haus an und schickten Morddrohungen.
Mrs. King erwartete ihr viertes Kind, als ihr Mann ermordet
wurde. Sie hatte sich an der Bewegung beteiligt, Geld gesammelt,
bei „Freiheitskonzerten“ gesungen, und sie war
im legendären Protestmarsch von Selma nach Montgomery
mitmarschiert. Die Ideale ihres Mannes waren auch ihre Ideale.
Nach dem Tod von Martin Luther King wurde sie zur lebenden
Legende. Sie pflegte sein Andenken und setzte sich für
einen nationalen Gedenktag für ihren Mann ein. Seit 1987
ist der Geburtstag von Martin Luther King offizieller Staatsgedenktag
der Vereinigten Staaten. Coretta King war maßgeblich
an diesem Erfolg beteiligt. Frau King gründete das „Zentrum
für Gewaltlosen Gesellschaftlichen Wandel“ in Atlanta
und bemühte sich, den verurteilten Mörder ihres
Mannes – James Earl Ray - zu rehabilitieren. Sie behauptete,
ihr Mann sei Opfer einer Verschwörung gewesen. Die US-Regierung
solle dabei eine undurchsichtige Rolle gespielt haben. Das
FBI hatte Martin Luther King wegen seines Widerstandes gegen
den Vietnamkrieg beschattet und sein Telefon angezapft. Ein
Gericht in Tennessee bestätigte 1999 Coretta Kings Anschuldigung,
ein Untersuchungsausschuss der Bundesregierung wies ihre Behauptung
jedoch zurück.
In ihrem Buch „Die Worte von Martin Luther King“
schrieb Coretta King 1983: „Mein Mann wollte ein Baptistenprediger
in einer großen Gemeinde im Süden werden. Stattdessen
hatte er bis zu seinem Tode Millionen von Menschen bei einer
Protestbewegung angeführt, die das System der Rassentrennung
im Süden für immer abschaffte. Er schenkte den Schwarzen
eine größere Dimension menschlicher Würde.“
Im Bericht zur Lage der Nation nannte Präsident Bush
Coretta Scott King eine „ehrbare, würdevolle und
mutige Frau, die Amerika an seine Gründungsideale erinnerte
und einen würdigen Traum hatte.“ Jesse Jackson,
einer der großen Überlebenden der Bürgerrechtsbewegung,
erinnerte an den Mut dieser Frau: „Sie konnte Schmerzen
mit ungewöhnlicher Kraft und Charakterstärke ertragen.“
Der ehemalige Bürgermeister von Atlanta, Andrew Young,
sagte über Coretta King: „Ihr Geist wird –
wie der Geist ihres Mannes – immer bei uns sein.“
Senator Edward Kennedy würdigte Coretta und Martin Luther
King als Menschen, die das Gewissen der Nation wachrüttelten:
„Sie haben die Mauern der Diskriminierung gegen Rasse,
Religion, Geschlecht und Herkunft eingerissen.“