DIE KRISE DER US-AFGHANISTANSTRATEGIE
Friederich Mielke
Wenn US-General Petraeus im Senat zur Afghanistan-Strategie befragt wird und dabei in Ohnmacht fällt, erkennt Amerika die Symbolik dieses Zusammenbruchs: Obamas Strategie steckt in der Krise. Die Taliban sind nicht besiegt, täglich stirbt durchschnittlich ein Amerikaner im Kampf, und der Krieg ist inzwischen teurer als die Irak-Besetzung: 6,7 Milliarden Dollar pro Monat. Obamas Plan, die Taliban zu schlagen und die Afghanen aufzurüsten, geht nicht auf. Der Kampf der US-Truppen in Afghanistan droht, zum längsten Krieg der amerikanischen Geschichte zu werden.
Obama hat sich für massive Truppenaufstockungen entschieden, um die Soldaten nach Siegen über die Taliban im Sommer 2011 abziehen zu können. Das wäre politisch opportun, da Amerika 2012 in den Präsidentschaftswahlkampf geht. Obama will dann seine militärischen Erfolge in Afghanistan vorzeigen. Doch diese Erfolge bleiben aus: Der Anti-Amerikanismus bleibt akut, Präsident Karzai ist schwach und korrupt, der Opiumhandel blüht, und der Krieg fordert mehr Opfer denn je. Der jüngste Pentagon-Bericht zum Afghanistan-Krieg bescheinigt den Taliban Widerstandsfähigkeit, Kampfbereitschaft und wachsende Akzeptanz in der Bevölkerung. Die Obama-Regierung hat sich in Afghanistan verrannt.
Innenpolitisch bleibt Amerika heftig zerstritten: Linke und liberale Demokraten fordern den baldigen Rückzug, die Republikaner wollen „Erfolge und Siege“. Senator John McCain möchte mehr Soldaten schicken, andere Republikaner bestehen auf größeren Beiträgen der NATO-Partner. Doch die Alliierten zögern: Der politische Wille schrumpft, die Niederländer ziehen sich zurück, der polnische Ministerpräsident fordert einen Abzugstermin, und die Engländer sind kriegsmüde. Zwei Drittel glauben nicht an einen Sieg. In Deutschland ist die Stimmung nicht anders.
Auch die amerikanische Presse drängt zunehmend auf Abzug. So meint die „New York Times“: „Wenn wir keine Opfer bringen wollen, unsere Politiker nicht zur Verantwortung ziehen und den Krieg nicht finanzieren können, dann sollten wir wenigstens den Mut zum Rückzug haben.“ Und die „Washington Post“ spricht von einer „schlechten Strategie“ und einem „misslungenen Krieg“ in Afghanistan. Vietnam und Irak hätten gezeigt, wie leicht man in einen Krieg hineingezogen wird und wie schwer man herauskommt.
Obama will mittelfristig den Rückzug; dies hat er den Wählern versprochen. Doch vorher wird es keinen „Sieg“ geben. Amerika und der Westen bereiten sich darauf vor, Afghanistan durch die Hintertür zu verlassen. Die Militärs werden zwar mehr Truppen und Kämpfe fordern, doch der politische Wille zum Durchhalten schwindet – nicht nur in den USA. Irgendwann wird man die Afghanistan-Kampagne einen Erfolg nennen, die Afghanen für militärisch selbstverantwortlich erklären, sein Gesicht wahren und sich langsam zum Ausgang bewegen. Das wäre die beste Lösung.