BUSH-II BEGINNT DIPLOMATISCH: DIE NEOKONSERVATIVEN IN WARTESTELLUNG

Friederich Mielke


Die friedliche Rhetorik der Bush-II-Regierung hat Europa betört. „Angesichts komplexer Herausforderungen müssen wir klug und besonnen handeln“, sagte Bush in Brüssel. Europäer und Amerikaner sollten kooperieren, eine „neue Ära in der transatlantischen Einheit“ möge beginnen. Alle Nationen hätten jetzt ein Interesse am Erfolg eines freien und demokratischen Irak. In der Iran-Frage arbeiteten die USA eng mit Großbritannien, Frankreich und Deutschland zusammen: „Im neuen Jahrhundert ist das Bündnis zwischen Europa und Nordamerika der Hauptpfeiler unserer Sicherheit“, sagte Bush am 21. Februar in Brüssel: „Gemeinsam können wir die Geschichte wieder auf einen hoffnungsfreudigen Weg bringen.“

Die Außenpolitik der Bush-II-Regierung beginnt mit dem Angebot, multilaterale Strukturen zu akzeptieren und das Primat der Diplomatie anzuerkennen. Vieles weist auf eine Kurswende der militanten US-Außenpolitik hin. In der Iran-Frage will sich Bush der EU-Verhandlungsstrategie anschließen. Frankreich, Großbritannien und Deutschland versuchen, im Auftrag der EU den Iran zur Aufgabe des Nuklearprogramms zu bewegen. Im Gegenzug werden Handelsvorteile und andere Vorteile versprochen – z. B. den Beitritt zur Welthandelsorganisation oder die Lieferung von Airbus-Flugzeugen, sollte der Iran klein beigeben. Bush hat zwar die militärische Option nicht ausgeschlossen, er will aber das Problem möglichst diplomatisch lösen: „Im Iran verfolgt die freie Welt ein gemeinsames Ziel“, betonte er in Brüssel: „Um des Friedens willen muss das iranische Regime die Unterstützung des Terrorismus beenden, und es darf keine Atomwaffen entwickeln.“ Dieser Ton ist konziliant. Die Achse des Bösen wurde ignoriert. Viele atmen auf, nachdem die Scharfmacher in Washington dem Iran mit Militärschlägen gedroht hatten.

Angesichts dieses Tauwetters fragt man sich, was aus den militanten „Neokonservativen“ geworden ist, den streitbaren Strategen der Bush-I-Regierung. Sie hatten den Irakkrieg gefordert und gerechtfertigt. Verteidigungsminister Rumsfeld, Stellvertreter Wolfowitz und Vizepräsident Cheney hatten darauf gedrungen, Saddam Hussein per „Präventivkrieg“ auszuschalten. Der Historiker Detlef Junker nennt die Neokonservativen die „Ideologen der amerikanischen Weltvorherrschaft“. Als Machtpolitiker fordern sie eine globale Sonderstellung der USA. Die konkurrenzlose Supermacht soll dauerhaft etabliert werden, die „Pax americana“ soll sich rücksichtslos ausbreiten. Als Vorreiter dieser Strategie gilt die Denkfabrik „Projekt für ein Neues Amerikanisches Jahrhundert“. Im Strategiepapier dieses „thinktanks“ steht: „Amerika sollte seine globale Führungsposition bewahren und ausdehnen und dabei die Spitzenstellung der US-Streitkräfte erhalten.“ Die internationale Sicherheitsordnung sei amerikanischen Interessen und Idealen noch nie so gut entgegen gekommen wie heute. Aufgabe des neuen Jahrhunderts sei es, diesen amerikanischen Frieden zu bewahren und zu stärken.

Die Neokonservativen um Rumsfeld, Wolfowitz und Cheney schweigen zurzeit. Angeblich ist es zum Machtkampf zwischen Außenministerin Rice und Verteidigungsminister Rumsfeld gekommen – ein ähnliches Szenario wie zur Bush-I-Regierung, als Rumsfeld Außenminister Powell die Irakstrategie vorgab und Powell versuchte, den Konflikt über die Vereinten Nationen zu lösen. Condoleezza Rice ist die engste politische Vertraute des Präsidenten. Sie hat das diplomatische Handwerk unter Bush-Vater gelernt. 1989/90 war sie an den Verhandlungen um die deutsche Wiedervereinigung beteiligt. Als nationale Sicherheitsberaterin hat sie den „Falken“ in der Irakfrage kaum widersprochen. Als Außenministerin setzt sie nun auf Diplomatie und Kooperation mit den Europäern. Gespannt blicken alle auf Washington: Wird sie sich durchsetzen? Wird die Charme-Offensive Bestand haben, oder werden die Neokonservativen erneut die Oberhand gewinnen und den Militärschlag vorbereiten?

Gary Schmitt, Geschäftsführer der neokonservativen Denkfabrik „Projekt For a New American Century“, hält einen Militärschlag gegen den Iran für sinnvoll und erforderlich. Der Iran sei weitaus gefährlicher und bedrohlicher als der Irak. Die Neokonservativen hätten keine Skrupel, Israel und die Region durch Präventivschläge zu sichern. Die Strategie der Neokonservativen stimmt mit der nationalen Sicherheitsstrategie überein: Präventivkriege seien erlaubt, wenn Frieden und Sicherheit durch „Schurken“ oder „Tyrannen“ bedroht werden. Für die US-Außenpolitik gilt der Iran seit Jahrzehnten als „Schurkenstaat“. Sollte die europäische Diplomatie scheitern, steht das US-Militär wieder bei Fuß. Weder Rumsfeld, Cheney, Wolfowitz oder Bush hätten dann Skrupel, die Präzisionsschläge aus der Luft zu befehlen.

George W. Bush hat sich diesmal entschieden, die diplomatische Karte auszureizen. Europa und die Welt verfolgen den neuen Machtkampf innerhalb der Bush-Regierung. Da George W. Bush weitaus mehr auf Condoleezza Rice als auf Colin Powell hört, könnte sich diesmal die diplomatische Denkschule durchsetzen. Vorausgesetzt ist, dass George W. Bush wirklich Diplomatie bevorzugt und nicht „Kreide gefressen hat.“ Ein Satz in der Brüsseler Rede ließ aufhorchen: „Für das iranische Regime ist nun die Zeit gekommen, auf das iranische Volk zu hören, seine Rechte zu respektieren und sich der Entwicklung in Richtung Freiheit anzuschließen, die in den umliegenden Ländern stattfindet.“ War dies ein Wink mit dem Zaunpfahl? Oder mit dem Marschflugkörper? Die Neokonservativen sind in Wartestellung. Noch ist die Iran-Krise nicht entschärft. Und das Bild vom diplomatisch engagierten US-Präsidenten noch zu schön um wahr zu sein.