IM LAND DER INNOVATIONEN ENTSTEHT EINE
DIGITALE BIBLIOTHEK
Friederich Mielke
Die Vereinigten Staaten stehen nicht nur militärisch,
politisch, wirtschaftlich, kulturell und diplomatisch im Zentrum
des Weltinteresses. Immer wieder kommen technische Innovationen
aus dem „Land der unbegrenzten Möglichkeiten“,
die sich global ausbreiten. Das Internet ist ein Beispiel.
Das „digitale Zeitalter“ begann in den Vereinigten
Staaten. Es hat inzwischen alle Formen der wirtschaftlichen,
politischen und privaten Kommunikation berührt. Die Digitalisierung
automatisiert die Fertigung, ermöglicht das genetische
Engineering von Feldfrüchten und Tieren und verändert
Finanzinstrumente und Geldflüsse. Das digitale Zeitalter
bringt eine Schlüsselinnovation – vergleichbar
mit der Erfindung der Dampfturbine und ihrer Fähigkeit,
Hitze in Energie zu verwandeln.
Die Konsequenzen des digitalen Zeitalters auf Menschen, Gesellschaft,
Kultur und Politik sind umstritten. Der US-Kolumnist Thomas
Friedman warnte einmal vor dem digitalen Zeitalter: „Man
ist jetzt in einen ständigen Fluss von Interaktionen
eingebunden, auf die man sich nur teilweise konzentrieren
kann. Jetzt is man immer ‚in’, und wer immer ‚in’
ist, der ist auch immer ‚on’. Und wer immer ‚on’
ist, wird leicht zum Diener des Computers. Und das erschöpft
den Geist.“ Junge Amerikaner verbringen inzwischen mehr
Zeit vor dem Fernseher und im Internet als andere Altersgruppen.
„Im digitalen Zeitalter schwindet das politische und
soziale Kapital Amerikas“, schreibt der US-Politologe
Charles Kupchan: „Auch die Politik leidet darunter.
Amerikaner verlieren das Interesse an öffentlichen Angelegenheiten,
weil sie mit anderen Dingen beschäftigt sind… Drei
von vier Amerikanern vertrauen inzwischen ihrer Regierung
nicht mehr.“
Nun kommt eine Nachricht aus Amerika, die das digitale Zeitalter
erneut ins Zentrum der Aufmerksamkeit rückt: Die Internet-Suchmaschine
„Google“ beginnt ein massives Digitalisierungsprogramm.
Die Bücher einiger amerikanischer Bibliotheken sollen
digitalisiert und ins Internet gestellt werden. Diese digitale
Bibliothek soll bis zu 30 Millionen Bücher enthalten,
die jederzeit per Mausclick abgerufen werden können.
Die Bibliotheken der Harvard University, Stanford University,
University of Michigan und die Stadtbibliothek von New York
sollen ins Internet gestellt werden. In England kommt die
Bibliothek der Oxford University hinzu. Der Verlegerverband
der Vereinigten Staaten hat keine Einwände, und die Präsidentin
der University of Michigan ist stolz auf das Projekt: „Heute
müssen sich die großen Staatsuniversitäten
diesem Projekt anschließen und die gedruckten Schätze
der Welt global zur Verfügung stellen.“ Die Bibliothek
der University of Michigan will ihren gesamten Bestand von
sieben Millionen Büchern ins Internet stellen; Harvard,
Stanford und die Stadtbibliothek von New York beteiligen sich
zunächst an einem Pilotprojekt. In Stanford werden die
ersten zwei Millionen Bücher digitalisiert, um dann den
gesamten Bestand von acht Millionen aufzunehmen.
Versuche, Bücher im Internet zur Verfügung zu stellen,
sind nicht neu. Der Umfang des Digitalisierungsprojektes ist
jedoch derart groß, dass ein neues Zeitalter für
das Internet und die Universitäten anbricht. Amerikanische
Universitäten haben gigantische Bestände –
nicht nur an den Privatuniversitäten wie Stanford oder
Harvard. Auch die großen Staatsuniversitäten von
Illinois, Michigan oder Indiana haben zwischen fünf und
sieben Millionen Bände. Werden diese Bücher weltweit
per Mausclick verfügbar, können Studenten, Forscher,
Wissenschaftler und die Öffentlichkeit bequem und schnell
jedes Buch sofort lesen. Eine revolutionäre Entwicklung.
Bisher müssen Bücher aus Bibliotheken ausgeliehen,
fotokopiert oder in den Bibliotheken gelesen werden. Über
die Fernleihe können Bücher aus anderen Bibliotheken
bestellt werden. Das kostet Zeit und Mühe.
Sechs Jahre werden gebraucht, um die 15 Millionen Bücher
per Scanner zu digitalisieren. Die Arbeit wird hauptsächlich
per Hand ausgeführt. Der Google-Projektleiter spricht
von „leichter Industriearbeit.“ Nun wird diskutiert,
ob Bücher überflüssig werden, ob die Zukunft
ausschließlich digital wird, ob Bibliotheken eines Tages
abgerissen werden müssen. Konsens zeigt sich bei der
Entwicklung der digitalen Zeitungen und der Print-Zeitungen:
Beide Medien haben eine Zukunft. Die Digitalisierung ist nicht
aufzuhalten, aber die gedruckte Zeitung verschwindet nicht.
Sie raschelt, ist sinnlich greifbar und kann in der Badewanne
gelesen werden. Ihre Auflage mag sinken, die Kosten werden
steigen, aber der Markt bleibt. Die Entwicklung des Buches
wird ähnlich prognostiziert. Insofern dürfte die
Digitalisierung der großen US-Bibliotheken den Buchmarkt
nicht bedrohen.
Die technischen Innovationen Amerikas sind ebenso umstritten
wie die außenpolitische Zielsetzung der Bush-Regierung.
Die amerikanische Militärtechnologie hat Präzisions-Lenkraketen,
Marschflugkörper, unbemannte Hubschrauber und Nachtsichtgeräte
entwickelt. Der militärische „Technologievorsprung“
gegenüber Europa wird auf 15 bis 20 Jahre geschätzt.
Der gewaltige US-Haushalt für Forschung und Entwicklung
treibt die Innovationen voran. Bei der Digitalisierung der
Universitätsbibliotheken zeigen sich die USA als Kulturnation.
Anwender aus aller Welt können die US-Bestände nutzen.
Die Digitalisierung der Bibliotheken bedroht niemanden. Wie
oft in der Geschichte liegen auch in den USA die konstruktiven
und destruktiven Phänomene der technischen Revolution
Wand an Wand.