| DIPLOMATISCHE OFFENSIVE VON BUSH-II:
DR. RICE IN EUROPA
Friederich Mielke
Seit der Europa- und Nahostreise von Außenministerin
Rice wird von einer „Charme“-Offensive der US-Außenpolitik
gesprochen. „Jetzt ist die Zeit für Diplomatie“,
sagte Rice vor dem auswärtigen Ausschuss des Senats am
18. Januar 2005. „Der Präsident und ich erwarten
große Dinge vom diplomatischen Corps der Vereinigten Staaten.“
Dr. Rice wird in Europa warm und hoffnungsfroh empfangen. Die
Presse lobt ihre Intelligenz, Expertise und Grazie. Bei seinem
Treffen mit Rice gab sich Bundeskanzler Schröder heiter
und charmant, und selbst linksliberale europäische Medien
scheinen der Bush-II-Regierung einen Bonus zu geben. Viele warten
ab, was Bush beim Europabesuch in wenigen Wochen sagt. Die Fundamentalkritik
an der Außenpolitik der Bush-Regierung scheint zunächst
zu verstummen. Der Satz von John Kerry, Bush habe die „arroganteste,
unfähigste, rücksichtsloseste und ideologischste Außenpolitik
der Moderne“, scheint zunächst vergessen. Oder nicht?
Tatsächlich enthält Bushs Regierungserklärung
vom 2. Februar keine unmittelbare militärische Drohung
an den Iran. Während Bush 2002 und 2003 fast ein Drittel
des Textes für die Kriegsandrohung gegen den Irak aufbrauchte,
wurde der Iran 2005 nur kurz erwähnt. Das lässt hoffen,
die Vernunft habe endlich in Washington gesiegt. Die Vision
einer Welt der „Hoffnung, des Wohlstands und des Friedens“
wird von den Europäern gern geteilt. Auch Freiheit, Demokratie
und Menschenrechte sind Werte, die in Europa geschätzt
werden. Streit besteht nur darüber, ob und wie diese Werte
global durchgesetzt werden – auf Einladung der Völker
und Staaten, oder mit militärischen Mitteln und gegen den
Willen der betroffenen Kulturen.
Außenministerin Rice hat dem US-Senat
die Ziele der Bush-II-Regierung erklärt: Zusammenarbeit
mit den europäischen Verbündeten und Partnern bei
der Bewältigung der Herausforderungen des 21.Jahrhunderts.
„Dies ist ein guter Zeitpunkt für Neuanfänge,
für die Suche nach Gemeinsamkeiten und den Blick nach vorne“,
sagte Rice. Ihr Botschafter in der Bundesrepublik Deutschland,
Daniel Coats, hat in einem Artikel am 24. Januar hinzugefügt:
„Die europäischen Freunde möchten, dass die
Amerikaner das Ausmaß der jüngsten Errungenschaften
Europas anerkennen – eine Verfassung, eine stabile gemeinsame
Währung, ein europäisches Parlament, einen Binnenmarkt
mit 450Millionen Bürgern und die erfolgreiche Eingliederung
der osteuropäischen Staaten. Die Amerikaner möchten,
dass die Europäer den amerikanischen Beitrag zu Sicherheit,
Wohlstand und Entwicklung anerkennen.“ Für Außenministerin
Rice ließe sich der transatlantische Konflikt lösen,
wenn Europäer und Amerikaner ihre Ziele koordinieren und
abstimmen. Die diplomatische Offensive der US-Außenministerin
lässt somit auf eine langfristige Überwindung der
transatlantischen Konflikte hoffen. Eins bleibt jedoch unerschütterlich:
Der Führungsanspruch der USA bei der Themensetzung, bei
militärischer und geostrategischer Autorität und der
Frage, ob die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts unilateral
(im Alleingang) oder multilateral (durch Zusammenarbeit) angenommen
werden.
Die sanften Töne aus Washington lassen
zumindest erkennen, dass ein Kurswechsel der US-Außenpolitik
von militantem Unilateralismus zu gemäßigtem Multilateralismus
denkbar ist. „Für den Sieg im Krieg gegen den Terror
müssen wir zusammenarbeiten wie nie zuvor“, sagte
Rice. Sie betont die Kooperation, wird aber erfahren, dass viele
europäische Politiker, Journalisten und Diplomaten einen
„Sieg“ in diesem „Krieg“ für illusionär
halten. „Die Vereinigten Staaten und Europa haben Umsatz-
und Investitionsbeziehungen in Höhe von 2,5 Billionen Dollar.
Es steht zu viel auf dem Spiel, als dass man den Kopf in den
Sand stecken dürfte“, beteuert US-Botschafter Coats.
Die gemäßigten Töne in wirtschaftspolitischen
Fragen werden in Europa gern gehört. Zurzeit scheint die
Frage der US-europäischen Wirtschaftsrivalität keine
ernsten diplomatischen Krisen auszulösen.
Auch andere Themen bieten sich für eine
europäisch-amerikanische Zusammenarbeit an – Reformen
im Nahen und Mittleren Osten, eine friedliche Beilegung des
arabisch-israelischen Konfliktes, Aufbau von Demokratie in Palästina,
enge Beziehungen zu Russland, Abschreckung gemeinsamer Bedrohungen
und Förderung von Wirtschaftswachstum in Japan, Südkorea
und Australien und offene, kooperative Beziehungen zu China.
„Wir müssen mehr tun, um hasserfüllte Propaganda
zu bekämpfen“, beteuerte Dr. Rice. Auch dieser Punkt
dürfte in Europa keinen Widerspruch auslösen. Die
„öffentliche Diplomatie“ der Amerikaner, eine
beschönigende Umschreibung für Propaganda, kann die
Europäer in Asien oder im Nahen Osten nicht bedrohen, so
lange sich die USA nicht militärisch aggressiv gegenüber
diesen Ländern verhalten.
„Es ist die richtige Zeit für Neuanfänge“,
beteuert US-Botschafter Daniel Coats. Amerika und Europa könnten
gemeinsam voranschreiten. Dies sei der beste Weg zu gewährleisten,
dass Frieden und Wohlstand gedeihen. Seine Außenministerin
meint, die USA seien von der Überzeugung geleitet, dass
keine Nation alleine eine sicherere und bessere Welt schaffen
könne. „Bündnisse und multilaterale Institutionen
können die Stärke freiheitsliebender Nationen vervielfältigen“,
zitiert Dr. Rice den US-Präsidenten. Die Zeit scheint endgültig
vorbei, in der die US-Regierung die NATO, die UNO und andere
internationale Organisationen „irrelevant“ nannten,
sollten sie sich nicht dem US-Willen beugen. Die außenpolitische
Kurswende von Bush-II scheint kein Wunschtraum mehr zu sein.
|