DROHT EIN NEUER KALTER KRIEG MIT RUSSLAND?
Friederich Mielke
Russland ist zum Problemfall geworden – für Deutschland,
die EU und die Vereinigten Staaten. Außenminister Steinmeier
eilt nach Moskau, US-Außenministerin Rice trifft Putin,
und ein EU-Russland-Gipfel Ende der Woche soll die jüngsten
Spannungen entschärfen. Seit Russland bei vielen Streitpunkten
auf Konfrontationskurs gegangen ist, wurde aus der „strategischen
Partnerschaft“ eine Dauerkrise.
Die Russland-Expertin Condoleezza Rice will einen neuen „Kalten
Krieg“ verhindern, aber sie kritisiert auch den außen-
und innenpolitischen Kurs Russlands: „Überall auf
der Welt macht man sich Sorgen darüber, welchen internationalen
Kurs Russland eingeschlagen hat“, beklagt die amerikanische
Außenministerin. In Berlin und Brüssel herrscht
eine ähnliche Krisenstimmung. Ein Patentrezept für
den Umgang mit Moskau hat niemand
Die Beteuerung, es gäbe keinen neuen „Kalten Krieg“,
klingt fragwürdig angesichts der vielen Streitpunkte,
die sich zwischen den USA, der EU und Russland aufgehäuft
haben. Putin hat den Westen auf der Münchener Sicherheitskonferenz
abgekanzelt, einen „Rüstungswettlauf“ wegen
10 defensiver Kurzstreckenraketen proklamiert, Polen und Tschechien
wegen des Raketenschildes gedroht, die Aufhebung des KSE-Abrüstungsvertrags
angekündigt, die Lieferung polnischen Fleisches blockiert,
Estland unter Druck gesetzt, mit der Verhinderung eines unabhängigen
Kosovo gedroht und demokratische Freiheitsrechte im eigenen
Lande ausgehebelt. Europa ist über Russlands Blockade
gegenüber einer Öffnung des Energiemarktes besorgt.
Der russische Nachbar ist unbequem und aufsässig geworden:
Drohung und Konfrontation haben den Geist von Kooperation
und Kompromiss verdrängt. Die USA beklagen mangelnde
Bereitschaft, den Iran bei der nuklearen Aufrüstung einzudämmen,
und in Europa fürchtet man eine russische Energiepolitik,
die Europa abhängig und verwundbar machen könnte.
Europa ringt um Ausgleich und Verständigung. Die Bundeskanzlerin
will „das Misstrauen beseitigen“, Außenminister
Steinmeier setzt auf den EU-Russland-Gipfel; doch angesichts
der Krise gerät das angestrebte Partnerschafts- und Kooperationsabkommen
mit Russland ins Hintertreffen. Die Bundesregierung wollte
während ihrer EU-Präsidentschaft die Verhandlungen
dazu beginnen. Die energieabhängigen Europäer wollten
auch ein Energiekapitel in den Pakt aufnehmen.
Die Amerikaner versuchen es mit einer härteren Gangart.
Der ehemalige US-Botschafter in Deutschland, Richard Holbrooke,
fordert die Russen auf, den UN-Plan für das Kosovo nicht
zu verhindern. Sollte Putin ein Veto gegen das unabhängige
Kosovo einlegen, werde es zu Gewalt im Kosovo kommen. „Dies
wird dann die Schuld der Russen sein. Und dies wird Russlands
Rolle in der Welt bloßlegen“, sagte Holbrooke
in Brüssel. Rice nannte die Befürchtungen der Russen
wegen des geplanten Raketenschildes „lächerlich“.
Sie kritisierte die „Machtfülle“ des russischen
Präsidenten und beanstandete russische Demokratiedefizite.
Derartige Zurechtweisungen aus Washington hört man in
Moskau ungern. Der Kreml wirft den Amerikanern vor, die Opposition
im Land finanziell zu unterstützten, mit Hilfe von Nicht-Regierungsorganisationen
die Lage in Russland zu destabilisieren und Russland strategisch
abzuschnüren und einzudämmen.
Beim Umgang mit den renitenten Russen wünschen sich
die Amerikaner einen euro-atlantischen Schulterschluss. Dieser
ist angesichts innereuropäischer Streitigkeiten nicht
greifbar. Die Krise um Russland muss somit unilateral, bilateral
und provisorisch entschärft werden. Sie ist nicht so
gefährlich wie der historische Kalte Krieg, aber sie
entblößt die Bruchlinien zwischen europäischen,
amerikanischen und russischen Interessen. Heute ist Russland
noch lange nicht in die westliche Allianz und Wertegemeinschaft
integriert. Die Beziehung zwischen den Machtblöcken USA,
EU und Russland werden weiterhin von Konkurrenz und Rivalität
charakterisiert. Die jüngste Krise mit Russland hat u.
a. auch die transatlantischen Meinungsverschiedenheiten und
Machtrivalitäten enthüllt. Um einen euro-atlantischen
Schulterschluss zu ermöglichen, müssen Politiker
und Diplomaten noch hart arbeiten.