US-KONGRESS WILL GELDFLUSS FÜR DEN IRAKKRIEG DROSSELN
Friederich Mielke
Die Renaissance der Demokratie in Amerika zeigt erste Früchte:
Die Abgeordneten der Demokratischen Partei wollen George W.
Bush die Bewilligung von Militärausgaben erschweren.
Wenn der neue Kongress im Januar 2007 zusammentritt, wollen
die Haushaltsausschüsse mit dem Weißen Haus abrechnen
und die Kriegskosten – anders als bisher - als Ausgabeposten
im Bundeshaushalt einbringen. Die Gesetzgeber wollen nicht
mehr zusehen, wie die Exekutive die Kriegskosten am Haushalt
vorbeisteuert. Jetzt soll abgerechnet werden, bevor bewilligt
wird.
Das Weiße Haus fordert die Bewilligung von zusätzlichen
120 Milliarden Dollar für den Krieg. Die Demokraten können
sich querlegen, doch sie zögern: Die totale Blockade
der Gelder würde sie unpatriotisch und unloyal erscheinen
lassen. Bisher war es dem Präsidenten gelungen, die Kriegskosten
als Notmittel aus dem Bundeshaushalt herauszuhalten. Der republikanische
Kongress hatte die Posten abgenickt. Seit den Zwischenwahlen
im November meldet sich Amerikas Opposition zurück: Die
Haushaltskontrolle ist ein mächtiges Mittel, die Irakpolitik
der Regierung zu beeinflussen. Die Opposition kann die Ausgaben
kürzen und mehr Aufklärung und Transparenz vom Weißen
Haus fordern. Die Demokraten wollen die Bewilligung der Kriegsgelder
vom Fortschritt des Kriegsverlaufes abhängig machen und
Untersuchungsausschüsse zur Prüfung von Korruption
und Verschwendung im Irak einsetzen.
Die Kriegskosten erschrecken Amerika zunehmend. Neben den
furchtbaren menschlichen Verlusten bereiten die finanziellen
Lasten immer mehr Sorgen: Bis heute haben die USA über
400 Milliarden Dollar für den Krieg ausgegeben. Der Irakkrieg
verschlingt heute etwa acht Milliarden Dollar im Monat. Der
ganze Krieg wird voraussichtlich zwei Billionen Dollar kosten.
Angesichts der katastrophalen Nachrichten aus dem Irak fragen
sich Politiker, Journalisten und kritische Bürger zunehmend,
ob diese Ausgaben gerechtfertigt sind.
Bisher war es der Bush-Regierung gelungen, die Kriegskosten
aus dem Bundeshaushalt herauszuhalten. Die Republikaner haben
dabei die These vertreten, ein Krieg sei ein Notstand, der
in keinem zivilen Haushalt ausgewiesen werden müsse.
Bush war es gelungen, diese Notgelder ohne Debatten im Senat
und Repräsentantenhaus bewilligt zu bekommen. Inzwischen
schreibt die Baker-Kommission vor, dass „die Kosten
des Irakkrieges in den Haushaltsvorlagen des Präsidenten
ausgewiesen werden sollten“. Die finanziellen Vorlagen
der Regierung sollten detailliert begründet werden. Der
neue Verteidigungsminister Robert Gates wurde bereits vom
Kongress aufgefordert, die Haushaltspolitik der Bush-Regierung
diesen neuen Gegebenheiten anzupassen.
Der republikanische Senator John McCain hatte im Sommer ein
Gesetz durch den Senat gebracht, das den Präsidenten
zur Veröffentlichung der geschätzten Kriegskosten
zwingt. Die Senatoren und Abgeordneten wollen nicht länger
zusehen, wie die Regierung ihre Forderungen nach mehr Geld
und Waffen ohne kritische Prüfung durch den Verteidigungsausschuss
bewilligt bekommt. „Wir sind im vierten Kriegsjahr,
und die Regierung finanziert den Krieg immer noch ohne legislative
Kontrollen und ohne Zwang zur Rechtfertigung“, sagt
Senator Kent Conrad. „Dieser Zustand muss beendet werden.“
Zugleich fürchten die Demokraten, dass die zusätzlichen
Ausgaben das Haushaltsdefizit dramatisch vergrößern
könnten.
Trotz der neuen Rolle der Demokraten werden sich die Oppositionspolitiker
zu keiner Blockade hinreißen lassen. Sie werden die
Geldbeträge kritisch hinterfragen und kürzen, eine
totale Ablehnung wäre unklug. Besonders kritisch sollen
Haushaltsforderungen des Verteidigungsministeriums geprüft
werden, die unter dem Schwammbegriff „Krieg gegen den
Terrorismus“ subsumiert werden. Das Pentagon versucht,
so viel Geld wie möglich bewilligt zu bekommen, ohne
darüber Rechenschaft abzulegen.
Trotz der Renaissance der Opposition sollte von den Demokraten
nicht zu viel Haushaltsstringenz erwartet werden. Der so genannte
militärisch-industrielle Komplex lässt zu, dass
Gesetzgeber Ausgabevorlagen bewilligen, wenn der eigene Wahlkreis
betroffen ist. Auch die demokratischen Abgeordneten und Senatoren
prüfen zuerst, ob Gelder für die Rüstungsindustrie
im eigenen Wahlkreis gekürzt werden sollen. Da viele
Waffensysteme in mehreren Staaten produziert oder zusammengebaut
werden, wollen einzelne Abgeordnete und Senatoren den Militärhaushalt
nicht kürzen, wenn die Rüstungsindustrie im eigenen
Heimatstaat betroffen ist. Auch demokratische Gesetzesgeber
vertreten die Industrie ihrer Heimatstaaten und werden keinen
Kürzungen zustimmen, die Arbeitsplätze und Wählerstimmen
kosten.