DIE DEMOKRATISIERUNG DES NAHEN OSTENS SCHEITERT

Friederich Mielke

Präsident Bush will die arabische Welt reformieren. Bisher hatten die US-Regierungen arabische Könige und Diktatoren unterstützt, jetzt soll eine „Strategie der Freiheit“ den Nahen Osten demokratisieren. Seit dem 11. September ist der arabische Autoritarismus der Feind der Stabilität in der Region. Politischer Liberalismus und Demokratisierung sollen den terroristischen „Sumpf“ trocken legen. Washington hofft, die Demokratisierung des Irak werde auch auf Jordanien, Syrien, Ägypten und Saudi-Arabien ausstrahlen. Das ist eine Illusion. Der Demokratisierungsprozess stockt im Irak und zeigt keine Fortschritte im Nahen Osten.

Die autoritären Regime fühlen sich von demokratischen Reformen bedroht. Syrien, Jordanien, Ägypten und Saudi-Arabien lehnen politische Reformen ab. Islamisten, das irakische Chaos und die Macht der Schiiten verhindern die Liberalisierung. Viele Regime wollen die Bush-Regierung „aussitzen“. In Ägypten wächst die Macht der Muslimbrüder. Die ägyptische Regierung verhindert die Bildung neuer Oppositionsparteien und verfolgt Richter, die die Ordnungsmäßigkeit der letzten Parlamentswahlen kontrollieren wollen. In Syrien wird die Opposition schikaniert, Katar verschiebt freie Wahlen, der Jemen verfolgt kritische Journalisten, und Saudi-Arabien bleibt eine totalitäre Monarchie. Der Demokratisierungsprozess stockt; die Strategie der Bush-Regierung ist festgefahren.

Die Glaubwürdigkeit der Vereinigten Staaten ist im Nahen Osten schwer angeschlagen. Die arabische Welt erinnert sich gut daran, dass die Verbreitung von Demokratie kein primärer Kriegsgrund war. Bush wollte die potentiellen irakischen Massenvernichtungswaffen beseitigen. Der Demokratisierungsgedanke wurde als Kriegsgrund nachgeschoben. Die meisten Araber kritisieren die bedingungslose US-Unterstützung für Israel. „Öl“ und „Israel“ seien die Hauptgründe für die US-Präsenz am Golf – nicht Demokratie und Freiheit. Der Antiamerikanismus wächst. Die Folterfotos von Abu Ghraib haben den antiamerikanischen Hass geschürt. Die schönen Worte von Demokratie und Freiheit klingen hohl. Demokratie sei Zukunftsmusik, sagen die meisten Analysten. Zunächst ginge es um Stabilität, Frieden und wirtschaftliche Entwicklung.

Denn die Wirtschaft ist wichtiger als Ideologie und Demokratie. Die Armut nährt den Terrorismus. Im Irak ist bisher keine Amerikabegeisterung entstanden, weil das irakische Volk keine Arbeit, Grundversorgung und Sicherheit hat. Arbeitslose lassen sich leicht von Ideologen verführen. Die USA haben armen Ländern Wirtschaftshilfe versprochen, wenn sie 16 Grundkriterien erfüllen – von Rechtsstaatlichkeit, Bildung und Gesundheitswesen bis zur wirtschaftlichen Transparenz. Wirtschaftshilfe bietet den autoritären Ländern einen Anreiz, demokratische Reformen zuzulassen. So könnten die USA Ägypten zusätzliche Wirtschaftshilfe versprechen, sollte das Land innere Reformen durchführen. Diese Situation ist mit dem EU-Beitritt der Türkei vergleichbar: Als sich die EU-Beitrittschancen der Türkei konkretisierten, war das Land zu inneren Reformen bereit. Wirtschaftliche Anreize beschleunigen politische Reformen.

Die USA können die wirtschaftliche Karte auch auf dem diplomatischen Parkett spielen. Ein Demokratisierungsprozess könnte mit der Mitgliedschaft in der Welthandelsorganisation (WTO) belohnt werden, arabische Länder könnten in die Partnerschaft für den Frieden der NATO aufgenommen werden, die EU und einzelne europäische Länder könnten zusätzliche Entwicklungshilfe gewähren. Eine lukrative Wirtschaftspolitik würde den Nahen Osten eher stabilisieren als Invasionen, Okkupationen und Regimewechsel.

Die Bush-Regierung zeigt auf die irakischen freien Wahlen als erfolgreiches Beispiel ihrer Demokratisierungspolitik. Der Irak sei erst der Anfang eines langfristigen Erfolges. Syrien, Jordanien, Saudi-Arabien und Ägypten werden folgen. Doch der Preis für den irakischen „Erfolg“ war enorm. Hätte man die vielen Milliarden Dollar in Entwicklungshilfe, wirtschaftlichen Aufbau und Armutsbekämpfung gesteckt, wäre es ruhiger und sicherer im Irak und im Nahen Osten. Der Schlüssel zu Freiheit, Demokratie und Wohlstand liegt in der Wirtschaft. Amerika und Europa müssen die Armut im Nahen Osten gemeinsam bekämpfen und versuchen, durch wirtschaftliche Anreize die politische Landschaft zu verändern. Es ist nicht zu spät, das Scheitern der US-Strategie zu erkennen und einen neuen Kurs einzuschlagen.