DROHT PRÄSIDENT BUSH EIN AMTSENTHEBUNGSVERFAHREN?

Friederich Mielke

Die Meineid-Anklage gegen Präsidentenberater Libby stürzt die Bush-Regierung in eine innenpolitische Krise. Sie könnte den Sturz von Präsident Bush einleiten: Sollte sich im Prozess gegen Libby herausstellen, dass Bush über die wahren Gründe für den Irakkrieg gelogen hat, könnte ein Amtsenthebungsverfahren gegen den Präsidenten („Impeachment“) im Kongress angestrengt werden. Dann würde George W. Bush seine zweite Amtszeit nicht vollenden.

Laut Meinungsumfrage befürworten 50 Prozent der Amerikaner eine Amtsenthebung, falls der Präsident den Kongress und das Volk belogen hat. Ende Juni hatten dies nur 42 Prozent gefordert. Inzwischen glauben 52 Prozent, dass die Bush-Regierung „die Öffentlichkeit vor dem Krieg bewusst falsch informiert hat“. Kein Demokratischer Abgeordneter hat bisher eine Amtsenthebung gefordert. Die US-Medien haben das Impeachment kaum thematisiert. Eine Privatinitiative hat jedoch inzwischen 100.000 Unterschriften für eine Amtsenthebung gesammelt. Im Internet wimmelt es von Websites, die einen Bush-Rauswurf fordern.

Präsident und Vizepräsident stünden nicht über dem Gesetz, sagt Ex-Präsidentschaftskandidat Ralph Nader. Bush habe Amerika mit manipulierten Informationen über Massenvernichtungswaffen in die Irre geführt. Der Jurist John Dean behauptet, die unwahre Angabe von Kriegsgründen rechtfertige eine Amtsenthebung des Präsidenten. Dean hatte US-Präsident Nixon im Watergate-Skandal beraten.

„Erklärungen eines Präsidenten über die nationale Sicherheit werden an einer hohen Messlatte gemessen“, schreibt Dean. „Ein Präsident kann Tatsachen nicht dehnen, verbiegen und entstellen und straflos davonkommen.“ Die Unwahrheit über Vietnam habe Präsident Johnson gezwungen, auf die Wiederwahl zu verzichten. Nixon musste wegen falscher Erklärungen zu Watergate zurücktreten. „Wenn die Bush-Regierung Geheimdienstberichte manipuliert hat, um den Kongresses für einen Krieg zu gewinnen, so wäre dies eine monströse Untat.“

Die amerikanische Verfassung erlaubt ein Amtsenthebungsverfahren, wenn der Präsident „Verbrechen und Vergehen“ begangen hat. Alexander Hamilton, ein Gründungsvater der amerikanischen Verfassung, forderte die Amtsenthebung bei „Missbrauch oder Verletzung des öffentlichen Vertrauens.“ John Dean hält es für ein Verbrechen, amerikanische Bürger aufgrund falscher Voraussetzungen in den Tod zu schicken. „Mit jedem Tod eines US-Soldaten im Irak wächst die Berechtigung, George W. Bush abzusetzen.“

Die regierungskritische Zeitschrift „The Nation“ schreibt, Bagdad sei das „blaue Kleid“ des Präsidenten - eine Anspielung an die Lewinsky-Affäre von 1998. Die Lüge über ein Sex-Abenteuer sei weitaus harmloser als eine Lüge über die Kriegsgründe. George W. Bush habe den Kongress, die Medien und das Volk belogen, ohne dafür bestraft zu werden. Dies sei „der größte Skandal in der amerikanischen Geschichte.“ Die Bush-Regierung habe Amerika mit dem Szenario in Angst und Schrecken versetzt, Saddam Hussein habe den Abwurf einer Atombombe auf New York geplant. Dies hat sich als unwahr erwiesen.

Da die Republikaner die Mehrheiten im Kongress besitzen, scheint ein Impeachement-Verfahren aussichtslos. Der Senat müsste mit Zweidrittelmehrheit – einschließlich 15 Republikanische Senatoren - für die Amtsenthebung stimmen. Heute bleibt dies unwahrscheinlich. Zukünftigen Enthüllungen könnten jedoch manche Senatoren veranlassen, ihren politischen Ruf zu retten und Bush zu stürzen. Laut jüngsten Meinungsumfragen fordert das Volk das Impeachment. Der Kongress gerät in Zugzwang.

Beim Prozess gegen Vizepräsident Cheneys Stabschef Libby müssen Bushs Stabschef Karl Rove, Dick Cheney und andere Bush-Beamte aussagen. Je mehr dabei enthüllt wird, desto wahrscheinlicher wird ein Impeachment gegen George W. Bush. Dann würde Bush die zweite Amtszeit nicht vollenden. Wahrscheinlich würde er dann – wie Richard Nixon – vor der Verurteilung durch den US-Senat zurücktreten. So oder so – George W. Bush’s Präsidentschaft ist schwer angeschlagen.