BOB DYLAN IN HAMBURG: KUSCHELROCK VOM FEINSTEN

Friederich Mielke

Bob Dylan ist da. Die alte Rock-Ikone riss gestern das Hamburger Publikum vom Stuhl. „Maggie’s Farm“, „Highway 61 Revisited“ und „Lay, Lady, Lay“ brachten einen Hauch der 60er Jahre ins Hamburger Kongresszentrum. Doch der heutige Dylan ist keine Reinkarnation des Protestsängers und Rockstars von damals. Seine Songs sind bis zur Unkenntlichkeit verfremdet. Selbst Dylan-Fans haben Mühe, die altbekannten Lieblingsstücke wieder zu erkennen.

Der heutige Dylan ist ruhiger geworden – älter, weicher, friedlicher. Fast zärtlich spielt er Mundharmonika und streichelt das Keyboard. Der Griff zur Gitarre fehlt, wilde Rhythmen und harte Kontrapunkte entstehen selten. Dylan und Band spielen lyrisch-weiche Musik – Soft Rock, Kuschelrock mit Anlehnungen aus Western und Country. Heult das Banjo und klagt die Gitarre, fühlt man sich nach Nashville versetzt. Der gleichmäßige Rhythmus schläfert ein. Doch das Publikum bleibt verzückt: Dylans rauchige Knarre-Stimme begeistert immer noch – auch wenn der Text fast unerträglich verzerrt wird.

Dylans Kuschelrock-Nummern sind gewöhnungsbedürftig. Er singt die Endsilbe fast jeder Textzeile mit Kopfstimme eine Oktave höher. Diese Macke wird bei jedem Song wiederholt. Beliebte Stücke wie „Memphis Blues“ oder „You Ain’t Goin Nowhere“ wirken dadurch fast unerträglich verfremdet. Wer den heutigen Dylan erlebt, darf keine Live-Aufführung seiner bekanntesten Hits erwarten. Die Musik, die Dylan und Band entstehen lassen, erinnert nur marginal an seine Mega-Hits. Enttäuscht wird jeder, der alte Protestlieder, Hard Rock oder pseudoreligiöse Esoterik erwartet. Ein heutiges Dylan-Konzert erfordert völlige Unvoreingenommenheit.

Hat sich der Zuhörer an Dylans neuen Stil gewöhnt, wird er vom Zauber der lebenden Rock-Legende betört. Dylan erscheint mit Cowboyhut und langem Gehrock. Am Keyboard biegt sich sein zarter Körper nach vorn, die dünnen Beine werden angewinkelt, er beugt die Knie. Seine Band wirkt schlicht; die gräuliche Uniform der Gitarristen erscheint gewollt anspruchslos. Äußerer Glanz stört: Dylan und Band sind die Priester ihrer Musik. Der alte Barde aus Minnesota ist echt; er braucht keine feurigen Uniformen. Bob Dylan ist kein Michael Jackson oder Elton John.

Das Kuschelkonzert endete mit einer lauten und fetzigen Rocknummer. Das Publikum pfiff und klatschte begeistert. Dylan und Band zeigten dem meist ergrauten Publikum, dass noch Feuer in ihren Gitarren steckte. Nach langem Applaus schenkten Meister und Band eine Zugabe, stellten sich kurz vor ihr Publikum und verschwanden im Dunkeln. Die fünfte oder zehnte Metamorphose des Robert Zimmermann aus Minnesota war komplett. Und wieder hatte er sein Publikum fasziniert, überrascht und verzaubert. Dylan und Band spielen noch in Berlin, Hannover, Oberhausen, Erfurt und Hessen. Eine dankbare Fan-Gemeinde erwartet ihn.