EUROPA ERWARTET AUßENPOLITISCHE WENDE DER BUSH-II-POLITIK

Friederich Mielke

US-Präsident George W. Bush trägt am Mittwoch seinen Bericht zur Lage der Nation vor. Nach der „Freiheits-Rede“ vom 20. Januar will die Welt wissen, ob eine außenpolitische Wende bevorsteht - von militanten Alleingängen zu konzilianter Diplomatie – im Irak, im Iran, in Palästina, in Nordkorea, im „Krieg“ gegen den Terror und in den schwer geschädigten transatlantischen Beziehungen. Die Charme-Offensive von Außenministerin Rice lässt auf einen Kurswechsel hoffen. Am Freitag besucht sie Berlin. Sie hat versprochen, die europäische Diplomatie ernst zu nehmen und einen US-europäischen Konsens anzustreben. Jacques Chirac und Gerhard Schröder kommen ihr entgegen: Beide haben die Wahlen im Irak gelobt. Wird es Tauwetter über dem Atlantik geben?

In Europa erwartet man gespannt den Bericht zur Lage der Nation 2005. Im Januar 2002 war die „Achse des Bösen“ entstanden, die bis heute die Welt verunsichert. Europäische Diplomaten beobachten besorgt, dass der Iran heute wieder auf der Agenda der Bush-II-Regierung steht. Wollen die Amerikaner die anderen „Bösen“ angreifen und zwanghaft demokratisieren? „Iran strebt aggressiv nach Massenvernichtungswaffen und exportiert den Terror, während ein nicht gewähltes Regime die Hoffnung des iranischen Volkes auf Freiheit unterdrückt“. So Bush in seiner Regierungserklärung 2002. Ein Jahr später kündigte er den Irakkrieg an: „Heute besteht die größte Gefahr für Amerika und die Welt in gesetzlosen Regierungen, die Massenvernichtungswaffen anstreben und besitzen… Amerikas Pflicht ist es, die schrecklichen Bedrohungen der zivilisierten Welt zu beenden. Doch der Kurs dieser Nation hängt nicht von den Entscheidungen anderer ab. Sind Handlungen erforderlich, werde ich die Freiheit und Sicherheit des amerikanischen Volkes verteidigen…“

In der Regierungserklärung vom Januar 2003 rechtfertigte Bush den bevorstehenden Angriffskrieg gegen den Irak im Frühjahr 2003. Saddam Hussein, so Bush, sei bis an die Zähne bewaffnet und würde den Nahen Osten und die USA bedrohen: „Wenn uns der Krieg aufgezwungen wird, werden wir für eine gerechte Sache und mit gerechten Mitteln kämpfen. Und wir werden mit der vollen Macht und Kraft des Militärs der Vereinigten Staaten kämpfen.“

Im Januar 2003 stand fest, dass die Bush-Regierung den Irak „präventiv“ angreifen würde. Im Januar 2005 verdichten sich Hinweise, dass ein Militärschlag gegen die iranischen Nuklearpotentiale bevorsteht. Jedes Wort, das Bush am 2. Februar hierzu spricht, wird auf die Waagschale gelegt. Besonders wichtig: Will Bush seine Anti-Terror-Strategie mit den europäischen Verbündeten koordinieren? Denn Europa setzt auf Diplomatie, auf Sanktionen und Eindämmung, um das Gefahrenpotential des Iran zu entschärfen. Sollte Bush einen konzilianten Ton anstimmen, bestünde die Hoffnung auf eine außenpolitische Wende der Bush-II-Regierung. Condoleezza Rice hätte ihren Chef zum Umdenken bewegt. Der militante Unilateralismus könnte in einen gemäßigten Multilateralismus übergehen. Dies setzt voraus, dass Außenministerin Rice die Kurswende tatsächlich will.

Vor zehn Jahren sagte Bill Clinton: „Wir leben in Frieden und sind eine Kraft für Frieden und Freiheit in der ganzen Welt“. Sein Bericht zur Lage der Nation vom Januar 1995 enthielt positive Nachrichten über die wirtschaftliche, außen- und sicherheitspolitische Entwicklung der USA. Für Clinton war die nationale Sicherheit Amerikas „abhängig von unserer Führungsrolle in der Welt beim Streben nach Frieden, Freiheit und Demokratie.“ Clinton war ein vorsichtiger Außenpolitiker. Seine humanitären Interventionen geschahen meistens nach Absprache mit den Alliierten und mit wenigen Bodentruppen. Die Ära Clinton erscheint im Nachhinein als ein sicherheitspolitisches goldenes Zeitalter – trotz Somalia, Haiti, Sarajewo und dem Kosovo. Seine Agenda glich den heutigen Themen: eine neue europäische Sicherheitsordnung, Frieden im Nahen Osten, Bekämpfung der Weiterverbreitung von Massenvernichtungswaffen sowie Kampf gegen das internationale Verbrechen, Drogenhandel und Terrorismus.

Dann kam der 11. September. Bush-Doktrin, Präventivkriegsdoktrin und die militante „pax americana“ entfesselten das US-Militär. Die Politik von humanitären Interventionen und Verhandlungsdiplomatie wurde aufgegeben. Die Irak-Invasion beschädigte die transatlantische Gemeinschaft; und fassungslos sahen Europa und die Welt zu, wie hektisch und übereilt die USA den Irak besetzten. Der Wunsch, John Kerry möge die Präsidentschaftswahlen gewinnen, entsprang der Hoffnung auf Rückkehr zu Vernunft, Diplomatie und Mäßigung.

Die Bush-II-Regierung verspricht mehr Diplomatie und Rücksichtnahme auf transatlantische Bedürfnisse. George W. Bush kommt in drei Wochen nach Brüssel und Deutschland. Seine Regierungserklärung vom 2. Februar wird daran gemessen, ob die außenpolitische Wende ernsthaft gewollt ist – oder ob sie ein Versuch ist, die Europäer auf den militanten Kurs der US-Scharfmacher einzuschwören. Bush spricht vor beiden Häusern des Kongresses. Das amerikanische Volk will wissen, ob sein harter Kurs erfolgreich ist. Und ob es dem Präsidenten gelingt, europäische und internationale Unterstützung zu gewinnen. Zu Beginn der Bush-II-Regierung sind noch alle Optionen offen. Vorausgesetzt ist jedoch, dass der US-Präsident ein Umdenken erkennen lässt. Sollte dies geschehen, könnte ein transatlantisches Tauwetter einsetzen, und alte Wunden könnten heilen. Sollte eine Kursänderung ausbleiben, wäre die Verhärtung der Fronten unvermeidlich. Der US-europäische Bruch in der Außen- und Sicherheitspolitik wäre dann fast unheilbar.