AMERIKA BESORGT ÜBER SCHEITERN DER EUROPAVERFASSUNG

Friederich Mielke


Das Scheitern der Europaverfassung beunruhigt Washington. „Wir begrüßen ein starkes, integriertes Europa als nützlichen Partner für gemeinsame Aufgaben“, sagte das US-Außenministerium nach dem französischen Votum. „Wir werden unsere Partnerschaft mit der EU unabhängig davon ausbauen, wie sich die EU entwickelt.“ Offiziell bleibt die US-Regierung gelassen, doch unterschwellig ist Washington vom französischen Nein enttäuscht. Ein starkes Europa ist im nationalen Interesse der Vereinigten Staaten. Diese Bewertung der US-europäischen Beziehungen ist in Washington Konsens.

Das „neokonservative“ Lager hingegen freut sich über das französische „non“ und versucht, Europa zu spalten und zu schwächen. Dies könne eine europäische Aufweichung der US-Vorherrschaft verhindern. Washingtons Griff nach der Hegemonie führt in eine unipolare Welt. Doch seit der Europa-Initiative der Bush-Regierung im Februar 2005 steht fest, dass die USA nicht ohne Europa regieren wollen. Amerika wünscht sich einen starken Partner, und dafür gibt es gute Gründe:

Die USA brauchen Europa im Kampf gegen Terrorismus und radikalen Islam. Sie wollen die Weiterverbreitung von Massenvernichtungswaffen verhindern und für Stabilität, Sicherheit und Freiheit im Nahen Osten sorgen. Ein starkes und selbstbewusstes Europa soll sie dabei unterstützen. Der Iran kann nur einlenken, wenn Europa entschlossen mit einer Stimme spricht. Doch das Scheitern der EU-Verfassung schwächt Europa. Und ein schwaches Europa hindert die USA daran, ihre strategischen Ziele im Konsens mit Europa durchzusetzen.

Die europäische Integration ist im nationalen Interesse der USA. Selbst störrische „Atlantiker“ befürworten inzwischen die EU-Integration. Der strategische Inhalt der US-europäischen Beziehung bleibt dabei offen. „Atlantiker“ ringen mit „Neo-Gaullisten“ um eine partnerschaftliche oder konfrontative Beziehung. Für die Vereinigten Staaten hat Europa militärisch, diplomatisch und strategisch an Bedeutung verloren. Dennoch weiß man in Washington, dass die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts besser mit als gegen Europa bewältigt werden.

Die Bush-I-Regierung verhielt sich unilateral und arrogant. Der Irak-Krieg schuf eine „Koalition der Willigen“ und spaltete Europa in Euro-Gaullisten und Euro-Atlantiker. Bush-II hat diese Spaltungspolitik aufgegeben. Im Februar plädierte Bush leidenschaftlich für die Erneuerung des transatlantischen Bündnisses: „Unsere starke Freundschaft ist unerlässlich für weltweiten Frieden und Wohlstand – und keine Macht der Erde wird uns jemals auseinander bringen. Denn wenn Europa und die Vereinigten Staaten Seite an Seite stehen, können wir alle Probleme überwinden. Da vergangene Meinungsverschiedenheiten verblassen und große Aufgaben deutlich werden, sollten wir eine neue Ära in der transatlantischen Einheit beginnen.“

Europäische Stärke kann auch die sicherheitspolitischen Interessen der USA untermauern. Humanitäre Hilfe, Demokratisierung und geheimdienstliche Kooperation lassen sich mit einem starken Europa verwirklichen. Die europäische Sicherheits- und Verteidigungspolitik kann die NATO entlasten. ESVP und NATO müssen keine Rivalen sein – im Gegenteil: Bei guter Koordination und Kommunikation lassen sich militärische Einzelaktionen mit oder ohne US-Unterstützung planen und durchführen. Die USA können eine strategische Partnerschaft mit der EU gebrauchen. Erforderlich sind Koordination und Abstimmung gemeinsamer Interessen. Die Krise der EU schwächt jedoch den Versuch, die euro-atlantische Partnerschaft zu konsolidieren. Als Top-Demokratien der Welt können EU und USA diplomatisch, militärisch und politisch zusammenarbeiten. Eine starke EU ermöglicht dem US-europäischen Block, die potentiellen Rivalen China, Indien oder Russland einzudämmen. Eine Krise der EU beschädigt diese Strategie.

Schließlich erwartet Washington die Aufnahme von Beitrittsverhandlungen mit der Türkei. Doch die EU-Krise stellt die Türkei-Mitgliedschaft erneut in Frage gestellt. Der amerikanische Druck in der Türkei-Frage wird nicht nachlassen. Ohne Verfassung fühlt sich Europa jedoch für die Aufnahme neuer Mitglieder nicht stark genug.

Das französische „Nein“ wird in Washington ohne Schadenfreude hingenommen. Vorbei sind die Zeiten, als Jacques Chirac vom Nachrichtensender „Fox News“ zum „Staatsfeind Nummer zwei“ erklärt wurde. Die Neokonservativen freuen sich, weil die Schwächung Europas die USA stärken könnte. Doch diese Vermutung ist gefährlich: Washington braucht Europa – im Kampf gegen den Terror, gegen Massenvernichtungswaffen, internationale Kriminalität, Seuchen und despotische Regime. Die „Charme-Offensive“ von Bush und Rice sollte Europa ins amerikanische Lager holen. Es geht um das Waffenembargo für China, um Nordkorea, Irak, Iran und den Nahen Osten. Ohne eine gemeinsame europäische Außenpolitik könnten die Scharfmacher – die Unilateralisten – wieder das Wort haben. Amerikanische Alleingänge lassen sich besonders leicht rechtfertigen, wenn Europa zerstritten, schwach oder mutlos ist.

US-Außenministerin Rice hat im Februar die europäische Integration begrüßt: „Es gibt keinen Konflikt zwischen einer europäischen Identität und einer transatlantischen Identität“, sagte Dr. Rice in Paris. Sie widersprach damit Verteidigungsminister Rumsfeld, der ein starkes Europa ablehnt. Doch zurzeit hat Rumsfeld in Washington wenig Einfluss. Die Bush-II-Regierung geht auf Europa zu. Ihr pro-europäischer Kurswechsel stößt zunehmend auf einen pro-amerikanischen Richtungswechsel in Europa. Dies ist eine große Chance, die schwere transatlantische Krise zu überwinden und neu auf einander zuzugehen. Trotz europäischer Verfassungskrise und transatlantischer Skepsis.