EDWARDS GEGEN CHENEY: DER RHETORIKER BEGEGNET DEM ZYNIKER
Friederich Mielke
Sie könnten kaum unterschiedlicher sein: Vize-Präsidentschaftskandidat
John Edwards und US-Vizepräsident Dick Cheney. Edwards
glänzt als Rhetoriker, als leidenschaftlicher Wahlkämpfer
und dynamischer Anwalt, Cheney gilt als bürokratischer
Zyniker, als „Mann fürs Grobe“ und düsterer
Machtmensch. Wenn sich Edwards und Cheney in Ohio zur Fernsehdebatte
Mittwochnacht begegnen, prallen zwei Welten aufeinander: Der
erfolgreiche und volkstümliche Anwalt fordert den ebenso
beliebten Vizepräsidenten heraus. Denn Dick Cheney ist
Kult: Die Republikaner lieben ihren grobschlächtigen
und bissigen Vizepräsidenten. Er gilt als mächtigster
Mann der Republikanischen Partei und mächtigster Vizepräsident
in der Geschichte der USA.
Doch Edwards hat Vorteile: Charismatische Ausstrahlung, gutes
Aussehen und emotionaler Debattenstil machten ihn zum zweit
beliebtesten Kandidaten der Demokraten – knapp hinter
Kerry. Viele Beobachter hielten Edwards für den besseren
Präsidentschaftskandidaten. Jetzt kann Edwards Kerrys
Erfolg festigen: Er kann den momentanen Rückenwind nutzen
und die Republikaner zunehmend in die Defensive drängen.
Denn Kerry hat aufgeholt. Es ist wieder ein offenes Rennen.
Während Edwards höflich und knetbar argumentiert,
steht Cheney bullig und fest im Raum und wiederholt beharrlich
seine Wahlkampfthesen. „Mr. Nasty“, wie die „Village
Voice“ Cheney nennt, hat im Wahlkampf geklotzt. Auf
dem Nominierungskonvent der Republikaner hat er Kerry persönlich
diffamiert. Eine Stimme für Kerry sei eine Stimme für
Osama bin Laden, ging kurzfristig durch die Medien –
von Cheney gestreut, dann dementiert. Und der Cheney-Mannschaft
ist es gelungen, Kerry als unaufrichtigen Kandidaten darzustellen.
Kerrys Vietnam-Legende würde hinten und vorn nicht stimmen.
Wertvolle Zeit und Prozentpunkte wurden im August verloren,
als die Demokraten diese Schmierenkampagne abwehren mussten.
Wichtigster Angriffspunkt für Edwards: Cheneys Verfilzung
mit dem Halliburton-Konzern. Cheney ist in der Defensive,
weil er als Vizepräsident angeblich Geld von Halliburton
angenommen hat, als der Erdöllieferantenfirma Aufträge
im Werte von sieben Milliarden Dollar zugeschanzt wurden.
Halliburton erhielt die Aufträge ohne öffentliche
Ausschreibung. Kein Verbrechen, meinen die Republikaner, viele
Firmen erhalten Aufträge von der US-Regierung. Aber nicht,
wenn der Auftraggeber der ehemalige Vorstandsvorsitzende dieser
Firma ist, kontern die Demokraten. Es riecht nach Korruption
und Filz; und Cheney steckt tief in dieser Affäre.
Vor dem Irakkrieg stand Halliburton auf Platz 19 der Liste
mit Firmen, die der US-Armee beauftragt werden. Jetzt rangiert
das Unternehmen auf Platz 1. Allein im Jahre 2003 wurden 4,2
Milliarden Dollar Steuergelder an Halliburton überwiesen.
Cheney hat seit Antritt des Vizepräsidentenamtes jährlich
160.000 bis 205.000 Dollar in Aktienoptionen erhalten. Als
Verteidigungsminister unter Bush-Vater hat Cheney die Privatisierung
von logistischen Unterstützungsprogrammen des US-Militärs
vorangetrieben. Dabei wurden mehrere Milliarden Dollar an
Halliburton geleitet. Als Vorstandsvorsitzender von Halliburton
hat Cheney dann 44 Millionen Dollar in fünf Jahren bezogen.
Er besteht darauf, dass „die Regierung absolut nichts
damit zu tun hatte.“ Die Affäre bleibt bis heute
unaufgeklärt. Bedenkt man, dass es sich hier um Millionen
und Milliardenbeträge handelt, erscheint die „Whitewater
Affäre“ der Clintons um 35.000 Dollar als Bagatelle.
Edwards kann auch die innen- und wirtschaftspolitischen Schwachstellen
der Bush-Regierung angreifen – die vernichteten Arbeitsplätze,
das gigantische Haushaltsdefizit oder die steigenden Lebenserhaltungskosten.
College-Gebühren, Krankenversicherungsprämien und
Benzinpreise steigen, der Umweltschutz liegt danieder, der
Präsident vernachlässigt den Heimatschutz und zieht
es vor, die Steuern für die Reichen zu senken anstatt
Steuergelder für den Schutz Amerikas auszugeben. Edwards
kann die zentrale Kritik der Demokraten wiederholen: Bush
hätte der Mittelschicht geschadet, die Reichen durch
Steuergeschenke beschenkt und die Arbeitsmarktpolitik vernachlässigt.
Die Botschaft der Kerry-Kampagne ist klar: Bush hat die Amerikaner
wirtschaftlich nicht besser gestellt. Es ist Zeit für
den Wechsel.
Ungewiss bleibt, ob Edwards seine Emotionalität im Rahmen
der Fernsehdebatte kontrollieren kann. Er gilt als brillanter
Rhetoriker auf dem Marktplatz. Eine Fernsehdebatte hat jedoch
andere Gesetze. Wenn Edwards seine Emotionalität eingrenzt,
sachlich argumentiert und Cheney an den verwundbarsten Stellen
angreift, kann er punkten. Gelingt ihm dies nicht, kann die
TV-Debatte in Cleveland zur Zitterpartie für alle werden,
die einen Sieg der Kerry-Kampagne wünschen.
Denn Cheney hat auch eine Batterie von Angriffspunkten auf
Lager: Kerrys angebliche Wankelmütigkeit, die Standfestigkeit
seines Präsidenten, die verheerende Wirkung des 11. September
auf die Sicherheit der USA, die konsequente Unterstützung
der kämpfenden Truppe im Irak. Und Cheney ist ein guter
Redner: Er wackelt und schnieft nicht, argumentiert sachlich
und kann die Bush-Botschaft kühl und klar einhämmern:
Amerika wurde bedroht, Saddam Hussein war gefährlich,
die Welt hat einen Diktator weniger, der 11. September erfordert
einen präventiven Umgang mit Schurken und Terroristen.
Die Fernsehdebatte der Vizepräsidentschaftskandidaten
ist dramatisch. Wenn der charismatische Rhetoriker auf den
kalten Zyniker trifft, wird der Wähler verunsichert.
Wem soll er glauben? Auf der Zielgerade des US-Wahlkampfes
2004 ist das Rennen so spannend wie selten.