REPUBLIKANISCHER KURSWECHSEL IN WASHINGTON: DAS ENDE DER BUSH-ÄRA

Friederich Mielke

Amerikas Republikaner sind alarmiert: Die Misserfolge der Bush-Regierung bedrohen ihre Wiederwahl im November. Die Kongresswahlen 2006 könnten die Republikanischen Mehrheiten in Senat und Repräsentantenhaus kippen. Immer mehr Republikaner rücken von der Bush-Regierung ab. Die zweite Bush-Präsidentschaft gilt inzwischen als gescheitert. Das Ende der Bush-Ära erfordert einen neuen innen- und außenpolitischen Kurs.

Bush wird immer unbeliebter. Seine Innenpolitik hat versagt, und seine Außenpolitik gleicht einem Scherbenhaufen. Bush-Vater wurde 1992 nicht wiedergewählt, weil er die Innen- und Wirtschaftspolitik vernachlässigt hatte. Bush-Sohn macht den gleichen Fehler: Die gewaltigen Ausgaben für den Irakkrieg haben Amerika nicht sicherer gemacht. Sein wichtigstes Thema – die Sicherheitspolitik – geht im irakischen Bürgerkrieg zugrunde. Der amerikanische Wähler ist enttäuscht: Nur 38 Prozent halten die Bush-Regierung noch für wählbar. Die Kongresswahlen 2006 könnten den Demokraten die Mehrheit zurückbringen.

Die Demokraten sind innenpolitisch glaubwürdiger. Die Wähler trauen den Demokraten eher zu, New Orleans aufzubauen, den Haushalt auszugleichen, die Korruption zu bekämpfen, die Bürgerrechte zu schützen und den Irakkrieg zu beenden. Nur die Terrorbekämpfung wird noch den Republikanern anvertraut. Das Image des „Kriegspräsidenten“ im Kampf gegen Terroristen bleibt unversehrt. Über 50 Prozent der Wähler wünschen sich jedoch einen Demokratischen Kongress. Die Republikanische Hegemonie über Regierung und Parlament soll gebrochen werden.

Die meisten Republikaner suchen einen neuen außenpolitischen Kurs. Der ruppige und militante Geist der Bush-Regierung hat sich überlebt. Außenministerin Rice setzt auf Multilateralismus – die enge Einbindung der USA in internationale Organisationen und Allianzen. Die Diplomaten ihres Außenministeriums erhalten wieder Gehör im Weißen Haus. Während ihr Vorgänger, Außenminister Powell, die erste Bush-Regierung zu bedrohen schien, genießt Condoleezza Rice das Vertrauen des Präsidenten. Die „Falken“ und Scharfmacher wurden geschwächt: John Bolton ist bei den Vereinten Nationen, Paul Wolfowitz bei der Weltbank, und Verteidigungsminister Rumsfeld hat seit dem Irak-Desaster an Einfluss verloren. Die Neuauflage der Nationalen Sicherheitsstrategie setzt auf Bündnisse und Koalitionen; eigenmächtige Angriffspläne sind verschwunden. Außenministerin Rice mäßigt die aggressive und im Ausland unbeliebte US-Außenpolitik.

Der Kurswechsel zeichnet sich auch außerhalb der Regierung ab. Die „Neokonservativen“ verstummen, Senatoren wie Chuck Hagel und Sam Brownback fordern eine neue „moralische“ Außenpolitik. Für Senator Brownback sind Menschenrechte, Seuchen und Hunger ebenso wichtig wie der Kampf gegen den Terrorismus: Amerika müsse sich moralisch und nicht nur militärisch durchsetzen. Brownback wird inzwischen von Menschenrechtsaktivisten, gemäßigten Christen und vielen Konservativen unterstützt.

Auch der isolationistische Kurs gewinnt an Boden. Amerika, so meinen die Isolationisten, sei eine glückliche und feste Burg. Amerika sei für die Probleme der Welt nicht verantwortlich. Bill Clinton und George W. Bush hatten sich zu Beginn ihrer Amtszeiten nicht für Außenpolitik interessiert. Dieses Desinteresse entsprach der außenpolitischen Gleichgültigkeit der Amerikaner. Die aggressive Interventionspolitik der Bush-Regierung war eine Reaktion auf den 11. September. Inzwischen hat sich Amerika beruhigt. Isolationistische Tendenzen gewinnen an Boden.

Ob mit oder ohne Condoleezza Rice, Chuck Hagel, Sam Brownback oder John McCain: Die Republikaner wollen den außenpolitischen Kurs ändern. Die Wähler erwarten wieder innenpolitische Lösungen. „Es ist die Wirtschaft, Du Dummkopf“ hieß es 1992, als Bush-Vater die Wiederwahl verlor. Der Republikanische Kurswechsel beendet die Bush-Ära. Im November 2006 präsentiert sich ein neuer Republikanischer Geist, und spätestens zur Präsidentschaftswahl 2008 erwarten die Wähler eine gemäßigte Außenpolitik. Voraussetzung dafür ist, dass Amerika von keinen neuen Anschlägen erschüttert wird. Sollte dies dennoch geschehen, würde sich die US-Außenpolitik erneut militant darstellen. Das wäre bedauerlich und tragisch.