AMERIKA SUCHT DIE ERNEUERUNG DER TRANSATLANTISCHEN BEZIEHUNG

Friederich Mielke

Kanzlerin Merkel trifft nächste Woche auf einen zuvorkommenden Geist in Washington. Die US-Regierung will 2006 die transatlantische Beziehung erneuern. Washington reicht Europa die Hand, und auch Brüssel wird konzilianter. Richard Burns, politischer Staatssekretär im US-Außenministerium, lobt die gute Atmosphäre und glatte Zusammenarbeit: „Die Beziehungen zwischen den USA, Frankreich, Deutschland und Belgien sind besser als vor einem Jahr“, sagte Burns im Dezember 2005. „Ich vertraue darauf, dass die US-europäische Ehe gut ist. Eine Trennung oder Scheidung wird es nicht geben.“

Viele US-Offizielle versprechen sich einen Neubeginn. Der für Europa zuständige Diplomat Daniel Fried betont die transatlantische Partnerschaft: „Amerika und Europa bilden eine gemeinsame Zivilisation mit gemeinsamen Werten – wie Freiheit, Demokratie, Freihandel, Rechtsstaatlichkeit und Menschenrechte.“ Fried glaubt, dass Europa und Amerika die Probleme des 21. Jahrhunderts gemeinsam lösen sollten. Dadurch werden die Freunde der Freiheit in repressiven Gesellschaften ermutigt. Amerikaner und Europäer seien verpflichtet, Freiheit und Demokratie in ganz Europa zu verbreiten und die Tyrannei auf der Welt zu besiegen. Dies sei eine Frage von Visionen: „Wer vor zwanzig Jahren den Fall der Berliner Mauer gefordert hat, wurde damals ausgelacht“, meint Fried.

Auch US-Botschafter William R. Timken betont den „Geist der Konsultation und Kooperation“. Die USA hätten ein großes Interesse am Wohlstand in Deutschland und Europa. Europäer und Amerikaner müssten dem Irak beim Wiederaufbau helfen. „Wir begrüßen das Engagement der deutschen Regierung bei diesen Bemühungen“, sagt Timken. Die deutsch-amerikanische Partnerschaft sei „die größte diplomatische Erfolgsgeschichte der modernen Zeit“. Jetzt sei die Zeit gekommen, dieses Bündnis in den Dienst derer zu stellen, deren Hoffnung auf Freiheit und Wohlstand noch nicht erfüllt wurde. „Wir können viel mehr erreichen, wenn wir gemeinsam handeln als wenn wir allein vorgehen“, meint der Botschafter.

Der gute Wille Amerikas wird diesseits des Atlantiks bisher kaum gewürdigt. Europäische Medien, Intellektuelle und Politiker misstrauen den USA. Eine Kultur der Dämonisierung und Kriminalisierung Amerikas ist entstanden: „Folterflüge“, CIA-Aktionen und militärische Alleingänge lassen die USA als gefährlich und bedrohlich erscheinen. Dieses verzerrte Bild Amerikas werde durch Neid auf die amerikanische Macht genährt, schreibt Reginald Dale in der „New York Times“. Transatlantisch gesinnte europäische Politiker würden kaum wagen, ihre pro-amerikanische Haltung öffentlich zu bekennen. Zwar gäbe es noch Transatlantiker, doch Europa sähe die USA nur negativ.

Reginald Dale von der Hoover-Denkfabrik wirft beiden Seiten Intoleranz und Engstirnigkeit vor. Der Irak, der Nahe Osten oder das Waffenembargo gegen China seien geopolitische Themen; die USA und Europa würden nicht nur über Hähnchen und Stahlquoten streiten. Amerika und Europa sollten eine gemeinsame Weltpolitik entwerfen und durchsetzen. Eine gemeinsame Vision sei erforderlich zum Wohle Amerikas, Europas und der Welt.

Doch diese Vision kann nicht entstehen, so lange Amerika dämonisiert wird und hinter jeder Regung der USA die Gräueltaten der Weltmacht lauern. Amerika hat gute und schlechte Seiten, altruistische und machtpolitische Interessen, eine religiöse und zugleich materialistische Kultur. Amerika ist ein Ganzes – mit guten und schlechten Komponenten. Und Amerika ist das Mutterland der Demokratie. Als älteste Demokratie sind die Vereinigten Staaten ein Vorbild an staatspolitischer Integrität und Kontinuität.

Im 20. Jahrhundert hat Europa den Faschismus, Totalitarismus und Kommunismus hervorgebracht. Diese Systeme verrotten auf dem Schrottplatz der Geschichte. Das demokratische Modell Amerikas leuchtet seit 1780 ins 21. Jahrhundert hinüber – auch auf Europa, das ein Kind des freien Geistes Amerikas ist. Heute reichen uns die Amerikaner die Hand; der Ball der verbesserten transatlantischen Beziehung liegt in unserem Spielfeld. Die amerikanische Charme-Offensive kann nur gelingen, wenn wir das Geburtsland der Demokratie wieder respektieren. Kanzlerin Merkel weiß das. Und weil sie Amerika achtet, wird ihr Washington Gehör und Sympathie entgegen bringen.