FISCHERS USA-REISE BEENDET DEUTSCH-AMERIKANISCHE WECHSELBÄDER

Friederich Mielke


Die Bundesregierung reist nach Washington. Erst der Außenminister, dann Verteidigungsminister und Kanzler. Der deutsch-amerikanische Dialog kommt in Schwung. Die Situation ist ironisch: Anti-amerikanische Rhetorik hatte einst die Wiederwahl ermöglicht. Nun ist pro-amerikanische Stimmung gefragt: Die deutsch-amerikanische Achse soll gestärkt werden. Schröder / Fischer wollen die transatlantische Beziehung pflegen. Das ist löblich und vernünftig.

Washington mag die Reisen der Deutschen wie einen Gang nach Canossa erleben. Europa wurde geschwächt, die Bundesregierung steht auf dem Abstellgleis, und Innenminister Schily lobt die amerikanische Doktrin der Verbreitung von „Freiheit und Demokratie“ als Pfeiler deutscher Politik. Haben sich Fischer, Struck und Schröder von der „Charme-Offensive“ vereinnahmen lassen? Oder wollen die Deutschen mit transatlantischem Erfolg im Wahlkampf punkten? Fischer und Schröder als gute Freunde der amerikanischen Geostrategen?

Nach dem deutsch-amerikanischen Krach in der Irak-Krise wurde im Februar in Mainz das Kriegsbeil begraben. Die Bush-Regierung scheint sich an das Selbstbewusstsein der Deutschen gewöhnt zu haben. Die Zeiten der germanischen Fügsamkeit und „Vasallentreue“ sind vorbei. Die Bundesregierung hatte es gewagt, dem militanten Unilateralismus der Bush-Regierung zu trotzen. Der unterschiedliche Führungsstil von Bush und Schröder enthüllte unterschiedliche politische Kulturen. Der Gegensatz Bush / Schröder bedrohte die Substanz der transatlantischen Wertegemeinschaft. Wo Schröder auf Verhandlungen, Sanktionen, Geduld und Diplomatie setzte, forderte Bush militärische Gewalt, unilaterale Autorität und den eisernen Sieg der pax americana.

Mit Außenminister Fischer mussten die deutsch-amerikanischen Beziehungen arge Wechselbäder durchstehen. Fischer verstand sich gut mit Clintons Außenministerin Albright. Beide führten die NATO in den Jugoslawien-Krieg. Mit Joschka Fischer zogen deutsche Soldaten zum ersten Mal seit 1945 in einen Krieg, der ohne NATO-Legitimierung und UN-Angriffsresolution geführt wurde. Das Konstrukt einer „humanitären Intervention“ hatte den NATO-Krieg gegen Milosevic ermöglicht. Deutschland war 1999 von der moralischen und rechtlichen Legitimierung des Jugoslawien-Krieges überzeugt. US-Außenministerin Albright galt als Führerin im „guten“ Krieg gegen Jugoslawien. Denn die Weltmacht USA führt nur „gute Kriege“ – den Ersten Weltkrieg, den Zweiten Weltkrieg, Korea, Vietnam, den ersten Golfkrieg. Amerikanische Staatsphilosophen und Moralisten finden Argumente, auch Vietnam als „guten Krieg“ darzustellen.

Die pro-amerikanische Stimmung schlug um, als George W. Bush die Irakinvasion vorbereitete. Nun galt die Weltmacht USA als Inbegriff des Bösen – angriffslustig, militant, rücksichtslos und egoistisch. Die unilaterale Arroganz von Bush, Rumsfeld und Cheney führte zu anti-amerikanischen Attacken. Die deutsch-amerikanische Beziehung war vergiftet, Fischer wurde gemieden. Als er 2003 Verteidigungsminister Rumsfeld auf der Wehrkundetagung anschrie, war das Maß voll: Die Rebellen der 68er Generation hatten den Vereinigten Staaten die Stirn geboten. Deutschland hatte sich vom „großen Bruder“ emanzipiert. Jetzt zeigte die Bush-Regierung auch Schröder die kalte Schulter.

Fischer war mit US-Außenminister Colin Powell im Gespräch geblieben. Nun wagte Außenministerin Condoleezza Rice Anfang 2005 einen Neuanfang. Die Wunden sollten heilen. Das außenpolitische Wechselbad wurde wieder warm. Bush und Rice lobten die deutsche Beteiligung an der ISAF in Afghanistan und die deutsch-amerikanische Kooperation beim Kampf gegen Terrorismus und Weiterverbreitung von Massenvernichtungswaffen. Bush und Rice nahmen neuen Kurs und beauftragten Deutschland, eine wichtige Rolle bei den Iran-Verhandlungen zu spielen. Dadurch hatte Bush der deutschen Regierung erneut sein Vertrauen geschenkt. Schröder hatte Bush inzwischen versichert, dass ein freier und demokratischer Irak auch im Interesse Deutschlands und Europas sei. Und in der Russland-Frage stimmt man überein.

Trotz des Neuanfangs bleiben manche transatlantischen Konflikte ungelöst. Fischer beißt in der China-Frage auf Granit, und die US-Regierung lehnt einen deutschen Sitz im UNO-Sicherheitsrat ab. Das diplomatische Ränkespiel vor der Irakinvasion bleibt unvergessen.

Joschka Fischer wird es kaum gelingen, eine ähnlich intensive Beziehung zu Dr. Rice wie zu Madeleine Albright aufzubauen. Verständlich wäre, wenn ihn Rice als „lahme Ente“ abblitzen ließe. Washington wünscht sich eine Merkel-Regierung. Fischers Amerikareise wird somit schwierig: Er muss die gescheiterten EU-Referenda wegstecken, Verhandlungserfolge mit dem Iran vorweisen und seine Vertrauenswürdigkeit belegen. Ex-Außenminister Colin Powell mag Fischer. Auf dem Höhepunkt der Visa-Affäre hat er ihn getröstet. Condoleezza Rice ist ihrem Präsidenten bedingungslos ergeben. Trotz diplomatischen Charmes wird sie Fischers baldigen Abschied begrüßen. Die deutsche und europäische Sache lässt sich von einem geschwächten Außenminister in Washington kaum erfolgreich vortragen.

Als Prototyp seiner Generation hatte Außenminister Fischer eine gespaltene Beziehung zu Amerika. Er hat die Weltmacht USA herausgefordert und in die Schranken verwiesen. Zugleich pflegte er Freundschaften mit seinen Kollegen Albright und Powell und genoss zeitweise hohes Ansehen in den USA. Fischer ist kein Anti-Amerikaner. Dennoch wird er nicht als großer Förderer der deutsch-amerikanischen Beziehungen in die Geschichte eingehen.