GEORGE W. BUSH: PSYCHOGRAMM DER „PERSON
DES JAHRES 2004“
Friederich Mielke
Das amerikanische Nachrichtenmagazin „Time“ ernennt
alljährlich eine „Person des Jahres“. 2003
war es der amerikanische Soldat. 2004 ist es US-Präsident
George W. Bush. „Er ist sich selbst treu geblieben“,
schreibt „Time“, „er hat seinen politischen
Stil in seinen großen Hut gezwängt, und er hat
die meisten Wähler davon überzeugt, ihm weitere
vier Jahre im Weißen Haus zu geben.“ Bush war
schon im Jahr 2000 Person des Jahres. Er teilt das Privileg
der doppelten Auszeichnung mit den US-Präsidenten Harry
Truman, Dwight Eisenhower, Lyndon Johnson, Richard Nixon,
Ronald Reagan und Bill Clinton.
„Time“ unterstreicht Bushs sturen Charakter.
Der US-Präsident sei rechthaberisch und kratzbürstig.
Er wurde trotz des unbeliebten Irakkrieges wiedergewählt.
Zwar hätten nur 70.000 Stimmen in Ohio gefehlt, um John
Kerry den Wahlsieg zu schenken. Der US-Präsident sei
sich jedoch treu geblieben. Seine „starken Führungsqualitäten“
hätten die Wähler überzeugt. „Ich glaube
an meine Grundsätze“, sagt Bush im „Time“-Interview.
„Ich bin nicht wankelmütig. Ich glaube fest an
alles, was ich sage.“
Das Nachrichtenmagazin erweist George W. Bush die Ehre, obwohl
heute nur 50 Prozent seine Amtsführung loben. Auch in
Amerika blicken viele besorgt in die Zukunft. Die Selbstherrlichkeit,
Rechthaberei, Machtlust und Unnachgiebigkeit des Präsidenten
bedrohen viele Beobachter. Ein psychiatrisches Gutachten des
klinischen Professors Justin A. Frank beleuchtet nun die psychische
Veranlagung des mächtigsten Mannes der Welt. Das Gutachten
sei „fesselnd und überzeugend und absolut beängstigend“,
schreibt Irvin Yalom von der Stanford University. Justin Franks
Buch „Bush auf der Couch“ liegt inzwischen auf
Deutsch vor.
Für Professor Frank war Bush ein vernachlässigtes
und emotional behindertes Kind. Der kleine George hatte schreckliche
Angst davor, den Gefahren seiner eigenen Psyche gegenüberzutreten.
Bush ist lesegestört. Oft hat er stolz gesagt, dass er
keine Zeitung liest. Leseschwäche werde von der Unfähigkeit
begleitet, mit Ängsten fertig zu werden. Bush musste
als Student mit Lernschwächen kämpfen. Als ehrgeizige
Person musste er Führung übernehmen, um zur Gruppe
gehören zu können. Charme und große Töne
waren seine Taktik, als intelligentes, lernschwaches Kind
die Scham über seine Störung zu verbergen. Grandiosität
und Scham sind Symptome für das Unvermögen der lernschwachen
Person, eine innere Welt zu konstruieren, die die Komplexität
des Lebens widerspiegelt. Insofern wird „Bushs simplifizierte
Welt von Pappfiguren bevölkert, die entweder Freunde
oder Feinde sind.“ Jeder, der eine andere Meinung hat,
wird als potenzielle Bedrohung abgelehnt. Opposition wird
in Feindschaft umgewandelt und dann entmenschlicht. Bush,
so Justin Frank, besitzt kein Einfühlungsvermögen;
das Leiden anderer lässt ihn kalt.
Besonders beunruhigend: Bush ist ein „trockener“
Alkoholiker. Wichtige neuropsychologische Funktionen sind
vermindert. Er kann nicht zwischen relevanten und unwichtigen
Informationen unterscheiden. So schreibt Professor Frank:
„Wir müssen vermuten, dass der Präsident in
seiner Fähigkeit eingeschränkt ist, komplexe Vorstellungen
und Informationen zu verstehen.“ Seine übertriebene
Religiosität, so Frank, hüllt Bush in Rechtschaffenheit.
Er vertraut auf das Gute in ihm und darauf, Recht zu haben:
„Bush hat überraschend deutlich erklärt, dass
er sich auf einer Mission Gottes sehe, und es ist dieser Glaube
an eine göttliche Aufgabe, in dem sich die stärkste
Kombination von Politik, Psychologie und Glaube zeigt.“
Allmachtsgefühl und Omnipotenz – Professor Frank
diagnostiziert Bush als „magischen Denker“. Das
magische Denken wird gefährlich, wenn man so handelt,
als seien die magischen Vorstellungen real - wie bei der Rechtfertigung
des Irakkrieges. Die Omnipotenz erzeugt Arroganz, die vor
Verletzbarkeit schützt. Die Grandiosität ist eine
Überkompensation ernsthafter Charakterfehler. Das Banner
„Auftrag erfüllt“, das nach der Bagdad-Invasion
auf dem Flugzeugträger weht, ist Ausdruck seiner Fantasievorstellung:
Die Omnipotenz spricht die Allmachtsfantasien der Amerikaner
an. Durch Omnipotenz soll die grandiose Unverletzbarkeit Amerikas
wiederhergestellt werden. Bush zieht Stärke aus Gott
oder aus Amerika, dem personifizierten Guten. Er fühlt
sich berechtigt, Grausamkeiten im Namen des Guten zu begehen.
Bush ist beliebt, weil sich viele Menschen leicht mit ihm
identifizieren. Bush spricht wie jedermann, er stellt nur
selten seinen Reichtum zur Schau. Er scheint ein Tollpatsch
zu sein, kein reicher Bildungsbürger. Was der Wähler
kaum erkennt: Bush ist größenwahnsinnig. Der Größenwahn
umfasst Hass und das Bedürfnis, über paranoide Ängste
zu triumphieren. Wenn die Realität in das Weltbild des
Größenwahnsinnigen eindringt, so isoliert er sich
von der Welt. Megalomane Menschen sind gern zerstörerisch.
Dadurch erhalten sie das Gefühl der Allmacht. Bushs Fähigkeit,
das Äußere eines jovialen, bescheidenen Durchschnittsbürgers
anzunehmen, hat ihm geholfen, seine größenwahnsinnigen
Neigungen vor seinen Anhängern zu verbergen. „Es
ist kein Wunder, dass er auf niemanden hört und weder
Kritik noch Meinungsunterschiede zulässt“, resümiert
Professor Frank. „In seiner eigenen Vorstellung kann
der megalomane Mensch nie verlieren. Indem er seine Fantasien
aufrechterhält, wird er zum großen Zerstörer,
der mit der Abrissbirne auf die Welt losgeht. Dabei braucht
er ein Publikum und eine Bühne, vor der er seine Feinde
bezwingen kann. Tragischerweise ist für George W. Bush
die gesamte Welt eine Bühne.“