EIN SCHURKE WENIGER: DIE USA VERSÖHNEN SICH MIT GADDAFI

Friederich Mielke

US-Außenministerin Rice erstaunte die diplomatische Welt: Libyen kooperiere ausgezeichnet im Kampf gegen den Terror, sagte Dr. Rice in Washington. Libyen habe dem Terrorismus abgeschworen und auf Massenvernichtungswaffen verzichtet, das Land kehre in die internationale Gemeinschaft zurück. Die USA werden Libyen diplomatisch anerkennen und eine Botschaft in Tripolis eröffnen.

Beobachter waren nicht überrascht: Seit Aufhebung der anti-libyschen Sanktionen und Gaddafis Verzicht auf Massenvernichtungswaffen hatte sich die US-libysche Versöhnung angedeutet. Neu war, dass Dr. Rice Libyen als „Vorbild“ präsentierte: „Wir fordern den Iran und Nordkorea auf, ähnliche strategische Entscheidungen wie Libyen zu fällen“, sagte die Außenministerin. Gaddafis Kurswende soll bei den Schurkenstaaten Schule machen.

Die US-außenpolitische Strategie ist klar: Amerika braucht Freunde in der arabischen Welt, und Amerika braucht Zugang zu billigem Öl. Wer Terrorismus, Massenvernichtungswaffen und anti-amerikanischen Fanatismus ablegt, wird mit wirtschaftlichen und diplomatischen Vergünstigungen belohnt. Vergessen sind die Konflikte der 80er und 90er Jahre. Die Amerikaner hatten 1981 zwei libysche Kampfflugzeuge abgeschossen, die Libyer zündeten 1986 einen Sprengsatz in der Diskothek „La Belle“, Reagan ließ Tripolis und Bengasi bombardieren, und Libyen reagierte 1988 mit dem Anschlag auf die PanAm über Lockerbie.

Die USA hatten Libyen schon 1979 „staatsterroristisch“ genannt und 1980 die diplomatischen Beziehungen abgebrochen. Seitdem stand Libyen auf der Liste der Schurkenstaaten: Gaddafi galt als Fanatiker, Terrorist und „verrückter Hund des Nahen Ostens“. Dem Schurkenstaat Libyen wurde die Unterstützung von Terrororganisationen vorgeworfen: IRA, ETA, PLO oder Hisbollah wurden angeblich von Gaddafi mitfinanziert. Während die USA Saddam Hussein im irakisch-iranischen Krieg unterstützen, bekämpften sie Gaddafi als „wahnsinnigen Terroristen“. Amerika und die Welt hatten ein Feindbild; Gaddafi galt als Inkarnation des Bösen.

Inzwischen wird Gaddafi rehabilitiert. Er verzichtet auf Massenvernichtungswaffen, entschädigt die Lockerbie-Opfer und lässt westliche Firmen ins Land. Tony Blair, Jacques Chirac und Gerhard Schröder geben sich in Tripolis die Klinke. Die Italiener verkaufen Helikopter, Frankreich will Atomkraftwerke liefern, und Kanzler Schröder brachte 2004 eine 25-köpfige Wirtschaftsdelegation nach Tripolis. Auch Deutschland ist gut im Geschäft. Seit Aufhebung der Wirtschaftssanktionen konkurrieren jetzt amerikanische und europäische Geschäftsleute um lukrative Öl-, Automobil- und Versorgungsaufträge.

Die USA freuen sich, dass Gaddafi die Attentäter des 11. September kritisiert und mit den US-Geheimdiensten kooperiert. Der libysche „Führer“ lehnt den Islamismus aus gutem Grunde ab: Eine fundamentalistische Bewegung könnte sein Regime destabilisieren. Die libysche Polizei hat jüngst auf fundamentalistische Demonstranten geschossen, die gegen die dänischen Mohammed-Karikaturen protestierten. Neun Menschen starben.

Dennoch bleibt die Beziehung zu Libyen ambivalent. „Wir wollen nicht zu nah an Amerika heranrücken“, meint der libysche Premierminister Shukri. „Sonst geht es uns wie jemandem, der mit einem Elefanten im gleichen Bett schläft und von ihm erdrückt wird.“ Die jüngste Öffnung schützt Libyen vor einem US- gesteuerten „Regimewechsel“. Auch verhindert sie Kritik an Menschenrechtsverletzungen und Demokratiedefiziten. Denn Libyen ist ein Polizeistaat: Folter, Bespitzelung, illegale Verhaftungen und Einschränkungen der Meinungs-, Presse- und Demonstrationsfreiheit gehören zum System der Sozialistischen Libysch-Arabischen Volksrepublik. Oberst Gaddafi mag keine Opposition.

Dr. Rice hat die libyschen Menschenrechtsverletzungen nicht erwähnt. Sie sucht die Versöhnung trotz erheblicher Demokratiedefizite. Sie verbündet sich mit einem Diktator, der nichts von Parteien, Gewaltenteilung und Volkssouveränität hält. Ihre Politik der „Demokratisierung“ wird somit unglaubwürdig. Auch im Fall Gaddafi zeigt sich, dass Macht- und Wirtschaftsinteressen den idealen Zielen Amerikas vorangehen. Lieber ein pro-amerikanischer Diktator als ein anti-amerikanischer Demokrat. Auch in Tripolis ist Amerika das Hemd näher als die Hose.