HAPPY BIRTHDAY, USA!
DER US-NATIONALFEIERTAG IST AUCH EIN EUROPÄISCHER GEDENKTAG

Friederich Mielke

Am 4. Juli werden die Vereinigten Staaten 230 Jahre alt. Bürger und Patrioten feiern die Unabhängigkeit ihres Landes. Amerikaner lieben ihren Nationalfeiertag: Paraden und Feuerwerke erinnern an die Unabhängigkeitserklärung von 1776, an den Revolutionskrieg und die Loslösung von Großbritannien. Mit Festreden und Leitartikeln würdigt Amerika seinen politischen Geist: Freiheit, Gleichheit, Volkssouveränität, Menschenrechte und politisches Widerstandsrecht werden als Inbegriff des Wertekanons gefeiert. Am 4. Juli wird an die Grundwerte der amerikanischen Gesellschaft gedacht. Der amerikanische Geist feiert sich selbst.

Thomas Jefferson, der Autor der Unabhängigkeitserklärung, rechtfertigte die Loslösung von Großbritannien mit dem „Naturrecht“ und dem „göttlichen Gesetz“. Er beschwor das „unveräußerliche Recht“ der Menschen auf Leben, Freiheit und das Streben nach Glück. Jefferson war vom Recht auf Beseitigung einer despotischen Regierung überzeugt: Der englische König sei ein Tyrann; ein derartiger Monarch könne „nicht geeignet sein, über ein freies Volk zu herrschen“. Jefferson erklärte die „Vereinigten Kolonien“ zu freien und unabhängigen Staaten. „Zur Erhärtung dieser Erklärung“ verpflichteten sich die Unterzeichner feierlich „zum Einsatz unseres Lebens, unseres Gutes und der uns heiligen Ehre.“

Die Gründungsväter der Vereinigten Staaten gelten als Säulenheilige der Nation. Sie haben eigene Gedenktage – den „Washington Day“ und „Jefferson Day“. Große Denkmäler erinnern an die Helden der amerikanischen Revolution. Der Historiker Golo Mann meint, seit der Unabhängigkeitserklärung sei Amerika immer Amerika gewesen: „Ein Volk, eine Sendung, ein Kontinent, ein Segen, eine Pflicht.“ Die großen Männer der Vergangenheit seien noch heute groß und gegenwärtig, ihre Meinungen würden immer noch für „lebendige Wahrheiten“ gehalten.

Die Unabhängigkeitserklärung gehört zu den wichtigsten historischen Dokumenten der Nation. Sie enthält die Grundprinzipien des amerikanischen Credos. Das Streben nach Glück hat sich in den Nationalcharakter eingebrannt. Auch die amerikanische Wehrhaftigkeit hat hier ihren Ursprung: Die Verwirklichung der Unabhängigkeitserklärung wurde mit Waffengewalt erzwungen. General George Washington hat die amerikanischen Ideale militärisch durchgesetzt, der Revolutionskrieg hat den Nationalcharakter geprägt.

Die Unabhängigkeitserklärung verankert die nationale Identität. Nationalstolz sei für ein Land dasselbe wie Selbstachtung für den einzelnen, schreibt der amerikanische Philosoph Richard Rorty. Ohne Gefühlsbindung an das eigene Land könne das politische Denken nicht phantasievoll sein. Unabhängigkeitserklärung, US-Verfassung und einzelne Reden von US-Präsidenten schaffen eine emotional verankerte Identität – durch Denkmäler, Nationalhymne, Nationalfahne und Verfassungstexte. Die meisten Amerikaner kennen ihre nationalen Symbole; sie sind stolz auf ihre Verfassung, Demokratie und Republik. Die amerikanische Staatsform hat sich seit 230 Jahren ungebrochen behauptet. Ihre Werte – Freiheit, Gleichheit, Demokratie, Volkssouveränität und republikanische Staatsform – gelten als universal.

Mit den Feiern zum 4. Juli wird auch an die US-Verfassung als Vorbild der liberalen Demokratie gedacht. Die US-Verfassung ist Amerikas Geschenk an die Welt. Ihre Prinzipien der Freiheit, Gewaltenteilung, Volkssouveränität, bundesstaatlichen Struktur und Grundrechtsverankerung sind das Fundament der euro-atlantischen Wertegemeinschaft. Während Europa ständig durch Revolutionen, totalitäre und faschistische Staatsformen verändert wurde, blieben die USA sich selbst treu.

Die Prinzipien der US-Verfassung stammen ursprünglich aus Europa. Europäische Philosophen wie Montesquieu, Locke und Rousseau haben die US-Gründungsväter inspiriert. Ralf Dahrendorf nennt die USA das Land der „angewandten Aufklärung“: In den USA wurde praktisch umgesetzt, was in Europa politische angedacht wurde. Vor 230 Jahren hatten die Amerikaner den Mut, den europäischen Traum von Freiheit und Demokratie zu verwirklichen. Heute wird dieser Traum auch in Europa wahr. Die Staatsformen der EU-Mitglieder stimmen mit der US-Verfassung weitgehend überein. Für Europa kann der 4. Juli 1776 die Gründung der freiheitlich-republikanischen Demokratie bedeuten. Der 4. Juli wäre somit auch ein europäischer Gedenktag.