100 TAGE BUSH II: ENTTÄUSCHUNG NACH DEM FEHLSTART

Friederich Mielke


Die Bush-II-Regierung ist 100 Tage im Amt, und Amerika zieht Bilanz. Wer vor drei Monaten jubelte, ist heute ernüchtert. Die politische Maschine der Bush-II-Regierung gerät ins Stottern. Das „politische Kapital“, das Bush nach seiner Wiederwahl ausgeben wollte, wird mehr vergeudet als investiert. Vier Jahre nach dem fulminanten Start der Bush-I-Regierung Anfang 2001 ist es diesmal nicht gelungen, den Wahlsieg politisch sinnvoll zu nutzen. Die Bush-II-Regierung, so meint man landesweit im linksliberalen Lager, hatte einen Fehlstart.

Die Ausgangsbedingungen waren gut: Die Republikaner hatten 2004 das Weiße Haus und beide Häuser des Kongresses gewonnen. Die „Hegemonie“ der Republikaner sollte dem Präsidenten helfen, ein ambitioniertes innenpolitisches Programm nach dem außenpolitischen Sieg der Bush-Doktrin durchzusetzen. Bush sieht sich als „Präsident der Erneuerung.“ Er will das angeblich marode Sozialsystem reformieren und die Relikte des Rooseveltschen „New Deal“ durch die Eigentümer-Gesellschaft ersetzen. Doch Amerikas Mittelschicht ist empört. Während die Unterschicht von Kürzungen ihrer Rente verschont bleibt, wird die Mittelschicht zur Kasse gebeten. Im Wahlkampf hatte Bush dieses Thema vermieden. Jetzt fühlt sich der Wähler verraten; selbst treue Republikaner sind enttäuscht.

Hinzu kommt die schlechte Stimmung im Lande: Die Benzinpreise explodieren, die Konjunktur lahmt, die Börse stottert, der Irakkrieg tobt weiter, und in Washington geschehen peinliche Pannen: John Bolton wurde vom Kongress bisher nicht als UN-Botschafter bestätigt, der Republikanische Abgeordnete Tom DeLay steckt im Korruptionsskandal, die Zustimmungsrate für den Präsidenten ist auf 47 Prozent gesunken. Nur 38 Prozent glauben, Bush habe während der ersten 100 Tage seiner zweiten Amtszeit gut gearbeitet. Dies ist das schlechteste Zeugnis für einen Präsidenten seit Ende des Zweiten Weltkrieges. Harry Truman erhielt 1949 noch 57 Prozent, Richard Nixon lag 1973 bei 57 Prozent, und Bill Clinton hatte 59 Prozent im Jahre 1997. Beobachter in Washington fürchten das Scheitern der Bush-II-Regierung.
Die Hauptsorge dabei ist, der Wahlsieg 2004 könne Bush übermütig gemacht haben. Denn die Umwandlung der staatlichen Sozialversicherung in ein privat-finanziertes Rentensystem ist unbeliebt. Bush fühlt sich durch den Wahlsieg bestätigt und verkennt, dass das Thema Rentensystem von der Demokratischen Partei besetzt ist. Die Demokraten haben 2004 nur knapp verloren. Bush erhielt 50,7 Prozent der abgegebenen Stimmen, John Kerry lag bei 48,2 Prozent. Das war kein „Erdrutsch“.

Die Demokraten wollen George W. Bush keine Siegesrunde können und opponieren, so gut sie können. Sie wollen die Republikanische Hegemonie bei den nächsten Kongresswahlen im Herbst 2006 durchbrechen und die Rückeroberung des Weißen Hauses 2008 vorbereiten. Sie nennen die ersten 100 Tage der Bush-II-Regierung eine „Katastrophe.“ Das innenpolitische Programm der Bush-Regierung sei zu radikal und extrem, meint die Sprecherin der Demokratischen Partei: „Bush verliert an Boden. Bei jeder Sachfrage – vom Rentensystem über Energiepolitik zur Gesundheitspolitik – hat er selbst die Republikaner gespalten.“ Andere Präsidenten versuchten, moderate Oppositionelle in das eigene Lager herüberzuziehen. Doch Bush bleibt unnachgiebig. „Immer mehr Demokraten würden lieber ihre eigene Großmutter rösten als mit dem satanischen Präsidenten zusammenarbeiten“, schreibt der britische „Economist.“ Laut „Washington Post“ hätten die Demokraten keinen Grund, George W. Bush zu unterstützen. Im Gegenteil: Je größer die Probleme der Bush-II-Regierung, desto stärker der Druck der Demokraten. Der Ex-Vorsitzende der Republikaner Ed Gillespie meint, die Demokraten hätten die Wahlniederlage gut weggesteckt und den Wahlkampf nicht beendet. Das sei etwas Neues in der Geschichte Amerikas.

Die konservative Zeitschrift „National Review“ zeichnet ein besseres Bild der Bush-II-Regierung. Die Wahlen im Irak, demokratische Reformen in Libyen, Ägypten und Saudi-Arabien und eine „Kultur der Demokratie“ im Nahen Osten hätten Amerikas Sicherheit gestärkt. Steuersenkungen und Haushaltskürzungen nützten allen Amerikanern, und endlich habe der Kongress Ölbohrungen im Naturschutzpark Alaska erlaubt. Die Amerikaner würden die Rentenreform begrüßen. Bush-II stehe erst am Anfang einer produktiven und erfolgreichen Amtszeit. Die Demokraten sollten sich auf mehr als 1000 Tage Bush-II einstellen.

Doch das Bild vom „demokratischen“ Nahen Osten trügt. Die amerikanische Öffentlichkeit rebelliert zunehmend gegen die Irakpolitik ihres Präsidenten. Die Wirtschaftspolitik bleibt umstritten, die Haushalts- und Außenhandelsdefizite wachsen, und die Lohnsteigerungen können die Inflation kaum einholen. Die zweite Amtszeit eines US-Präsidenten ist oft schwieriger als die erste. So ging es Nixon mit Watergate, Reagan mit der Iran-Contra-Affaire und Clinton mit dem Amtsenthebungsverfahren. Ungewöhnlich ist, wie früh die Öffentlichkeit murrt und schon jetzt von einem Fehlstart spricht. Die linksliberale Kolumnistin der „New York Times“, Maureen Dowd, kritisiert den trivialen Streit der Republikaner über die gleichgeschlechtliche Ehe oder die Evolutionslehre an Realschulen. Inzwischen habe Generalstabchef Myers zugegeben, dass die USA im Irak und in Afghanistan nur noch beschränkt für globale Militäraktionen einsatzfähig seien. Das sei gravierend.

Bush ist es in den ersten Monaten nicht gelungen, die Wunden der Wahlkämpfe 2000 und 2004 zu heilen und überparteiliche Kompromisse zu finden. Amerika bleibt polarisiert. Der Wahlkampf 2006 ist eröffnet.