DER IRAK-KRIEG BLEIBT DIE WUNDE DER BUSH-REGIERUNG

Friederich Mielke

Während Hunderttausende gegen George W. Bush in New York protestieren, feiern die Republikaner ihren Präsidenten. Die nationale Sicherheit ist das Hauptthema des Nominierungskonventes. Bush wird als mutiger und konsequenter Führer im „Krieg gegen den Terrorismus“ gerühmt. Senator John McCain spricht von einem Kampf zwischen „Recht und Unrecht, Gut und Böse“ und warnt vor Massenvernichtungswaffen in den Händen der Feinde. „Unsere Generation wird geprüft; wir haben ein Rendezvous mit dem Schicksal“, beschwört der beliebte Senator aus Arizona die Delegierten. McCain rechtfertigt die Irak-Invasion als Wahl zwischen Krieg und einer noch größeren Bedrohung. Die Invasion sei erforderlich, durchführbar und ehrenwert gewesen. Und wie zum Schutz gegen bessere Argumente beschwört McCain die Delegierten: „Glaubt niemandem, der Euch etwas anderes erzählt. Weder unseren Kritikern im Ausland noch unseren politischen Gegnern!“

McCain appelliert an alle Amerikaner, dem Feind mutig und stark zu begegnen: „Unsere Liebe zu Freiheit und Gerechtigkeit ist unbesiegbar“, ruft McCain den Republikanern zu: „Bleibt stark, bleibt mutig, haltet zusammen, gebt nicht nach, steht zu unserem Präsidenten und kämpft! Wir sind Amerikaner, und wir werden nie kapitulieren!“ Der Patriotismus und Kampfeswille des Ex-Rivalen von George W. Bush kommt bei den Delegierten gut an. Doch die Rede übertüncht die Realität eines Krieges, der weitaus teurer, länger und verlustreicher wird, als viele Delegierte wahrhaben wollen. Der Irak ist die Wunde der Bush-Regierung. Während die Nachrichten von der Wirtschaftsfront immer schlechter werden, könnte auch die Lage im Irak kaum kritischer sein: Die Illusion, als Kriegspräsident im Dauerkrieg gegen den Terrorismus die Wähler zu beeindrucken, stößt auf die Realität vor Ort: Amerikanische Nachrichtenagenturen berichten, die US-Streitkräfte würden immer mehr Stadtviertel im Irak den Aufständischen überlassen. Während die Kämpfe um Nadschaf die Medien dominieren, hätten die Rebellen die Kontrolle über den West-Irak übernommen. Von den USA eingesetzte irakische Regierungsvertreter werden bedroht, ermordet und hingerichtet. Die Aufständischen würden immer mehr Ölpipelines sabotieren, Al Sadrs Mahdi-Armee würde „Sadr City“ mit zwei Millionen Einwohnern kontrollieren, und der „Christian Science Monitor“ berichtet, Sadrs Rückzug aus Nadschaf hätte seine Basis gestärkt und zunehmend militarisiert.

Der Vergleich mit Vietnam hinkt, doch ein Ende der Kämpfe ist nicht abzusehen. Seriöse Analytiker wie Anthony Cordesman vom Center for Strategic and International Studies erkennen keine Aussicht auf Frieden und Stabilität im Irak vor Ende 2005. Cordesman arbeitet bereits an einem Eventualplan für das Scheitern der Mission. Der Hurrah-Patriotismus des Republikanischen Konventes prallt auf den Irak-Pessimismus vieler Beobachter, Strategen und Politiker. Cordesman beklagt den schwachen Nationalen Sicherheitsrat in Washington, der sich gegen die „kleine Gruppe neokonservativer Ideologen“ in der Irak-Frage nicht durchsetzen kann – gemeint sind Cheney, Rumsfeld und Wolfowitz, die kurz nach dem 11. September die Irak-Invasion beschlossen hatten. Inzwischen räumt selbst George W. Bush ein, dass er den „Krieg“ gegen den Terror nicht gewinnen kann. Vor einigen Monaten war er noch unter dem Motto „Sieg im Krieg gegen den Terror“ im Bus auf Wahlkampfreise. Der Kolumnist Paul Krugman der „New York Times“ wirft Bush vor, keinen der Verantwortlichen entlassen zu haben – weder Sicherheitsberaterin Rice noch Verteidigungsminister Rumsfeld: „Anstatt einzuräumen, dass seine Regierung Fehler gemacht hat, hält Bush an Leuten fest, die uns in zwei, drei oder viele derartige Sümpfe hineinziehen wollen.“

Umfragen ergeben, dass Bush beim Thema Terrorismus und in der Irak-Frage vor Kerry liegt. In New York will Bush als erfolgreicher Führer im „Krieg“ gegen den Terrorismus punkten. Doch Kerry sitzt Bush im Nacken: Laut USA Today/CNN/Gallup-Umfrage vom 25. August führt Kerry mit vier bis 12 Punkten in der Wirtschafts- und Innenpolitik. Und auch beim Sicherheitsthema könnte das Image des Präsidenten auf Sand gebaut sein: Der Irak ist eine Katastrophe, die Terrororganisation Al Qaida wurde nicht zerschlagen, der Hass der militanten Islamisten wächst, und Amerika ist nicht sicherer als vor dem 11. September. Laut dem Londoner Institute for International Strategic Studies hat die Irak-Invasion die Al Qaida gestärkt. Nach dem fast dreijährigen „Krieg gegen den Terror“ sei die Al Qaida intakt. 18.000 potentielle Terroristen seien auf freiem Fuß, der muslimische Anti-Amerikanismus hätte sich verschärft.

Bush setzt auf die sicherheitspolitische Karte. Doch diese Strategie kann fehlschlagen. Wenn sich zunehmend herumspricht, dass sein „Krieg gegen den Terror“ schlecht läuft, sucht sich der amerikanische Wähler eine Alternative. Auf den heiß umkämpften „Schlachtfeldern“ – den Bundesstaaten Colorado, Iowa, Wisconsin, Ohio, Pennsylvania, Florida oder Oregon – sind innen- und wirtschaftspolitische Themen genauso wichtig wie die nationale Sicherheit. Nicht jeder Wähler in Cleveland, Pittsburgh, Portland oder West Palm Beach fühlt sich im Krieg. Viele wollen mehr Arbeitsplätze, bezahlbare Krankenversicherungsprämien, niedrigere Benzinkosten und geringere Studiengebühren. Das horrende Defizit, das geringe Wirtschaftswachstum und der schlechte Arbeitsmarkt enttäuschen die Wähler. Wenn es der Bush-Regierung nicht gelingt, ihren „Krieg“ als Erfolg zu verkaufen, erhält sie die rote Karte – zumindest von den 10 Prozent der Unentschlossenen. Doch diese knappe Mehrheit könnte ausreichen, George W. Bush nach Texas zurückzuschicken.