DAS IRAK-SYNDROM SCHWÄCHT AMERIKAS EINFLUSS IN DER WELT
Friederich Mielke

Das Vietnam-Syndrom hat Amerika lange gelähmt. Vietnam hat die US-Regierung gehindert, ihn einen ähnlich gefährlichen „Sumpf“ hineinzugehen. Zwischen 1973 und 2003 hat Amerika fast keine Kriege geführt. Der Golfkrieg (1991) war die Ausnahme, doch er wurde kurz, heftig und mit großer internationaler Hilfe gewonnen. Der Irak bringt die USA in eine aussichtslose Lage. Das Wort „Irak-Syndrom“ macht in Washington die Runde.

Das Vietnam-Syndrom beschreibt ein Amerika, das sich erschöpft und demoralisiert aus einem fernen Krieg zurückzieht. Skepsis und Zurückhaltung gegenüber militärischen Interventionen waren die Folge. Jimmy Carter, Ronald Reagan, Bush-Vater und Bill Clinton haben das US-Militär sorgsam eingesetzt. Bush-Vater führte den Golfkrieg mit UN-Mandat und genauer Zieldefinition, Bill Clinton erlaubte nur „humanitäre Interventionen“ – vor Sarajewo und im Kosovo. Das Vietnam-Syndrom verhinderte langfristige militärische Engagements.

Nun versetzt das Irak-Syndrom Amerika nun in eine ähnliche Verfassung: Skepsis gegenüber Auslandseinsätzen, Vorsicht gegenüber langfristigen Interventionen, Zurückhaltung bei militärischen Verpflichtungen. Diese Besonnenheit lässt ein Machtvakuum entstehen, das regionale Mächte und Terroristen ausnutzen: Die Hisbollah, Syrien, irakische Terroristen und der Iran erleben eine geschwächte und gedemütigte Supermacht. Amerikas Feinde im Nahen Osten sind gestärkt. Das Irak-Syndrom verringert den militärischen und diplomatischen Spielraum der USA in der Region.

Die Durchhalteparolen der Bush-Regierung sollen ein Auseinanderbrechen des Irak und den Untergang des Landes in Blut und Terror verhindern. Ein Sieg der militanten Islamisten wäre ein größerer Triumph als der Sieg der Mudschaheddin über die Russen in Afghanistan. Der schnelle Abzug der US-Truppen würde Osama bin Ladens These bestätigen, der Terrorismus könnte die USA in die Knie zwingen: Der amerikanische „Krieg“ gegen den Terrorismus werde mit einem Sieg der Terroristen enden.
Das Problem des Irak-Syndroms ist, dass jeglicher Rückzug der US-Truppen als Sieg des Terrorismus gesehen werden kann. Bin Laden und Konsorten behaupten, die USA hätten den Krieg wegen der irakischen Ölfelder geführt. Ein Rückzug vor Vollendung des Demokratisierungsprojektes würde diese These bestätigen. Amerika steckt im Dilemma: Die US-Truppen können den Terror nicht ausmerzen, das Land versinkt im Bürgerkrieg, die Kriegsziele der Amerikaner bleiben unerreicht – die Demokratisierung des Irak und Befriedung der Region.

Das Irak-Syndrom hat Konsequenzen für die Stellung der USA in der Welt. Vor dem Irakkrieg galten die USA als starke militärische und diplomatische Macht im Nahen Osten. Hegemonie, Vorherrschaft, Übermacht waren Begriffe, die Amerikas Stellung in der Welt bezeichneten. Das Irak-Syndrom beendet die anmaßende Politik der ersten Amtszeit der Bush-Regierung: Unilateralismus, militante Hegemonie, Präventivkriegsdoktrin und eine offensive amerikanische Friedensordnung verschwinden in der Geschichte.

Inzwischen hat die Bush-II-Regierung einen Kurswechsel vollzogen: Die Vereinten Nationen, europäische Alliierte und internationale Allianzen werden wieder aufgewertet. Amerika braucht seine Freunde. Die Zeit der ruppigen Alleingänge geht zu Ende. Außenministerin Rice will die Libanonkrise mit Hilfe der UNO lösen. Die NATO kommt wieder ins Spiel. Die USA kehren in die Weltgemeinschaft zurück.

Das Irak-Syndrom bewirkt eine Kehrtwende der US-Außenpolitik: Präsident Bush mäßigt seine Rhetorik, bekennt sich zu Fehlern und distanziert sich von der „Achse des Bösen“. Das Irak-Syndrom bewirkt aber auch, dass eine geschwächte USA die Macht derjenigen stärkt, die Israel bedrohen, den Irak zerstören und den Terror verbreiten – die Hisbollah, die irakischen Aufständischen und der Iran. Ein schwaches Amerika kann die Region diplomatisch nicht ordnen. Der Irakkrieg erweist sich als Fehler: Amerika wurde geschwächt, Israel bleibt bedroht, der Terror nimmt zu, die Region bleibt ein Pulverfass. Die pessimistischen Voraussagungen hatten Recht. Bezogen auf die Bush-Regierung hat sich ein altes Sprichwort bestätigt: Hochmut kommt vor dem Fall.