DER EXODUS DER IRAKISCHEN ELITE GEFÄHRDET DIE ZUKUNFT
DES LANDES
Friederich Mielke
Der Irak blutet aus: Nicht nur Terror und Bürgerkrieg
verhindern den Wiederaufbau des geschundenen Landes, immer
mehr Iraker verlassen ihre Heimat, um in der arabischen Welt,
in Europa oder Amerika einen Neuanfang zu wagen. Etwa zwei
Millionen Iraker sind inzwischen geflüchtet – nach
Syrien, Jordanien, Ägypten und Europa. Das Tragische:
Ein Großteil dieser Flüchtlinge gehört zur
gebildeten Mittelschicht, die für den Wiederaufbau gebraucht
wird. Ärzte, Ingenieure, Lehrer, Beamte und Geschäftsleute
kehren ihrer Heimat den Rücken. Sie haben das Vertrauen
in Regierung, Staat und internationale Hilfe verloren. Die
Armen, Ungebildeten und Kriminellen bleiben zurück. Dem
Irak droht das Schicksal Palästinas mit hoher Arbeitslosigkeit,
Perspektivlosigkeit, Verzweiflung und der Aussicht, ein riesiger
permanenter Slum zu werden. Der Exodus aus dem Irak ist die
größte Völkerwanderung in der arabischen Welt
seit der Palästinakrise zwischen 1948 und 1967.
Die täglichen Entführungen, Anschläge und
Überfälle haben die Geduld der irakischen Bildungsschicht
zerstört. Da Regierung und Militär keine Sicherheit
bieten können, liegen die Nerven blank. Die irakischen
Krankenhäuser, Schulen, Universitäten und Museen
verlieren ihre qualifizieren Mitarbeiter, Flug-, Wasser- und
Bauingenieure verlassen das Land, das zunehmend sich selbst
überlassen bleibt. Seitdem Ärzte bevorzugte Opfer
der Terrorbanden wurden, ist die Zahl der registrierten Ärzte
von 30.000 auf 8000 gesunken. Fast die gesamte akademische
Elite hat das Land verlassen. An den Hochschulen unterrichten
fast nur noch Hilfskräfte.
Die UN-Flüchtlingsorganisation UNHCR hat inzwischen
knapp 200 Staaten zu einer Konferenz nach Genf eingeladen,
die am 17./18. April den Bedarf an humanitärer Hilfe
von Millionen Menschen diskutieren soll, die der Irak-Krieg
entwurzelt hat. Schwerpunkt der Konferenz: Hilfe für
die irakischen Nachbarstaaten bei der Aufnahme und Versorgung
der Flüchtlinge. Etwa eine Million Iraker leben inzwischen
in Syrien, Jordanien soll etwa 750000 Iraker aufgenommen haben.
Die meisten Flüchtlinge leben unter extrem harten Bedingungen.
Syrien und Jordanien befürchten soziale, politische und
wirtschaftliche Probleme, da sich der inner-irakische Konflikt
zwischen Sunniten und Schiiten auf die Nachbarländer
übertragen könnte. Die irakischen Exilanten werden
zunehmend zum Problem, das Schulen, Krankenversorgung und
Immobilienpreise belastet. In Syrien wird über wachsende
Kriminalität, Prostitution und Inflation geklagt. In
Jordanien fordern immer mehr Bürger die Schließung
der Grenzen. Und niemand weiß, wie lange die ungebetenen
Gäste bleiben werden.
Die jordanische Situation ist besonders brisant: Da der jordanische
König als pro-amerikanische gilt, steht er im Visier
der irakischen Mahdi-Armee, die das Land angeblich infiltriert.
Die irakischen Flüchtlinge werden in Amman zunehmend
als trojanisches Pferd angesehen, das die irakischen Probleme
nach Jordanien importiert. Die jordanische Monarchie befürchtet,
zur Zielscheibe enttäuschter irakischer Exilanten zu
werden. Die jordanischen Sunniten befürchten den zunehmenden
Einfluss der irakischen Schiiten, und die Spannungen zwischen
den USA und Iran schüren Ängste vor einer schiitischen
Großmacht in der Region.
Da ein Ende des irakischen Bürgerkrieges nicht absehbar
ist, wirkt sich der Exodus der irakischen Mittelschicht fatal
auf die Zukunft des Landes aus. Nur wenige Beobachter erwarten,
dass die irakische Elite in ihre Heimat zurückkehrt.
Die meisten Flüchtlinge wollen auf Dauer ein neues Leben
im Ausland beginnen. Die zurückgebliebene irakische Jugend
muss sich inzwischen ohne Lehrer, Professoren und Ärzte
durchschlagen, ohne Vorbilder und Erzieher, die für das
Funktionieren einer Zivilgesellschaft verantwortlich sind.
Nach einer Befriedung des Landes wäre niemand mehr da,
der für Ordnung, Recht, Kultur und Wohlstand zwischen
Euphrat und Tigris sorgen könnte. Ohne den Idealismus
und Patriotismus der irakischen Eliten lässt sich das
geschundene Land nicht wieder aufbauen. Das ist die grausame
Tragik eines Landes, das zwar Demokratie und Freiheit erworben
hat, das aber zugleich sein wichtigstes nationales Gut verloren
hat – seine gebildete und professionelle Ober- und Mittelschicht.
Ohne diese Menschen wird es sehr schwer, den Irak aus den
Fesseln von Gewalt, Arbeitslosigkeit, Kriminalität und
religiösen Fundamentalismus zu befreien.