DER IRAK ZWISCHEN DEMOKRATIE UND IRANISCHEM GOTTESSTAAT
Friederich Mielke
Etwa einhunderttausend irakische Schiiten haben in Bagdad
gegen Israel und die USA demonstriert. Sie forderten das Ende
der Offensive gegen die Hisbollah und verbrannten US-Fahnen.
Die Großdemonstration in Bagdad lässt befürchten,
dass sich die Schiiten zunehmend gegen die Amerikaner und
die demokratische irakische Regierung wenden. Die Amerikaner
vermuten den radikalen Schiitenführer Al Sadr hinter
der Gewalt im Irak. Seine „Mahdi“-Armee versucht,
die Demokratisierung des Irak zu verhindern und einen Gottesstaat
nach iranischem Vorbild einzuführen. Sollte sich Al-Sadr
durchsetzen, wäre die US-Politik im Irak endgültig
gescheitert.
Die Amerikaner können Al Sadr nicht frontal angreifen.
Die Partei des Schiitenführers hat 30 der 275 Sitze im
irakischen Parlament; sie unterstützt die Koalitionsregierung
von Ministerpräsident Maliki und stellt fünf Minister.
Maliki hat sich positiv über die Hisbollah geäußert
und die Bush-Regierung verärgert. Bush hat gehofft, die
irakische Regierung werde seine Politik unterstützen.
Die anti-amerikanische Demonstration in Bagdad bestätigt
das Gegenteil: Die meisten Schiiten unterstützen die
Hisbollah und verurteilen Israel und die USA.
Washington befürchtet, die Maliki-Regierung könne
zunehmend unter den Einfluss der iranischen Mullahs geraten.
Statt einer Demokratie würde dann ein irakischer Gottesstaat
entstehen – ein Alptraum für US-Strategen. Noch
befürwortet die schiitische Mehrheit einen demokratischen
Irak. Doch je lauter die Schiiten gegen die US-Präsenz
demonstrieren, desto größer wird Al Sadrs Einfluss
– und der Einfluss des Iran.
Die Befreiung des Irak hat die Schiiten in der Region gestärkt.
Die politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Beziehungen
zwischen den irakischen und iranischen Schiiten werden immer
enger. Hunderttausende iranische Schiiten haben die Heiligtümer
von Kerbala und Nadschaf besucht. Die iranische Regierung
hat im Irak ein Netzwerk von Alliierten und Parteigängern
aufgebaut. Viele irakische Politiker haben lange im iranischen
Exil gelebt. Als die „Mahdi-Armee“ in Nadschaf
gegen US-Truppen kämpfte, wurde sie aktiv von der iranischen
Revolutionsgarde unterstützt. Iranisches Geld fließt
in irakische politische Netzwerke.
Die US-Regierung lamentiert über die iranische Unterstützung
für Aufständische, Kriminelle und Milizen im Irak.
Aber sie redet nicht mit der iranischen Regierung. Seit langem
gilt der Iran als staatsterroristischer „Schurkenstaat“.
Die Amerikaner haben die engen Bindungen zwischen irakischen
und iranischen Schiiten unterschätzt. Als Saddam Hussein
1991 die Schiiten im Südirak blutig niederschlug, entstand
der Hass auf die irakischen Sunniten, der bis heute weiterlebt.
Der Nahostexperte Vali Nasr meint, die Schiiten würden
die irakischen Sunniten mehr fürchten als eine potentielle
iranische Dominanz. 100.000 Iraker seien nach dem Massaker
von 1991 in den Iran geflohen. Die religiösen Bindungen
zwischen irakischen und iranischen Schiiten seien besonders
stark. Ethnischen Unterschiede zwischen Persern und Arabern
seien zwar beachtlich, die Bedrohung durch die Sunniten könne
jedoch die irakischen und iranischen Schiiten zusammenführen.
Die sunnitischen Terroranschläge im Irak trieben die
Schiiten ins iranische Lager.
USA und Iran haben ähnliche Interessen in der Region:
Beide brauchen Stabilität und Frieden. Ein Schiitenaufstand
im Irak könnte die gesamte Region erschüttern. Wenn
der Iran Sicherheitsgarantien von Washington erhält,
wird er die Unterstützung der schiitischen Milizen einstellen.
Die USA und der Iran könnten die Spannung zwischen Schiiten
und Sunniten gemeinsam entschärfen. Washington und Teheran
könnten die schiitischen Milizen im Südirak entwaffnen
und die irakischen Schiiten auf gemäßigtem Kurs
halten.
Wenn dies misslingt, wird der Irak in einem Regionalkrieg
untergehen. Der Iran, die Türkei und die arabischen Nachbarn
würden sich einmischen, die Region würde zwischen
Schiiten und Sunniten aufgeteilt werden. Der Schlüssel
zur Stabilisierung des Irak liegt somit in Teheran und Washington.
Doch diese Lösung erfordert eine Kursänderung der
amerikanischen Diplomatie – vom Schurkenstaat zum iranischen
Gesprächspartner. Washington muss endlich direkt mit
dem Iran verhandeln.