DEBATTE UM MACHT DER JÜDISCHEN LOBBY IN DEN USA DAUERT
AN
Friederich Mielke
Selten waren die Thesen amerikanischer Politologen derart
umstritten und brisant: John Mearsheimer (Chicago) und Stephen
Walt (Harvard) haben im Frühjahr 2006 den Einfluss der
israelischen Lobby auf die US-Außenpolitik kritisiert
und behauptet, die einseitige Unterstützung Israels sei
nicht im nationalen Interesse der USA. Die Thesen der renommierten
Politikwissenschaftler lösten eine heftige Debatte aus,
die bis heute andauert. Als Mearsheimer und Walt ihre Ansichten
veröffentlichten, brach ein Sturm der Entrüstung
los. Mearsheimers Thesen wurden als „schlampige Schmähschrift“,
„total unwahr“ und antisemitisch gescholten.
Auslöser der jüngsten Kontroverse zum Thema ist
das Buch „Frieden in Palästina. Keine Apartheid“
von Ex-Präsident Jimmy Carter. Jüdisch-amerikanische
Intellektuelle und Organisationen reagierten polemisch auf
Carters Buch. Der Ex-Präsident war erbost und griff in
der Los Angeles Times die "jüdische Israellobby"
in Washington an. Nun wird er öffentlich als Rassist
und Antisemit beschimpft. Das Buch, so Carter, beschreibe
die fürchterliche Unterdrückung und Verfolgung der
Palästinenser in den besetzten Gebieten. Aus Furcht vor
der israelischen Lobby in Washington würden nur wenige
US-Politiker Palästina besuchen und Israels Menschenrechtsverletzungen
kritisieren. „Für Politiker grenzt es an politischen
Selbstmord“, schreibt Jimmy Carter, „eine ausgewogene
Position zwischen Israel und Palästina zu fordern“.
Die starke amerikanisch-israelische Lobby verhindere offene
Kritik an der israelischen Regierung.
Jimmy Carters Streit mit der jüdischen Lobby beweist,
dass die Thesen von Mearsheimer und Walt nicht aus der Luft
gegriffen waren. Für die beiden Politologen ist erwiesen,
dass "keine andere Lobby es geschafft habe, die US-Außenpolitik
so stark vom nationalen Interesse abzulenken, während
sie gleichzeitig die Amerikaner davon überzeugt hat,
dass US- und israelische Interessen praktisch identisch"
seien. Sie werfen der Lobby vor, die Debatte über das
Thema zu kontrollieren und Kritik gegenüber Israel zum
Schweigen zu bringen. Die amerikanisch-israelische Lobby sei
ein „de-facto-Agent einer fremden Regierung“,
der den US-Kongress „im Würgegriff hält".
Die Erschaffung des Staates Israel sei eine angemessene Antwort
zu der langen Reihe von Verbrechen gegen Juden - doch „sie
brachte eine Serie neuer Verbrechen gegen eine größtenteils
unschuldige Drittpartie hervor - nämlich die Palästinenser."
Israel sei genauso wenig an einer echten Friedenslösung
interessiert wie seine Nachbarn, schreiben Mearsheimer und
Walt. Yitzhak Shamir, ein früherer Terrorist [im Kampf
gegen britische Truppen] und späterer Premierminister
von Israel, habe einmal erklärt, dass „weder jüdische
Ethik noch jüdische Tradition Terrorismus als Kampfmittel
verbiete“.
Jimmy Carters Wut auf die Israel-Lobby hat den Streit um
die Mearsheimer-Thesen wiederbelebt. Der frühere US-Botschafter
Edward Peck schrieb: "Der erwartete Tsunami von wütenden
Reaktionen auf den Mearsheimer-Bericht bestätigte die
Existenz dieser Lobby und deren aggressiver, durchdringender
Präsenz." Mearsheimer und Walt hatten dargestellt,
dass die Israel-Lobby AIPAC („American Israel Public
Affairs Committee“) die zweitgrößte Lobby-Gruppe
der USA ist – gleich nach dem mächtigen Waffenverband
NRA. Die Vereinigten Staaten hätten „Beihilfe“
zur Gebietserweiterung Israels geleistet und seien zum „Mittäter“
bei Verbrechen gegen die Palästinenser geworden.
Jimmy Carter hält den Aufschrei der Israel-Lobby für
unangemessen und unangebracht. Der Friedensnobelpreisträger
und Nahostexperte hat ein Buch über den Palästinakonflikt
geschrieben, das beide Seiten berücksichtigt. Seit 30
Jahren werde das Palästinaproblem weltweit intensiv diskutiert,
schreibt Carter in der Los Angeles Times. Nur in den USA werde
ausnahmslos Partei für die israelische Seite ergriffen:
„Ich will Fakten über den Nahen Osten präsentieren,
die in Amerika unbekannt sind. Die seit sechs Jahren unterbrochenen
Friedensverhandlungen sollten wieder in Gang gebracht werden.“
Die Kampagnen gegen Carter, Mearsheimer und Walt sind inzwischen
von der Presse aufgegriffen worden. Es ist in den USA absurd,
Jimmy Carter „antisemitisch“ zu nennen. Carter
hat 1979 den Friedensvertrag zwischen Ägypten und Israel
gemakelt. Und auch Mearsheimer und Walt halten sich für
pro-israelisch. Sie wollten nur auf die bedingungslos einseitige
US-Unterstützung für Israel hinweisen – und
auf die mächtige Israel-Lobby in Washington, die eine
uneingeschränkte Solidarität fordert. Die öffentliche
Debatte um Ziele, Struktur und Umfang der Israel-Lobby dauert
an. Amerika ist dabei, seine demokratischen Entscheidungsmechanismen
zu hinterfragen. Dieser Bewusstwerdungsprozess belebt und
bereichert die amerikanische Demokratie.