KERRYS WAHLSIEG ZUM GREIFEN NAH

Friederich Mielke

Das dritte Fernsehduell am Mittwoch stärkt John Kerry. Der Herausforderer hat die beiden ersten Debatten gewonnen, morgen Nacht kommt er auf die Zielgerade. Kerry ist ein exzellenter Debattenredner. Als Präsident der „Yale Political Union“ hat er bereits als Student geglänzt, 1996 schlug er den Gouverneur von Massachusetts in acht TV-Debatten. Kerry ging als „underdog“ ins Rennen und siegte. Ähnlich läuft die Endphase des US-Wahlkampfes 2004.

Kerrys schlagfertiger und rhetorisch geschliffener Debattenstil beeindruckt. Immer mehr Wähler, die Kerry bisher kaum kannten, lernen die politische und rhetorische Kompetenz des Senators schätzen. Nach neusten Umfragen liegt Kerry ein Prozentpunkt vor Bush: 49 zu 48. Was die Bush-Kampagne besonders beunruhigt: Die „Zustimmungsrate“ ist für Bush erneut auf 47 Prozent gesunken. Jeder US-Präsident, der wiedergewählt werden will, braucht zumindest 50 Prozent Zustimmung. Bush Vater hatte nur 40 Prozent und Jimmy Carter nur 42 Prozent. Bush steht wieder mit dem Rücken zur Wand. Besonders gefährlich für Bush: Auf den so genannten „Schlachtfeldern“ – Staaten mit Wechselwählern – führt Kerry mit 48 zu 45 Prozent.

Die Bush-Kampagne reagiert heftig auf Kerrys Debattensieg in der Außen- und Sicherheitspolitik und versucht, das Thema Terrorismus im Wahlkampf zu besetzen. Im „Krieg gegen den Terrorismus“ führt Bush weiterhin knapp vor Kerry. Bush redet fast nur noch über den Terrorismus und hofft, seine Führung durch Angstmacherei und martialische Reden zu stärken. Ihm bleibt nichts anderes übrig. Bei den anderen Themen führt Kerry in den Umfragen: 54 Prozent halten inzwischen den Irakkrieg für unnötig. Das ist der gleiche Wert wie im Mai, als die Folterfotos von Abu Ghraib um die Welt gingen. Kerry führt bei vielen innen- und sicherheitspolitischen Themen – bei Umwelt, Krankenversicherung, Arbeitsmarktpolitik und beim Haushaltsdefizit.

Die dritte Fernsehdebatte thematisiert die Innen- und Wirtschaftspolitik. Wenn Bush auf dem Lieblingsterritorium Sicherheitspolitik bei Debatten verliert, steht er besonders in der Innenpolitik in der Defensive. Mit Kerrys 2:0 Debattenvorsprung geht Kerry als Favorit in die letzte Runde. Bush kann Mittwochnacht von Kerry endgültig überholt werden.

Denn die Themen sind besorgniserregend: Die Arbeitslosigkeit ist hoch; unter Bush sind zu wenige Arbeitsplätze geschaffen worden. Kerry hält Bush vor, der erste Präsident seit der großen Wirtschaftsdepression der 30er Jahre zu sein, der keine Arbeitsplätze geschaffen hat. Der Index für Arbeitslosigkeit sei nur gefallen, weil viele Amerikaner keine Arbeit mehr suchen und von der Statistik nicht mehr erfasst werden. Inoffiziell liegt die Arbeitslosigkeit bei 7,4 Prozent. Mit einer Inflationsrate von mehr als 3 Prozent ergibt sich ein „Elendsfaktor“ (Arbeitslosigkeit + Inflation) von mehr als 10. Das reicht, um den Amtsinhaber abzuwählen.

Das gewaltige Haushaltsdefizit ist besonders gefährlich. Bush behauptet, der 11. September hätte die Überziehungen erfordert. Fakt ist jedoch, dass zwei Drittel des Defizits durch Steuerkürzungen verursacht werden. Und ein Großteil der Steuerkürzungen begünstigt die wohlhabenden 10 Prozent der amerikanischen Oberschicht. Ein Drittel der Kürzungen kommt nur einem Prozent aller Amerikaner mit einem Durchschnittseinkommen von mehr als einer Millionen Dollar zugute. Diese Begünstigung der Reichen und Superreichen, so Kerry, sollte beendet werden. Bush kontert mit diffusen Vorwürfen, Kerry wolle „die Steuern erhöhen“ und den Haushalt überziehen. Diesmal können die Republikaner die linksliberalen Demokraten nicht diffamieren. Die Begünstigung der Reichen und Superreichen ist unter Bush zu offensichtlich.

Weitere Argumente gegen Bush: Die Benzinpreise sind exorbitant, das Defizit wird in den kommenden Jahren von 500 Milliarden auf 1,2 Billionen Dollar ansteigen, die Langzeitarbeitslosigkeit hat einen Höchststand erreicht, die verarbeitende Industrie sackt ab, Arbeitsplätze werden ins Ausland exportiert, die Technologiewirtschaft steckt in der Krise, und die Haushaltsdisziplin hat sich unter Bush in Luft aufgelöst. Viele US-Staaten, so Kerry, hätten Gesundheitsprogramme gestrichen, die Ausgaben für Grund- und Mittelschulen gesenkt, die Kinderbetreuung vernachlässigt und Gebühren für Colleges und Universitäten drastisch erhöht. Kerrys Wirtschaftsplan soll die Unternehmen am Export von Arbeitsplätzen hindern und kleine und mittelständische Firmen bei der Einstellung neuer Arbeitnehmer fördern.

Bei der Krankenversicherung meint Bush, Kerry wolle den Amerikanern die freie Wahl des Arztes wegnehmen. Nichts davon ist wahr. Kerry will jedes amerikanische Kind versichern, die Menschen gegen Katastrophenfälle absichern und chronisch Kranke schützen. Die freie Arztwahl wird nicht eingeschränkt. „Bushs Behauptungen sind fundamental unaufrichtig“ schreibt der Kolumnist Paul Krugman in der „New York Times“. „Für Bush ist schwarz gleich weiß, und Misserfolge werden als Erfolge verkauft.“ Die amerikanischen Journalisten, so Krugman, sollten ihre Leser besser informieren und die Bush-Lügen entlarven.

Die dritte Fernsehdebatte in Arizona thematisiert Kerrys Hauptangriffspunkte. Draußen im Lande fühlt sich nicht jeder Amerikaner vom diffusen Terrorismus bedroht. Dort gelten Arbeit, Geldwert, Haushaltsdisziplin, Krankenversicherung, niedrige Benzin- und Ausbildungskosten und das Gefühl, vom Weißen Haus wirtschaftlich ernst genommen zu werden. „Die Wirtschaft, Du Simpel!“ hieß es 1992. Das gleiche gilt heute. Wenn Kerry auch die dritte TV-Debatte gewinnt, kommt er dem Wahlsieg sehr nahe.