DIE KATASTROPHE VON NEW ORLEANS ENTHÜLLT SCHWERE SOZIALE
PROBLEME
Friederich Mielke
Die Naturkatastrophe von New Orleans enthüllt schwere
soziale, ethnische und politische Probleme der USA. Amerikaner
sind es gewohnt, mit Naturkatastrophen zu leben. Tornados,
Hurrikane, Überschwemmungen, Schneestürme –
das Land ist leidgeprüft. Meistens können Amerikaner
gut mit Katastrophen umgehen. Sie haben viele technische Gegenmaßnahmen
entwickelt. Ein gutes Frühwarnsystem schützt die
Menschen vor Naturkatastrophen. Diesmal hat das System versagt.
Und diesmal werden die schweren sozialen Probleme evident,
die das Land unter der Oberfläche quälen: Amerikas
soziale Widersprüchlichkeit – krasse Armut und
enormer Reichtum – zeigt sich in New Orleans so schamlos
wie selten.
In New Orleans leiden Arme, Alte, Kinder und schwarze Menschen
am meisten. Sie waren nicht informiert und gewarnt, sie hatten
keine Gelegenheit, die Stadt per Bus, Bahn, Flugzeug oder
Privatauto zu verlassen. Im Auge des Sturms trifft es die
Menschen am härtesten, die materiell am schwächsten
sind. Der Süden der Vereinigten Staaten hat schwere soziale
Probleme: Armut, Analphabetismus, Arbeitslosigkeit, Kriminalität
und Teenage-Schwangerschaften passen nicht in das Bild der
beschwingten, lebensfrohen Stadt am Mississippi. Doch dieses
hässliche Bild ist real. In Mississippi und Louisiana
gibt es Nachbarschaften, die Elendsvierteln in Kalkutta oder
Lagos gleichen. „Nur Mutter Teresa geht dort hinein“,
sagte ein Professor in Baton Rouge und zeigte auf ein Schwarzenviertel,
das seit Jahrzehnten nicht von Weißen besucht wird.
Die Katastrophe von New Orleans bringt eine schockierende
und beschämende Seite Amerikas ans Licht. Etwa 20 Prozent
der Amerikaner leben unterhalb der Armutsgrenze. Viele davon
sind Schwarze. Die ethnische Frage – der Rassenkonflikt
zwischen Weiß und Schwarz – war lange kein Thema.
Doch Experten in Chicago und Los Angeles befürchten,
dass der Rassenfrieden in den amerikanischen Großstädten
zerbrechlich ist. Das hässliche Gesicht der Naturkatastrophe
bringt die Frustration und Gewalt ans Licht, die in den Ärmsten
der Armen stecken. Plünderungen, Vergewaltigungen und
Schießereien sind Ausdruck dieser Frustration. In New
Orleans zeigt sich, dass der Deckmantel der Zivilisation die
rohe Gewalt der menschlichen Psyche nur schwach bedeckt.
New Orleans erlebt eine Katastrophe, weil niemand die Deichbrüche
vorausgesehen hatte. Bisher rasten Stürme über die
Stadt hinweg, ohne die Straßen zu überfluten. Hilflosigkeit
und Chaos entstehen, weil niemand auf das Wasser vorbereitet
war. Es gab keinen Katastrophenplan für New Orleans im
Wasser. Das ist ungewöhnlich. Amerikaner wissen, dass
ihr Land ständig von Naturgewalten bedroht und verwüstet
wird. Insofern ist das Chaos von Louisiana untypisch. Wenn
Schneestürme über Chicago fegen, Tornados den Mittelwesten
verwüsten oder Feuer die Wälder von Montana vernichten,
sind Feuerwehr, Nationalgarde, Zivildienste, Ärzte und
Techniker im Dauereinsatz. Die USA haben sehr gute Mittel,
Naturkatastrophen vorauszusagen, zu kontrollieren und einzudämmen.
In New Orleans hat dieses System versagt, weil niemand das
Schlimmste befürchtete. Jetzt muss improvisiert werden.
Das kostet Zeit und Ressourcen.
Die Naturkatastrophe von New Orleans enthüllt auch,
dass Amerika zu wenig für den Katastrophenschutz getan
hat. In Washington wächst die Zahl der Kritiker, die
der Bush-Regierung die Vernachlässigung des Katastrophenschutzes
vorwirft. Wütende Bürger klagen, die Regierung gäbe
Milliarden von Dollar für den Irakkrieg aus und vernachlässige
den Katastrophenschutz. Im Irak wird das Geld für Waffen,
Munition und private Schutzdienste verfeuert. Die Katastrophe
zeigt, dass viele arme und bedürftige Amerikaner dieses
Geld für Nahrung, Schutz, Medikamente und Ausbildung
gebrauchen könnten. Arbeitslosigkeit, Armut und Hilflosigkeit
sind ein soziales und ökonomisches Problem. Wenn Politiker
es vorziehen, die öffentlichen Mittel für Krieg
und Waffen auszugeben, bleibt wenig für die „Unterprivilegierten“
übrig. Die Naturkatastrophe von New Orleans wird die
außen- und sicherheitspolitische Prioritäten in
Frage stellen. Angesichts der verheerenden Zustände in
Mississippi fragen sich die Amerikaner, ob sie nicht lieber
verstärkt in ihr eigenes Land investieren sollten.
Die vorübergehende Lähmung der Hilfsorgane ist
untypisch und nicht von Dauer. Amerika ist das Land der Hilfsbereitschaft,
des aktiven und pragmatischen Bewältigens von Problemen.
Viele Freiwillige sind bereits in New Orleans. Die Nachbarstaaten
bieten ihre Hilfe an. Eine Welle der Hilfsbereitschaft wird
durch Amerika rauschen und Geld, Nahrungsmittel und freiwillige
Dienste anbieten. Die Ex-Präsidenten Clinton und Bush
Vater sammeln Spenden. In Zeiten großer Not vergessen
die Menschen ihre politischen Positionen und rücken zusammen.
So geschehen während der „großen Depression“
in den Dreißiger Jahren oder während der bisherigen
Flutkatastrophen am Mississippi. Das Land hat eine aktive
Zivilgesellschaft, die anpackt und hilft. Kirchen, Freiwilligenverbände,
Umweltverbände oder karitative Gesellschaften engagieren
sich. Die Hilflosen von New Orleans werden versorgt, ein Geist
der Solidarität geht durch das Land.
Dennoch bleibt ein Nachgeschmack: Ein Land, das extrem teure
Kriege im Ausland führt und Milliarden für den Grenzschutz
ausgibt, vernachlässigt die Ärmsten der Armen. Ginge
es nach dem Regierungsprogramm der Republikaner, würden
noch mehr Sozialprogramme gestrichen werden. Es gibt keine
gesetzliche Krankenversicherung. Jeder ist für sich selbst
verantwortlich, sagen die Republikaner. Dennoch ist Amerika
nicht so unsozial wie viele denken. Die hilfreichen Teile
der Zivilgesellschaft – besonders die Kirchen –
leisten viel. Das wird sich auch in New Orleans beweisen.