DIE KERRY-KAMPAGNE WIRD KLARER UND KÄMPFERISCHER
Friederich Mielke
Der US-Wahlkampf erreicht seinen Höhepunkt. Umfragen
geben George W. Bush einen kleinen Vorsprung, doch Kerry bleibt
kämpferisch. Der Herausforderer führt einen zunehmend
aggressiven und dynamischen Wahlkampf. Seine Botschaft wird
klarer, knapper und streitbarer. Endlich, sagen Beobachter,
endlich kommt Kerry aus der Defensive heraus! Die Wähler
erwarten eine klare Alternative zum Amtsinhaber. Denn die
Amerikaner sind verwirrt: Die Wirtschaft steckt in keiner
Rezession, doch die Konjunktur springt nicht an; im Irak herrscht
noch keine Kriegsmüdigkeit, doch Zweifel und Kritik nehmen
zu. Die Wähler fühlen sich schlecht, doch der Unmut
ist vielleicht noch nicht groß genug, um den Amtsinhaber
zu entlassen. Bush profitierte im Herbst 2000 davon, dass
die Wähler den Demokraten keine dritte Amtszeit gönnten;
im Herbst 2004 erhält Bush Rückenwind, weil die
Wähler nicht verstehen, wohin die Wirtschaft und der
Krieg führen.
Kritiker der Kerry-Kampagne werfen dem Herausforderer vor,
seine Botschaft nicht klar und verständlich zu artikulieren.
Kerry sei zu weitschweifig und diffus. Der Bush-Kampagne scheint
zu gelingen, Kerry als wankelmütigen, elitären und
„weichen“ Kandidaten zu diskreditieren. Dieses
Negativbild wird von Cheney und Bush täglich propagiert
und soll sich zu einem „frame“ verhärten
– einem Vorurteil, das sich durch Wiederholungen ins
Bewusstsein der Wähler eingräbt. Bush pflegt das
Image des ehrlichen Cowboys, der aufrichtig und mutig seinen
Krieg führt, im Kampfflugzeug landet und Amerika vor
dem Bösen rettet. Dass Kerry durch seinen Kriegsdienst
der echte Held ist, wird unter Bergen von Verleumdungen und
Lügen begraben.
Der Durchschnittswähler sucht klare und einfache Antworten.
Kerrys intellektuelle Wähler in New York und San Francisco
wissen, dass er politisch vorsichtig, vernünftig und
erfahren denkt und handelt. Doch im Wahlkampf muss Kerry „holzen“.
Bush klotzt erfolgreich: Er genießt es, seine Botschaft
den Wählern klar und kernig einzuhämmern. Der texanische
Holzfäller sieht sich schon als strahlender Sieger.
John Kerry hat jetzt erkannt, dass seine Strategie der differenzierten
Analyse den Wähler nur begrenzt erreicht. Beispiel Irak:
Kerry scheint dem Rat des Chef-Beraters der Bush-Regierung,
Karl Rove, zu folgen: Der politische Gegner sollte dort attackiert
werden, wo er sich besonders sicher fühlt. Bei Bush ist
dies die Irakpolitik. Es ist Bush gelungen, den Wählern
das Bild eines „erfolgreichen“ Kriegs gegen den
Terrorismus zu suggerieren. Und der Irakkrieg, so Bush, sei
Teil des globalen Krieges.
In seiner New Yorker Rede vom 20. September hat Kerry das
Irak-Bild der Bush-Regierung als Trugbild entlarvt. Bush hätte
Amerika in einen tödlichen Sumpf geführt; Amerika
sei heute nicht sicherer als vor dem Krieg; die Nachrichten
aus dem Irak werden täglich schlechter. Inzwischen äußern
selbst Republikanische Senatoren Zweifel am Irakkurs der Bush-Regierung.
Die Geduld der amerikanischen Wähler ist begrenzt. Sie
wollen die Irakinvasion als Erfolg abbuchen, doch die Hoffnung
auf Fortschritte prallt auf die hässliche Realität
im Irak. Hier greift Kerry an. Er zeichnet ein düsteres
Bild der irakischen Wirklichkeit und fordert eine ehrliche
nationale Debatte über den Krieg. Die Gewalt nimmt zu,
die Lebensbedingungen verschlechtern sich, die Arbeitslosigkeit
liegt bei 50 Prozent, und die meisten Iraker hätten den
Glauben an eine Verbesserungen ihrer Lebensumstände verloren:
Dies sei die Wahrheit, sagt Kerry – eine Wahrheit, die
der Oberkommandierende den US-Truppen und der amerikanischen
Bevölkerung schulde. Denn – so Kerry: „Durch
die Irakpolitik der Bush-Regierung ist die Welt für Amerika
und die Amerikaner gefährlicher geworden.“
Die Bush-Regierung würde ihre Fehler nicht korrigieren
sondern verdrängen. Im Irak hätte die Bush-Regierung
falsche Ziele verfolgt, unredliche Kostenpläne vorgelegt,
unwahre Begründungen gegeben und Fehlurteile von historischer
Größe gefällt. Die Konsequenz sei eine lange
Liste von Fehlentscheidungen mit schrecklichen Folgen. Kerrys
zieht eine Negativbilanz: „Die Gefahr von Nuklearschlägen
ist weltweit gestiegen, der internationale Terroristenclub
wird größer, im Nahen Osten wächst der Radikalismus,
Amerika hat seine Freunde gespalten und seine Feinde vereint,
und Amerikas weltweites Image ist auf dem historischen Nullpunkt.“
Und dann definiert Kerry seine Irakpolitik – klar und
verständlich: Er fordert mehr internationale Unterstützung
für den Irak; er will die irakischen Sicherheitskräfte
ausbilden und fördern, einen Wiederaufbauplan für
das irakische Volk umsetzen und alles tun, um die versprochenen
Wahlen zu ermöglichen: „Die ganze Welt muss Verantwortung
für den Irak übernehmen“, fordert Kerry. „Denn
die Welt ist am Ergebnis dieser Maßnahme interessiert
und sollte die Lasten mittragen.“ Mehr Iraker und weniger
Leute von Halliburton sollten am Wiederaufbau beteiligt werden.
Der neue Präsident sollte keine Firmen beauftragen, die
unter Betrug- und Korruptionsverdacht stehen. Inhaltlich mag
die Kerry-Strategie umstritten sein. Doch niemand kann jetzt
dem Senator noch vorwerfen, sein Konzept sei nicht mehr klar
und konkret.
Die kämpferische Rede des Senators Kerry leitet die
Endphase des US-Wahlkampfes ein. Die Demokraten zeigen, dass
sie den kleinen Vorsprung der Bush-Kampagne einholen können
und wollen. Die endgültige Prüfung steht noch bevor:
Am 30. September, am 8. Oktober und am 13. Oktober werden
sich Bush und Kerry in den Fernsehdebatten gegenüber
stehen. Dann wird sich endgültig zeigen, wer als Favorit
am 2. November in die Wahl geht.