DIE FERNSEHDEBATTEN SIND JOHN KERRYS GROßE CHANCE
Friederich Mielke
Amerikanische Wahlkämpfe finden im Fernsehen statt.
Sehr viel steht auf dem Spiel, wenn am 30. September Bush
und Kerry zum ersten Mal debattieren. Stil, Inhalt und Atmosphäre
ihres Auftritts können den Wahlausgang stark beeinflussen.
Etwa 20 Prozent der Zuschauer kennen Kerry kaum, 30 Prozent
wollen alle drei Debatten anschauen und sich dann entscheiden.
Etwa 30 bis 40 Millionen Zuschauer werden erwartet. Für
beide Kandidaten bieten die Debatten eine große Chance,
die unentschiedenen Wähler nachhaltig zu beeindrucken.
Kerry liegt Ende September mit etwa fünf Prozentpunkten
hinter Bush. Er muss die Debatten gewinnen, um am 2. November
eine Chance zu haben.
Kerry ist bisher seltener im Fernsehen erschienen als George
W. Bush. Die Wähler fragen: Wollen wir diesen Mann in
Zukunft in unserem Wohnzimmer sehen? Bei Ronald Reagan und
Bill Clinton war man sich einig: Reagans Humor und Clintons
Charme kamen an. Diese Spitzenpolitiker hatten Charisma. Sie
strahlten Zuversicht und Witz aus und waren einfach sympathisch.
John Kerry lässt sich schlecht einordnen: Er ist sachlich,
ernst, nachdenklich und nur selten witzig. Die lockere, freche
Art des Amtsinhabers spricht alle an, die den raubeinigen
und geradlinigen Charakter des Präsidenten schätzen.
Bush junior geht mit Amts-Bonus, Sympathie-Bonus und viel
Selbstvertrauen ins Rennen.
Kerry ist ein exzellenter Debattenredner. Er hat Debattierclubs
in der Schule und im Studium geleitet und im Wahlkampf alle
Rededuelle gewonnen. Die Bush-Kampagne wäre schlecht
beraten, John Kerry als Debattengegner zu unterschätzen.
Kerrys Vorzüge sind analytisches Denken, schnelle Reaktion
und hervorragende Sachkenntnisse. Seine Nachteile: langatmige
Sätze und komplizierte Begründungen einfacher Zusammenhänge.
In politischen Sachfragen ist Kerry absolut fit. Doch das
Fernsehen ist kein abstraktes Medium. Vor der Kamera zählen
Krawattenfarbe, Lächeln, Ausstrahlung und Charme. Seit
1960 wissen wir, dass John F. Kennedy Nixon geschlagen hat,
weil Kennedy optimistischer und heiterer aussah. Nixon wirkte
düster und verklemmt.
Der Chefstratege der Bush-Kampagne, Matthew Dowd, hält
Kerry für „den besten Debattierer, der sich je
um das Präsidentenamt bemüht hat.“ Kerry sei
„unglaublich schnell und wortgewandt.“ Obwohl
Kerry „besser als Cicero“ sei, müsse er eine
persönliche Beziehung zum Zuschauer finden. Er muss Sympathie
erzeugen, ein subjektiver Faktor, der ohne politische Inhalte
entsteht. Form, Stil und äußerer Schein siegen
über Kompetenz und logisches Denken.
Bei Fernsehdebatten soll der Kandidat emotional überzeugen
– weniger durch kluge Einsichten und mehr durch Ausstrahlung
und Persönlichkeit. „To feel comfortable with someone“
heißt, jemanden gern haben, sich beim Anblick eines
Menschen wohl fühlen – und darum geht es bei den
Debatten. Chris Lehane, Pressesprecher der Gore-Kampagne,
wird von „Time Magazine“ mit der Erkenntnis zitiert,
die Debatten seien eine Art „Reality Fernsehen“:
„Die Leute schauen nicht zu, um Punkte zu zählen.
Sie wollen herausfinden, wen sie mögen und mit wem sie
sich wohl fühlen.“
Die erste Debatte am 30. September in Coral Gables in Florida
thematisiert die Außen- und Sicherheitspolitik. Bush
führt bei diesem Thema. Doch das Blatt hat sich gewendet.
Seit Kerrys militanter Rede zur Irakpolitik in New York wächst
Kritik an der Bush-Regierung. Die Themen Terror und Irak werden
nicht mehr ausschließlich von der Regierung besetzt.
Presse, Opposition und Wähler werden kritischer: Warum
gab es keine Massenvernichtungswaffen im Irak, warum bestand
keine Verbindung zwischen dem 11. September und Saddam Hussein,
warum sterben US-Soldaten 16 Monate nach offiziellem Kriegsende,
warum hatte die Bush-Regierung keine Pläne für die
Nachkriegszeit, und warum müssen die USA Kosten und Opfer
im Irak fast allein bezahlen?
Bush steht einem erfahrenen und erfolgreichen Debattierer
gegenüber. Er übt fast täglich, schaut sich
Videos mit Kerry-Debatten an und hofft, Sympathie durch volkstümliches
Auftreten zu gewinnen. Auch Bush ist ein guter Debattierer.
Im Herbst 2000 sah er gegen Al Gore gut aus. Bush hatte sich
locker und klar präsentiert und den leicht verworrenen
Gore ausgestochen. Gore konnte dennoch eine halbe Million
Stimmen mehr für sich gewinnen.
Nach den Debatten streitet sich das Land darüber, wer
gewonnen hat. Dieses als „spin“ bekannte Phänomen
ist diffus. Das von Kolumnisten und Meinungsforschern geprägte
Bild beeinflusst alle, die das Rededuell nicht gesehen haben.
Wenn sich der Eindruck verhärtet, ein Kandidat sei herablassend
oder arrogant aufgetreten, wird dieser Eindruck kritiklos
übernommen. So erging es Al Gore: Der Kandidat hatte
überzeugend argumentiert, doch Bush sah volksnah aus,
bodenständig und schlicht. Im Vergleich zum populären
Bush wirkte Gore blasiert und abgehoben.
Kerry geht als Favorit in die Debatten. Seine rhetorischen
Kompetenzen sind Bush überlegen. Und Kerry ist besonders
stark motiviert: Er muss überzeugen, klar und einfach
argumentieren und Selbstvertrauen und Leichtigkeit ausstrahlen.
Kurz: Kerry muss als klügere und sympathischere Alternative
zum Amtsinhaber auftreten. Inhaltlich sollte ihm dies gelingen.
Die Frage bleibt, ob er als Sympathieträger punkten kann.
Denn Kerry schwitzt schnell. Mit Schweiß auf der Stirn
sieht er nicht gut aus. Amerikas Frauen fühlen sich dann
leicht abgestoßen. Und Kerry hat die Herzen der Frauen
noch nicht mehrheitlich erobert. Es wäre eine Ironie
des Schicksals, wenn Kerry Schweißtropfen über
das politische Schicksal von Amerika und der Welt entscheiden.