DAS KONSERVATIVE AMERIKA WIRD DIE US-AUßENPOLITIK BESTIMMEN

Friederich Mielke

Die Wiederwahl von George W. Bush hat viele Europäer enttäuscht. John Forbes Kerry galt als Hoffnungsträger einer Politik, die europäischen Interessen und kulturellen Sensibilitäten entsprach. Kerrys Kritik an der „arroganten und rücksichtslosen Außenpolitik der Bush-Regierung“ fiel auf fruchtbaren Boden. Inzwischen hat sich die Aufregung gelegt, und die Kanzleien und Redaktionen Europas stellen sich auf die zweite Amtszeit der Bush-Regierung ein. Ein deutsches Nachrichtenmagazin empfiehlt, die Augen zu schließen und die nächsten vier Jahre zu ignorieren. Besser wäre, die Europäer könnten sich mit der Bush-II-Regierung arrangieren. Denn die konservative Mehrheit hat sich in den USA konsolidiert. Die linksliberalen Kräfte sind in der Defensive. Es kommt jetzt darauf an, die konservative Hegemonie innerhalb der USA zu verstehen und angemessen darauf zu reagieren.

Amerika hat keinen „Rechtsruck“ erfahren. Die zunehmend konservative Tendenz in der amerikanischen Politik hat sich über Jahrzehnte gefestigt. Bush hatte 2004 eine knappe Mehrheit – besonders in Florida und Ohio. Diese Mehrheit hat sich nach der Wahlkatastrophe vom November 2000 konsolidiert. Außerhalb der USA entsteht leicht der Eindruck, ganz Amerika sei jetzt rechts, fundamentalistisch und hoffnungslos wertekonservativ. Dem ist nicht so. Das linksliberale Amerika lebt weiter – in Boston, New York, Chicago oder San Francisco. Wer als Tourist die „Schokoladenseite“ der USA besucht – an der Ostküste oder in Kalifornien – übersieht leicht die Flächen-, Berg- und Präriestaaten zwischen Hudson und Sacramento. Die Europäer fühlen sich in der linksliberalen und permissiven Kultur von San Francisco oder New York wie zuhause. Die texanischen Weiten, den Süden und den Westens und Mittelwesten lernen sie nicht kennen. Für sie bedeutet Bush eine amerikanische Verirrung.

Doch Bush ist inzwischen mehrheitsfähig. Die konservative Hegemonie im Weißen Haus, im Kongress und zunehmend im Obersten Gerichtshof ist stark und beständig. Die Vorherrschaft der Demokraten in den 60er Jahren wurde auf den Kopf gestellt: Eine „konservative Revolution“ hat sich in den 90er Jahren vollzogen; sie kann nicht mehr aufgehalten werden. Die Linksliberalen Amerikas hassen Bush. Sie beklagen den knappen Wahlverlust im November 2000 und den Verlust der Demokratischen Mehrheit im Kongress. Die Bush-Hasser machen Karriere: Der Politikproletarier Michael Moore führt das Rudel an und vernichtet das Image der USA im Ausland. Inzwischen gleicht der Hass auf Bush dem Hass auf Clinton, der in den 90er Jahren Washington prägte. Die Republikaner hatten Clinton als Drogenhändler und Mörder diffamiert. Heute wird Bush mit Hitler verglichen: Auf der Website „Counterpunch.com“ steht, Bush hätte „nur nicht das rhetorische Talent des deutschen Diktators.“

Die Dämonisierung des US-Präsidenten hat dessen Basis konsolidiert und die Wechselwähler verstört. Das linksliberale Amerika hat Angst vor dem Verlust politischer Macht. Die Liberalen fürchten, Bush hätte den 11. September missbraucht, um das Land in ein konservatives Korsett zu zwingen. Der Hass auf Bush ist somit größer als der Hass auf Clinton. Doch trotz der Republikanischen Hegemonie bleibt Amerika moralisch, politisch und kulturell gespalten. Gleichgeschlechtliche Ehe, Abtreibung, Integration von Immigranten oder die Todesstrafe bleiben kontroverse Themen – auf dem Lande und in der Stadt. Amerika erlebt einen endlosen Kulturkampf. Die Autonomie der Gemeinden und Einzelstaaten verhindert dabei, dass Washington dem Lande seinen moralischen Willen aufzwingt. Amerika bleibt multidimensional und moralisch komplex. Das Schwarz-Weiß-Denken vieler europäischer Beobachter übersieht die geographische, ethnische, religiöse, moralische und politische Vielschichtigkeit der Vereinigten Staaten – trotz der Republikanischen Hegemonie in Washington.

Europa steht vor der Wahl: Entweder man respektiert die USA mit ihrer politischen Führung, oder man wendet sich infantil ab und bewirft sich gegenseitig mit Schmutz. In den letzten Jahren haben Europäer und Amerikaner die Contenance verloren. Die transatlantische Krise wurde von Wunschdenken, Missverständnissen, Antipathie und seelischen Verzerrungen geprägt. Der Pragmatismus blieb dabei auf der Strecke. Amerikaner und Europäer konnten den Teufelskreis gegenseitiger Beschimpfungen nicht sprengen. Beim Amtsantritt von Bush-II bietet sich die Chance, erneut auf einander zuzugehen und die Realität der Republikaner nicht zu verdrängen oder zu ignorieren.

Die Bush-Regierung ist selbstgerecht und unfähig, aus Fehlern zu lernen und eine Kurswende vorzunehmen. Das mag bedauerlich und destruktiv sein. Die Europäer können die USA jedoch nur diplomatisch, politisch und militärisch beeinflussen, wenn sie die Hegemonie der Republikaner akzeptieren und sich mit der politischen Realität der USA auseinander setzen. Die transatlantische Wertegemeinschaft kann der Welt ein Vorbild sein, wenn der Westen als wirtschaftliche, politische und kulturelle Interessengemeinschaft am gleichen Strang zieht. Da die Republikaner langfristig in Washington den Ton angeben, können sich die Europäer an die konservative Regierungsmehrheit gewöhnen und versuchen, mäßigend und konstruktiv auf die Amerikaner einzuwirken. Dies ist eine schwere und frustrierende Arbeit. Auf dem Spiel steht jedoch das Modell einer Welt, in der die Spitzendemokratien USA und EU die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts gemeinsam besser bewältigen als gegen einander.